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Wurde schwer verletzt: Stuttgart-Kapitän Gentner.

Foto: imago/Sportfoto Rudel

Stuttgart – Als Christian Gentner am Samstagabend mit blutverschmiertem Gesicht bewusstlos auf dem nassen Rasen lag, stand in der Stuttgarter Mercedes-Benz Arena für einen Augenblick die Zeit still. "Das waren dramatische Momente, wir hatten Riesenangst, dass was passiert ist, was bleibende Schäden hinterlassen könnte", berichtete der hinzugeeilte VfB-Trainer Hannes Wolf später, und Sportvorstand Michael Reschke sagte mit blassem Gesicht: "Wenn unser Doc nicht so schnell reagiert hätte..."

Schwere Verletzungen

Dr. Raymond Best aber handelte sofort, holte dem nach einem Zusammenprall mit Torhüter Koen Casteels vom VfL Wolfsburg ohnmächtigen VfB-Kapitän Gentner die Zunge aus dem Hals – und verhinderte so wohl Schlimmeres. Die Diagnose war dennoch wie befürchtet niederschmetternd: Gentner erlitt Brüche des unteren und seitlichen Augenhöhlenbodens, des Nasenbeins und des Oberkiefers. Er wird in Kürze operiert werden und lange fehlen.

"Es ist eine sehr bittere Nachricht sowohl für ihn und seine Familie als auch für uns", sagte Reschke: "Die wichtigste Nachricht ist aber, dass er wieder vollständig gesund wird."

Das konnten die 50.500 Zuschauer nur hoffen, als Casteels den heranstürmenden Gentner mit dem linken Knie und voller Wucht in der rechten Gesichtshälfte traf (85.). Gentner blieb minutenlang liegen, wurde schließlich mit der Trage abtransportiert. Fotos zeigen das Blut in seinem Gesicht, das zugeschwollene rechte Auge, die verschobene Nase. "Wir stehen noch alle unter Schock und können uns nicht so über den Sieg freuen", sagte Coach Wolf nach dem 1:0 (1:0)-Erfolg, "wir sind noch alle bei unserem Captain."

Eine Anklage gegen Casteels erhob trotz der schlimmen Szene niemand. "Kein Vorwurf an ihn, das wollte er ganz, ganz sicher nicht", sagte Wolf. Reschke meinte zwar, der Zusammenstoß habe "brutal" ausgesehen. Dass er ungeahndet blieb und der bereits verwarnte Casteels weiterspielen durfte, sei aber im Bangen um Gentner "völlig uninteressant, wurscht".

Foul oder nicht

TV-Experte und Ex-Referee Markus Merk meinte bei Sky, Casteels hätte "mindestens Gelb" sehen müssen. Der Belgier habe sein Knie "als Waffe benutzt". DFB-Schiedsrichterchef Hellmut Krug erklärte, Referee Guido Winkmann habe die Szene "als unglücklichen Zusammenprall gewertet" und Video-Assistent Deniz Aytekin diese Sichtweise auf Nachfrage bestätigt. "Regeltechnisch ist die Entscheidung zwar grenzwertig, aber vertretbar", sagte Krug.

Casteels bedauerte die schwere Verletzung Gentners, beurteilte die Szene allerdings ähnlich. "Wenn das Foul ist, muss man die ganze Jugendausbildung umstellen, ab fünf, sechs Jahren", sagte er. Schon da werde Torhütern beigebracht, "dass du das linke Knie mitnimmst, wenn du mit rechts hochgehst, 99 Prozent der Torhüter machen das so". Kollege Ron-Robert Zieler unterstützte diese Argumentation.

Gentners Ausfall wiegt schwer. "Er war in sehr, sehr guter Verfassung, er fehlt uns als Typ, mit seiner Ausstrahlung", sagte Reschke. Gegen schwache Niedersachsen gehörte der Ex-Wolfsburger zu den Besten, bildete mit Neuzugang Santiago Ascacibar ein dynamisches Duo. Gefeiert wurde zunächst aber nach seinem zweiten Saisontreffer Chadrac Akolo (42.), der wegen einer Zerrung für das Gladbach-Spiel am Dienstag fraglich ist.

Während Aufsteiger Stuttgart nach dem zweiten Sieg im Soll ist, wird die Lage in Wolfsburg unruhig. Ohne den verletzten Kapitän Mario Gomez zeigte der VfL "kein schönes Gesicht", wie Sportdirektor Olaf Rebbe sagte. "Das reicht nicht für die Bundesliga", meinte Daniel Didavi, der Druck auf Trainer Andries Jonker wächst. (sid, 17.9. 2017)