Männer lügen sich oft in die eigene Tasche, wenn es um Gleichstellung geht.

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Studierende nach Geschlecht in der Ökonomie.

Wissenschaftsministerium

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Studierende nach Geschlecht in der Mathematik.

Wissenschaftsministerium

Nach sieben oder acht ist es mir aufgefallen. Männer. Alles Männer. Dann stand mein Podcast bei elf Gästen. Frauenanteil: null Prozent.

Ein Blick ins Archiv. Ich interviewe meistens Ökonomen, selten waren es Frauen, das war mir klar. Wie wenige, erschütterte mich dann doch. 46 Interviews habe ich in den vergangenen vier Jahren geführt, davon 42 mit Männern.

Ich werfe einen Blick auf meine Kollegen. Wer schreibt öfters über ökonomische Fragen? Ich zähle durch, sieben von neun, die mir einfallen, sind Männer.

Was zum Teufel ist da los?

Ich war immer der Ansicht, dass ich mir der massiven Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern bewusst bin. Jetzt muss ich feststellen: In meiner tagtäglichen Arbeit war ich blind. Hatte ich für ein Statement die Auswahl zwischen zwei Expertisen, ich habe versucht, die Frau zu Wort kommen zu lassen. Das macht die Arbeit mühsamer, denn es wimmelt nur so von Männern, die zu allem eine Meinung haben. Ich habe es viel zu selten getan.

Meine längeren Interviews sind Gespräche mit bekannten Forschern. Hier habe ich, anders als in der normalen Berichterstattung, nicht auf das Geschlecht geachtet. Das Resultat: 91 Prozent Männer – ein Desaster.

Dass das Ganze ein Teufelskreis ist, dass ich mit meinen Interviews mitentscheide, wer bekannt wird und wer nicht, ich habe es ignoriert.

Fest in Männerhand

Ich habe Ökonomie studiert, ganz neu ist mir das Problem nicht. Beim Blick auf die nackten Zahlen erschrecke ich dann aber doch. 98 der 100 der Ökonomen, die am häufigsten zitiert werden, sind Männer. 77 von 78 Gewinnern des Wirtschaftsnobelpreises: Männer.

Ich greife zum Hörer. Haben die Chefs der jeweiligen Uni-Institute eine Erklärung? Immerhin sind sie es, die über Jobs entscheiden. Relativ rasch stelle ich fest, dass das zu nichts führt. "Das war schon immer so." – "Ich glaube nicht, dass es bei uns Diskriminierung gibt." – "Damit habe ich mich noch nie beschäftigt." – "Ich weiß es nicht."

Warum ist die Ökonomie fest in Männerhand? Die Leute an den Schalthebeln – unter ihnen auch Frauen – haben keine Antwort. Es mangelt wohl am Bewusstsein, wie bei mir.

Sexismusskandal in den USA

Dabei wird in den USA – das Land dominiert die Wissenschaft – seit Wochen über Sexismus in der Ökonomie diskutiert. Eine Studie hat über eine Million Beiträge im wichtigsten Online-Forum der Disziplin untersucht. Wie wird über Ökonomen, wie über Ökonominnen geredet, wollte eine PhD-Studentin wissen.

Das Ergebnis ist eine Schande. Ging es in Diskussionen um Frauen, fielen folgende Wörter am häufigsten: "hotter", "lesbian", "baby", "sexism", "tits". Bei Männern: "adviser", "Austrian" (eine Denkschule der Ökonomie, Anm.), "mathematician", "pricing", "textbook".

Ja, anonyme Online-Foren sind besonders anfällig für sexistischen Mist, und nein, die meisten Männer in der Ökonomie reden nicht so über ihre Kolleginnen – zumindest die, die ich besser kenne. Eines ist trotzdem klar: Die Ökonomie hat ein Frauenproblem. Oder, besser gesagt, ein Männerproblem.

Geschlechter und die Mathematik

Antworten auf das Warum gibt es zur Genüge – man muss nur nach ihnen suchen.

Wer Volkswirtschaft studieren will, braucht Mathematik. Und schon in der Volksschule wissen Mädchen, dass sie darin eigentlich schlecht sein sollten. Später werden sie das dann tendenziell auch. Dass Vorurteile unter Druck – also etwa vor der Klasse oder bei einer Prüfung – dazu führen, dass aus ihnen Realität wird, ist gut belegt.

Das ist übrigens nicht überall so: In vielen Ländern sind Frauen genauso gut in Mathematik wie Männer. Und zwar in jenen, die in der Gleichstellung tendenziell viel weiter sind als Österreich – etwa Island.

Aber: In der Ökonomie steht es um Frauen noch schlechter als in Mathematik. In Österreich sind dort 43 Prozent der Bachelor-Studierenden weiblich, in der Ökonomie 35 Prozent. Vorbilder fehlen. Wenn ein Jugendlicher noch nie einen Mann gesehen hat, der sein Geld mit dem Schneiden von Haaren verdient, kommt er wahrscheinlich nicht auf die Idee, Friseur zu werden.

Die erste Frau

Das mischt sich mit einem gewissen Größenwahn, "Ökonomen wollen die Welt erklären", sagt Katharina Mader. Auch wenn sie das selbst zum Studium motiviert habe, spreche das wohl eher Männer an.

Mader kennt sich gut mit dem Thema aus. Sie forscht an der Wiener Wirtschaftsuniversität zu Gender und Ökonomie (87,5 Prozent der Ökonomie-Professoren sind Männer), war Chefin des Arbeitskreises für Gleichbehandlung und hat das Problem nicht zuletzt selbst zu spüren bekommen.

In der Ökonomie sei der Fokus stark auf Individuen gerichtet, sagt Mader, wer es nicht nach oben schaffe, habe sich eben nicht genügend angestrengt. Deshalb fehle oft das Verständnis für Probleme von Frauen.

Die Ökonomin ist Gast Nummer zwölf meines Podcasts – und die erste Frau. Auf Twitter hat das berechtigterweise für Kritik gesorgt. Mit einer Frau redet er also nur dann, wenn es um Frauen geht. Ich habe aber keinen einzigen männlichen Ökonomen in Wien gefunden, der sich mit dem Thema Gender beschäftigt. Es scheint uns Männer nicht sehr zu interessieren.

Das ganze Gespräch mit Katharina Mader zum Nachhören.

Und es gibt kaum andere Wirtschaftswissenschafter im Land, die sich mit dem Thema so gut auskennen wie Mader.

Steinerner Weg nach oben

Die Ökonomie zieht aber nicht nur deutlich mehr Männer an, sie spuckt auf dem Weg nach oben auch mehr und mehr Frauen aus. Wenn ein Drittel der Studierenden Frauen sind, aber nur zwei Prozent der Top-Ökonomen, dann passt da etwas nicht. "Leaky pipeline" nennen Forscher das.

Das Feld sei extrem kompetitiv, Ellbogen seien hier wichtiger als in anderen Studien, sagt Mader. Die gläserne Decke im Fach ist durch Studien belegt. Jobs seien sehr unsicher, Forscher müssten mobil sein – für Frauen, die sich häufiger um Kinder und Pflege kümmern, sei das schwierig. Außerdem würden Männer lieber Männer einstellen, "eine kritische Masse an Frauen kann das aber aufbrechen".

"Sie ist eine Frau, die kann das nicht können", das vom Professor zu hören sei – Mader hat 1999 zu studieren begonnen – Usus gewesen. Der Altherrenwitz sei nach wie vor ein Thema, "definitiv macht es einen Unterschied für den Diskurs, wie divers Teams sind". Dass Frauen in der Ökonomie diskriminiert werden, ist belegt (hier und hier).

Ein Bruch mit Rollenbildern

Was lässt sich also machen? Fachleute bringen ähnliche Vorschläge, wie wir sie aus anderen Bereichen kennen: Frauen müssen gezielt gefördert werden, es braucht aktivere Väter, ein stärkeres Problembewusstsein, einen Wandel der Arbeitswelt (müssen Sitzungen um 15 Uhr stattfinden?), bessere Kinderbetreuung, flächendeckende Ganztagsschulen, einen Bruch mit veralteten Rollenbildern und nicht zuletzt: Quoten.

Auch für mich. Ich habe die vergangene Woche viel über meine Rolle nachgedacht. Als Journalist entscheide ich mit, wer gesehen wird und wer nicht. Ich verordne mir eine Quote – anders wird es nicht funktionieren, so ehrlich muss ich zu mir selbst sein.

Für meine künftigen Interviews setze ich mir 40 Prozent Frauen als Mindestziel. 50 Prozent wären spitze – wenn an der Wirtschaftsuni aber knapp 90 Prozent der Professuren von Männern besetzt sind, wäre das wohl am Ende nicht einzuhalten.

Es ist jedenfalls Zeit für mich, die Augen zu öffnen. (Andreas Sator, 18.9.2017)

PS: Das ganze Gespräch mit Katharina Mader können Sie hier nachhören.