Emil Nolde: "Kerzentänzerinnen", 1912.

Foto: Nolde-Stiftung, Krause, Johansen

Wien - 1600 Nolde-Blumen ließ das Gartenamt Baden-Baden rund um die Ausstellung Die Pracht der Farbe im Museum Frieder Burda erblühen. Rund 80 Blumenbilder Emil Noldes (1867-1956) waren in der Ausstellung zu sehen, die bis Mitte Oktober 140.000 Besucher angelockt hat. Der Herbst in Wien verspricht zwar keine Blumen, aber mit Emil Nolde. In Glut und Farbe im Belvedere auch sehr farbstark zu werden.

Das intensive Kolorit kommt bei Nolde fast in jedem Ausstellungstitel vor, sagt Kurator Stephan Koja, dem in diesem Zusammenhang besonders Farben heiß und heilig (Stiftung Moritzburg, 2013) gefällt; es ist genauso wie In Glut und Farbe ein Zitat Noldes.

Statt allein Blumen präsentiert Koja gut 190 Werke aus allen Schaffensperioden, gliedert sie in logische, chronologische Kapitel. Und fürwahr begegnet dem Betrachter dort ein leidenschaftlicher Farbmagier: Bevor er um 1910/11 die Farbe in seinem Oeuvre entfesselte, strichelte er im Frühwerk expressionistisch: etwa drollige Bergriesen, aufreizende Traumwesen oder beschauliche Landschaften. Es folgen pastose Stimmungsbilder der See: vom Gewittersturm aufgewühlt, vom Sonnenuntergang in Brand gesteckt oder verhängnisvoll und tiefschwarz. Nolde stürzt sich mit seiner Ada in nächtliche Halbwelten, malt Tänzer, Trinker, Teufel. In großem Kontrast dazu, die religiösen Bilder Noldes, die viele seiner Kollegen nicht guthießen; Ernst Ludwig Kirchner, einstiger "Brücke"-Kollege beklagte den "Formenschatz des Mittelalters".

Neben dämonisch leuchtenden Landschaften der 1920er- und mystischen Meerbildern der 1940er-Jahre widmet man sich Noldes Südseereise, dem Einfluss auf österreichische Maler und zu guter Letzt den "legendären 'ungemalten Bildern'":

Er fühlte sich unverstanden ...

Nolde - zur NS-Zeit als "entartet" eingestuft und mit Malverbot belegt - schuf diese Aquarelle, die "nicht sein durften" zurückgezogen im Geheimen. Es grämte ihn zutiefst, so verfemt zu werden, war er doch Parteimitglied seit 1934 und hatte im Memoirenband Jahre der Kämpfe guten Einblick in seinen Antisemitismus gegeben.

Die "Glut" im Titel darf jedoch nicht als Verweis auf Noldes glühende Nazi-Anhängerschaft gedeutet werden. Die Ausstellung belässt es bei kurzen Verweisen auf "Mitgliedschaft" und "Sympathie". Aber ein zeitgeschichtliches Kapitel zu Noldes bereits um 1910 geführten "Kulturkämpfen gegen die Überfremdung (...) und die alles beherrschende jüdische Macht" hätte einer Retrospektive mit derart umfassendem Anspruch gut zu Gesicht gestanden.

... der Bewunderer Hitlers

Und zwar nicht nur, weil Die Zeit diesen Aspekt in Noldes Biografie aufgrund von Briefen an seinen Schüler Hans Fehr vergangene Woche aufgegriffen hat. Dort ist unter anderem zu lesen: "Der Führer ist groß und edel in seinen Bestrebungen". Bald werde "die Sonne hier durchbrechen, diese Nebel zerstreuend". Naturvergleiche, wie sie sich im Grunde auch in den dramatischen Bildern Noldes wiederfinden lassen; seine Ansichten werden nicht besser, nur weil die Nationalsozialisten seine Kunst nicht als "ihre" erkannten.

Wie auch Koja bemerkt, sind diese Aspekte in Noldes Biografie ebenso aus anderen Quellen bekannt. Noldes "blöde" Aussprüche allerdings nur im Katalog zu zitieren oder auf Publikationen wie Mein Leid, meine Qual, meine Verachtung. Emil Nolde im Dritten Reich (Thomas Knubben, 1999) zu verweisen, reicht das? Reicht es, keine Propagandakunst gefertigt zu haben, keine Filme wie Heimkehr (G. Ucicky, 1941)? Ist Kunst Kunst und Zustimmung zur NS-Ideologie reine Charakterfrage?

Im Fall des Bildhauers Gustinus Ambrosi, der sich vom Speer-Günstling zum "Nazi-Opfer" stilisierte (Nolde: erst von Göbbels gesammelt, dann "Parade-Entarteter"[Koja]) wurde von Francesca Habsburgs Kunstplattform TBA21, die seit 2012 dessen Augarten-Atelier bespielt, Historiker Oliver Rathkolb mit einem Essay beauftragt. Das wäre auch dem Belvedere zumutbar gewesen.

Ist es ein österreichisches Phänomen? Angesichts dessen, das Österreich sich im Museum Auschwitz-Birkenau bis zum 22. Oktober "entgegen dem zeitgemäßen Geschichtsbild" noch als "erstes Opfer des Nationalsozialismus dargestellt" hat (Hannah Lessing, Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus), läge dieser Verdacht nahe. Aber dem ist nicht so.

Im Katalog zu Mensch Natur Mythos (2009, Staatliche Museen zu Berlin) wird Noldes Klagen und Bitten um Aufhebung der Diffamierung als "entartet" mit Hinweisen auf seinen Kampf "gegen die Überfremdung der deutschen Kunst" relativiert. Von "taktisch begründeter Affirmation der NS-Ideologie" ist hier die Rede. Das ist heruntergespielt. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 25.10.2013)