Frankreich – im Bild Präsident Macron und die deutsche Kanzlerin Merkel – ist heuer Gastland auf der Frankfurter Buchmesse.

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Alexis Jenni, Autor des Buchs "L’Art français de la guerre", Goncourt-Preisträger 2011.

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Mathias Enard, ausgezeichnet 2015 für "Boussole" ("Kompass").

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Leila Slimani, erhielt den Literaturpreis 2016 für "Chanson douce".

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Die zweite Shortlist von Frankreichs bedeutendstem Literaturpreis wird am 11. Oktober in Frankfurt bekannt gegeben; dies erscheint insofern bedeutsam, als sich die Grande Nation ihren wirklichen Problemen stellt und über sinnvolle Lösungsvorschläge reflektiert. Dies passiert zwar nicht im Rahmen eines wissenschaftlichen Symposiums, der Prämierungsprozess eines Buchtitels genügt jedoch, um Frankreich in seiner richtigen gesellschaftlichen und politischen Dimension zu erfassen.

Die Tatsache, dass dies im deutschsprachigen Ausland erfolgt, erscheint nicht nur erstaunlich, sondern fungiert auch als Fanal für den pro-europäischen Kurs von Präsident Emmanuel Macron. Die deutsch-französische Zusammenarbeit erfährt durch ein kulturelles High-End-Event eine unerwartete und gleichzeitig auch deutliche Stärkung.

Pointierte Einsichten

In den vergangenen Jahren vermittelten unterschiedliche Gewinner des Prix Goncourt pointierte Einsichten in das von mehreren Krisen geprägte Frankreich und forderten indirekt die Zivilgesellschaft zu massiven Änderungen auf.

Alexis Jennis 2011 erschienener Roman "L’Art français de la guerre", der unter großem Applaus der Öffentlichkeit mit dem Prix Goncourt bedacht wurde, stellt diesbezüglich zweifellos eines der Meisterwerke der letzten Jahrzehnte dar. Nicht so sehr wegen des Plots, der eine moderne Variante des Schelmenromans sein könnte, jedoch vielmehr wegen der Entzauberung eines Mythos, dem Frankreich seit der Mitte des 20. Jahrhundert unterlag: es ist der Narrativ der Grande Nation, die im Krieg heroisch gegen die Naziherrschaft kämpfte und dementsprechend danach seine Großmachtambitionen weiter hegen durfte, was das Land in schreckliche Auseinandersetzungen stürzte (Indochinakrieg, Algerien).

Die Grausamkeit des Krieges

Diesen Mythos zerstört Jenni auf sehr nachhaltige Art und Weise, indem er das Schicksal des Soldaten Victor Salagnon schildert, dessen Leben das über Jahrzehnte hinweg gepflegte Selbstbild konterkariert und ihm somit seine Berechtigung abspricht.

Salagnon ist weitgehend ein Einzelgänger, der durch seine Erfahrungen und Gespräche ein neues Bild von Frankreich zeichnet. Zunächst handelt es sich dabei um das im Weltkrieg unterlegene Land, das nur insbesondere durch die Hilfe der USA in den Rang der Siegernation gelangte. Jenni skizziert dies eindringlich durch die Schilderung von Salagnons Ausbildung zum jungen Résistance-Kämpfer, der in Zweikämpfen nur glücklich dem Tod entgeht und bereits sehr früh in seinem Leben zutiefst desillusioniert wird. Dabei spielt vor allem die Grausamkeit des Krieges eine Rolle, die Jenni bildgewaltig darstellt. Eine Assoziation mit der Rolle einer Siegermacht scheint im gegebenen Zusammenhang völlig undenkbar, was später sodann auch explizit thematisiert wird: De Gaulle taucht in der Position eines Romanciers auf, der dem Land seine Geschichte der Widerstand leistenden Nation, die letztlich als Sieger hervorging, manipulatorisch vermittelt habe.

Österreich-Bezug

Mathias Enards "Boussole" (Prix Goncourt 2015) dagegen betont eine andere Seite Frankreichs: seine Vergangenheit in Syrien, wobei der Autor insbesondere den kulturellen Reichtum des von Kriegen zerstörten Landes hervorhebt und auf die Dringlichkeit des Schutzes von Weltkulturerbe hinweist.

Übrigens zeigt dieser Roman auch eine Verbindung zu Österreich: Die Hauptfigur Franz Ritter wirkt als Musikologe und Dozent an der Universität Wien; durch seine herausragende Position im Roman prägt er das mit ihm verknüpfte Österreichbild entscheidend. Und zwar rückt er es in einen sehr offenen, liberalen und kosmopolitischen Kontext. Das Land erscheint nicht dem Klischee der engen Alpenrepublik verhaftet. Das Gegenteil liegt vor. Ritter agiert als weit gereister Held, mit profunden Kenntnissen des gesamten Nahen und Mittleren Ostens. Dorthin fuhr er zu Studien- und privaten Zwecken, was ihm ermöglichte, die immense Geisteswelt dieser Region zu erschließen und auch in seiner Lehre zu verwenden. Dabei gelingt ihm eine glückliche Vermischung mit Wissenstraditionen aus dem Westen; dies prädestiniert ihn dazu, die Botschaft des Romans in Wien zu vermitteln: ohne eine Verquickung beider Welten – Orient und Okzident, sei Europa – und damit die ganze Welt – verloren.

Am Rande der Gesellschaft

Einer ganz anderen Problematik wendet sich der prämierte Roman des Jahres 2016 zu ("Chanson douce"): Leila Slimanis Text behandelt die Mikrostrukturen der französischen Gesellschaft am Beispiel der Kindererziehung. Ein beruflich erfolgreiches Paar muss die Betreuung an eine omnipräsente Nanny abgeben, da sich Beruf und familiäre Verpflichtungen im aktuellen Frankreich nur schwer vereinbaren ließen. Der Staat erweist sich als zu unflexibel und biete zu wenige Möglichkeiten, sich ausreichend den Kindern zu widmen. Die beiden Elternteile sehen sich gezwungen, wieder in den Berufsprozess einzutreten, um finanzielle Stabilität zu gewährleisten und den sozialen Rang nicht zu gefährden.

Dabei genießt der Beruf hohes Prestige, Kindererziehung wird jedoch vom Staat aus als standardisiertes Konzept mit geringer individueller Einflussnahme angeboten. Diesbezüglich kommt es auch zu sozialen Differenzen: die Gruppen, die in der Kinderbetreuung tätig sind, werden äußerst schlecht bezahlt, sozial ausgegrenzt und leben am Rande der Gesellschaft. Dies führt im Roman letztlich zur Katastrophe: die Nanny hält dem Druck im Alltagsleben nicht mehr stand und wird zur Mörderin.

Und 2017?

Die Hauptfrage, die sich für die Preisverleihung stellt, bezieht sich auf die Wahl der gesellschaftlichen Thematik: Welche Entwicklung der Grande Nation zeigt der siegreiche Text im Detail?

Zur intensiven Debatte stehen nach der Veröffentlichung der ersten Shortlist am 5. September unter anderem die Auseinandersetzung Frankreichs und Europas mit dem Nationalsozialismus – in "L‘Ordre du Jour" etwa spielt der Anschluss Österreichs eine entscheidende Rolle –, der Werdegang der Grande Nation in einem geschichtlichen Fresko oder die herausragende Rolle des Kunstdiskurses in der französischen Öffentlichkeit. (Klaus Pfatschbacher, 17.9.2017)