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Arnon Grünberg ist zwei Wochen lang "Der Ersatzvater" und hat er sich für eine Familie mit vier kleinen Töchtern entschieden: "Gerade als Ersatzvater darf man die Herde nicht auf Distanz halten."

Foto: Imago

Ab nächsten Dienstag lesen Sie auf derstandard.at, wie es Arnon Grünberg in seiner neuen Ersatzfamilie geht.

Mein Vater war 59, als ich geboren wurde. Auf der Straße und in Geschäften wurde er oft für meinen Opa gehalten. Er tat, als sei es selbstverständlich, dass Väter für Großväter gehalten wurden. In die Erziehung mischte er sich kaum ein, als wäre er heimlich tatsächlich Großvater. Er war abwesend und anwesend zugleich, abwesend in seiner Anwesenheit, denn er war immer zuhause, er saß im Wohnzimmer am Esstisch und hörte Radio. Das Alter meiner Eltern war geheim, und auch das hielt ich für selbstverständlich. Ich dachte, alle Eltern würden ihr Alter, und vielleicht sogar noch mehr, vor ihren Kindern geheim halten. Wenn ich wüsste, wie alt meine Eltern waren, würde mir klar, wie schnell ihr Tod käme.

Selbst bin ich inzwischen 46 und rechne ernsthaft damit, noch Vater zu werden, vorzugsweise bevor ich das 59. Lebensjahr erreiche. Gleichzeitig gebe ich zu, dass mir ein Kind mehr Angst einjagt als fast alles andere. Ein eigenes Kind kommt mir vor wie eine existenzielle Bedrohung. Dennoch kann ich ein unbestimmtes Verlangen nach dieser Bedrohung nicht leugnen. Und was ist ein eigenes Kind? Worin unterscheidet es sich von dem Kind eines anderen, das versorgt werden muss?

2004 wurde mein Patenkind geboren. Für ihn bin ich eigentlich schon ein Vater. So wie mein Vater abwesend war in seiner Anwesenheit, so hoffe ich, für ihn anwesend zu sein in meiner Abwesenheit. Vor ein paar Jahren fragte er, ob ich ihn weniger lieb haben würde, wenn ich ein eigenes Kind hätte. Eine herzzerreißende Frage. Ich sagte, ich würde nie mehr jemanden so lieb haben wie ihn. Obwohl mir klar war, dass eine Drohung über unseren Köpfen schwebte: das "eigene Kind". Die "Ersatzvaterschaft" schien mir für Anfänger geeignet. Wenn Leben Üben ist, wenn man auch nicht so recht weiß, wofür, müsste ich dann nicht auch für die Vaterschaft üben? Vielleicht würde die Schlussfolgerung lauten: kein Talent.

Ich startete einen Aufruf , dass ich Ersatzvater werden wollte. In vielen Familien ist der Vater oft auf Reisen oder Radfahren mit seinen Freunden. Ich bot an, seine Aufgaben vorübergehend zu übernehmen. Natürlich würde ich darüber schreiben, das ist, was ein Schriftsteller macht. Er schreibt über alles. Dutzende Mütter, mitunter auch Väter, meldeten sich. Letztendlich blieben acht Familien übrig, die ernsthaft in Betracht kamen. Im Frühsommer besuchte ich sie. Eine Art Date. Passen wir zusammen? Welche Erwartungen werden an einen Ersatzvater gestellt? Wo soll er schlafen? Läuft er nackig durchs Haus oder trägt er einen Bademantel?

Yu Lian / Niels, Amsterdam

Yu Lian schrieb: "Im Sommer wohnen wir an den Wochenenden in unserem Strandhaus in Castricum. Meine Familie besteht aus meinem (zweiten) Ehemann und mir, Tochter (13, aus meiner ersten Ehe), Tochter (sechs) und Tochter (vier). Ich habe einen Vollzeitjob, und darum wird vom Vater viel erwartet (mithilfe der Babysitter) ..."

Ich sitze in einem schönen, hellen Wohnzimmer in der Nähe vom Amsterdamer Zoo. Die beiden jüngsten Töchter, Lauren und Alexa, sind zuhause. Alexa trägt ein Hörgerät. "Sie hat ein wenig Probleme mit dem Hören", sagt Yu Lian, "und eine Weile haben wir uns Sorgen über ihren Wortschatz gemacht, aber es geht gut. Wir haben alle Gebärdensprache gelernt." Der Vater, Niels, ist auch da, sagt aber wenig. Yu Lian zeigt mir Fotos von dem Ferienhäuschen. "Was erwartet ihr von einem Ersatzvater?", will ich wissen. "Ja, was machen Papas?", fragt Yu Lian ihre Töchter. "Den Abwasch, kochen, Jonas im Walfisch spielen." Dann kommt Lila aus erster Ehe herein. Sie war mit ihrem Hockeyteam schwimmen. Lila sagt zu ihrer Mutter: "Meine Freundinnen finden ihre Mütter voll doof, aber ich finde dich toll." Beim Abschied sagt Yu Lian zur mir: "Ich will dir zeigen, wie viel Schönheit darin steckt, in der Familie."

Bernadette/Maxim, Amstelveen

Das Haus hat einen schönen Garten, in dem ganz hinten ein Häuschen steht. Auf dem Tisch eine Obstschale. Sie haben zwei Jungen, Pierre und Benjamin. Pierre ist bei einem Freund. "Ja", sagt Bernadette, "da können Maxims Eltern dann später rein. In das Häuschen. Wenn sie unsere Pflege brauchen. Aber es muss noch eine Toilette eingebaut werden." Bernadettes Mutter ist Flämin mit Französisch als Muttersprache, ihr Vater war Bürgermeister in einem Dorf in Süd-Limburg. Maxim ist 1980 mit seiner Familie aus Russland geflohen. Montags kommen Maxims Eltern. Sie sprechen Russisch und spielen Schach mit den Kindern, lesen russische Bücher mit ihnen.

"Warum habt ihr einen Ersatzvater gesucht?" "Maxim arbeitete für George Soros, als dein Aufruf kam, und war damals viel unterwegs. Wir wollten uns unsere eigene Familie mal mit fremden Augen ansehen. Maxim ist jetzt viel zuhause, aber wenn du kommst, besucht er einfach einen Freund, das ist kein Problem."

Marjolein/Rini, Zutphen

Marjolein schrieb: "Wir wohnen in einem Ferienpark." An einem Sonntagnachmittag im Juni komme ich dort an. Der Taxifahrer meinte, hier würden viele geschiedene Väter und Drogenhändler wohnen. Marjolein erzählt, sie hätten mir zu Ehren eine Torte gebacken. Es gibt vier Kinder, lauter Mädchen, Ronja (fünf), Thura (vier), Layla (zwei) und Zora (neun Monate). Die Älteste liegt krank auf dem Sofa, die anderen lassen sich die Schokoladentorte schmecken. "Für das Erste haben wir uns bewusst entschieden", sagt Marjolein. "Ja, wir wissen schon, wie Verhütung funktioniert, aber wir nutzen vor allem periodische Enthaltsamkeit." Unter dem Tisch gibt eines der Kinder mir Köpfchen wie eine Katze. "Wie habt ihr euch kennengelernt?", frage ich. Er ist 53, sie 31. "Ich habe bei einer Freundin in einer Wohngemeinschaft in Den Haag angeläutet", sagt Marjolein, "es war die falsche Klingel, und er öffnete die Tür. Später meinte die Freundin: 'Puh, Rini war ganz schön von dir beeindruckt.'" Rini: "Ich musste buchstäblich nach Luft schnappen." Marjolein: "Als er mir eines Tages seine Liebe erklärte, antwortete ich: 'Das ist schön zu hören, aber ich bin lesbisch und will keine Beziehungen mit Männern, weil die sich alle in mich verlieben.'" Ich werde noch rumgeführt. "Wir schlafen alle zusammen in einem Bett", sagt Marjolein. "Da musst du dann auch rein, wir haben nicht viel Platz."

Marieke, Utrecht

Das ist eine Einelternfamilie, aber der wahre Ersatzvater schließt die Einelternfamilie nicht aus, obschon die Ersatzvaterschaft in einer solchen Familie länger dauern könnte. Marieke hatte geschrieben, ich solle mich auf was gefasst machen. "Meine Tochter ist mitten in der Pubertät." Ich nehme Platz in dem kleinen Garten einer chaotischen, aber gemütlichen Neubauwohnung. Marieke hat sechzehnjährige Zwillinge, Khadra und Kilian. Khadra trägt eine Zahnspange und will zur Kleinkunstakademie, Kilian will Medizin studieren, Psychiatrie interessiert ihn. "Khadra ist aufmüpfig", sagt Marieke, "letztens wollte mich ein Lehrer sprechen. Da hab ich sie gefragt: 'Was ist los mit dir?'" Sie antwortete: "Tja, bei Französisch in der ersten Stunde schläft man so schön."

Wir gehen rein. Khadra zieht Nabokovs Lolita aus dem Bücherregal. "Darf ich das lesen?", fragt sie, "darüber habe ich viel gehört." "Darfst du", antwortet Marieke. "Was für eine Art Ersatzvater sucht ihr?", frage ich. Marieke schaut zu den Zwillingen: "Wir suchen eine andere Art Vater."

Marieke/Roel, Utrecht

Leidsche Rijn, eine Trabantensiedlung. Es ist Sonntagabend, ich werde herzlich empfangen. Ob ich zum Essen bleiben möchte. Marieke schreibt Kolumnen für die Zeitung Utrechts Nieuwsblad, lange Zeit unter dem Namen Trabantenweib. Roel ist Planologe. "Wir waren 27 und anders als unsere Freunde", sagt Marieke. "Die wollten nach Thailand, wir wollten Kinder. Wenn Roel hier um zehn vor sechs verschwitzt mit dem Rad ankommt, ein wenig zerzaust – das gefällt mir." Marieke und Roel haben vier Kinder, Aart (13), Joost (elf), Dieuwertje (acht) und Emiel (vier). "Mein Vater war Berufsmilitär", erzählt Marieke, "wir waren auf Kreta stationiert." Das war eine großartige Zeit für sie. Rauschende Feste. Dann mussten sie zurück in die Niederlande, landeten in Veenendaal, da haben sie sich nie wieder eingelebt. Roel freut sich auf mich, dann kann er mit seinen Freunden Rad fahren. "Und die Kinder?", möchte ich wissen. "Die machen sich ein wenig Sorgen. Sie fragen: 'Wo soll Papa schlafen, wenn dieser Mann kommt?'" "Was sind die Aufgaben des Vaters?" "Ein Vater ist praktisch", antwortet Marieke, "es geht nicht darum, was du sagst, sondern darum, was du tust."

Anouck/Jeroen, Eindhoven

Anouck macht mir auf. Jeroen reicht mir ein Stück Torte, heute feiert ihre älteste Tochter Elin ihren siebten Geburtstag. Es gibt noch ein fünfjähriges Mädchen, Stine. "Es soll ein echter Kindergeburtstag werden", sagt Anouck. "Süßigkeiten naschen, eine Schatzsuche." "Warum habt ihr reagiert?", informiere ich mich. "Er ist geschäftlich viel unterwegs", sagt Anouck. "Als Stine gerade erst auf der Welt war, konnten wir jede Hilfe gebrauchen. Eine Nanny. Eine Au-pair. Alles war willkommen. Wir haben bei jeder Betreuungsmöglichkeit zugegriffen." Ich esse meine Torte und frage: "Kannst du Kinder empfehlen?" "Man ist nie mehr allein", sagt Anouck. "Man ist immer eine Herde." In diesem Moment wird mir klar, was von der Ersatzvaterschaft erwartet wird. Der Ersatzvater ist Hirte und Stier zugleich. Er sorgt, wie vorübergehend es sein mag, für Ordnung in der Herde.

Hannie/Peter, Elst

Neubau. Ein warmer Nachmittag. Hannie müht sich sichtlich mit einem Kind ab. "Das ist nicht meins", erklärt sie. "Ist ein geliehenes." Wir setzen uns in den Garten. "Wir haben Mark, der ist acht, Robin ist sechs und Laura vier. Ein kleiner Bonus. War nicht geplant." Hannie sagt: "Wir sind bürgerlich geworden. Das war früher anders, wenn man ungebunden ist. Partys. Aber dann kommen die Kinder. Ich war sieben Jahre mit den Kindern zu Hause. Das killt einen fast. Ich hab mal gehört, dass Schulden den IQ senken, weil man immer nur kurzfristig denkt. Also, Kinder senken den IQ auch." Ich denke an die Herde. "Man bekommt so viel dafür zurück, heißt es immer", sagt Hannie, "das hörst du mich nicht sagen. Aber man ist wohl auf der Stelle verliebt in seine Kinder."

Agnita/Bob, Arnhem

"Tritt nicht auf das Baby", ruft Bob, ein Mann mit Bart, als ich in die volle, gemütliche Wohnung komme. Wieke, ein paar Monate alt, liegt auf einer Decke auf dem Boden. Bob bastelt zusammen mit seiner Tochter Moira (vier) Halsketten. Im Sommer ist Bob viel unterwegs, dann ist Platz da für einen Reservevater. "Ich war gerade fertig mit dem Studium", erzählt Agnita, "an der Kunstakademie und wollte nach London. Da hab ich mich verliebt." Bob: "Ach, ist es meine Schuld, dass du da nicht hingegangen bist?" Agnita: "Ich bin das mittlere von drei Kindern, zuhause war ich glücklich, in der Schule wurde ich gemobbt. Wegen meiner roten Haare, ich war dick. Kommt dir das bekannt vor?" "Wie wäre es für euch, wenn ich hier Ersatzvater werde?", frage ich. "Für mich ist das nicht so aufregend", sagt Bob. "Ich bin nicht eifersüchtig." "Wenn ich mit dir zusammen bin", sagt Agnita, "dann kann ich vielleicht wieder Dinge an Bob schätzen."

Ich fahre zurück nach Amsterdam. In jeder Familie würde ich Ersatzvater sein wollen, aber ich muss eine Wahl treffen. Abends entscheide ich mich für Marjolein in Zutphen. Gerade als Ersatzvater darf man die Herde nicht in diskreter Distanz halten, ich muss meine Komfortzone verlassen. Ich werde weiden, wo die Herde weidet, schlafen, wo die Herde schläft, leben, wo die Herde lebt. (Arnon Grünberg, 17.9.2017)