Donald Trump will laut Medienberichten als unberechenbarer "Madman" wahrgenommen werden. Das ist gefährlich, sagen Experten: Gelangt Nordkorea etwa zu der Auffassung, dass ein Angriff der USA unabwendbar sei, könnte das Land einen Erstschlag gegen Südkorea oder Japan starten.

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Washington/Wien – Donald Trump, schrieb die Internetseite "Axios" jüngst, soll seinen Mitstreitern kürzlich einen ungewöhnlichen Befehl gegeben haben: Man solle ihn in den Verhandlungen über ein Handelsabkommen mit Südkorea möglichst als Verrückten darstellen, der die Vereinbarung jederzeit in der Luft zerreißen könnte. Die Autoren von "Axios" schließen daraus, dass Trump auch in anderen Politikbereichen dem Leitfaden folgt, den US-Präsident Richard Nixon einst im Vietnam-Krieg als "Madman-Theorie" bekannt gemacht hat: Andere Staaten sollen glauben, dass die USA auch zu irrationalen Handlungen bereit seien, wenn man auf ihre Bedingungen nicht ausreichend eingehe. Trumps teils ungewöhnliches Verhalten wäre demnach Teil seiner Verhandlungstaktik.

"Axios" schließt damit an eine wachsende Zahl US-amerikanischer Journalisten an, die von den wütenden Tweets zu Nordkorea, kniend protestierenden Football-Spielern und Politikern aus dem Hurrikan-zerstörten Puerto Rico eine bewusste und planvolle Strategie ableiten. Trump versuche mit seinen wüsten Drohungen gegen "Raketenmann" Kim Jong-un etwa China unter Druck zu setzen, heißt es dort. Mit anderen Aussagen versuche er Aufmerksamkeit von seinen Fehlschlägen bei der Gesundheitsreform und dem Einreisebann für Bürger mehrheitlich muslimischer Staaten abzulenken; und Tiraden gegen antifaschistische Demonstranten und moderate Republikaner hätten in dieser Theorie den Sinn, seine politische Basis mit Symbolpolitik bei der Stange zu halten.

Durch Dummheit erklärbar

Nicht alle halten diese Erklärungsversuche aber für glaubhaft, auch abseits jener demokratischen Politiker, Medien und Mediziner, die als Ursache für das teils bizarre Verhalten des militärischen Oberbefehlshabers eine medizinische Erklärung – etwa eine Erkrankung an Neurosyphilis– vermuten und daher eine Offenlegung von Trumps medizinischen Befunden fordern. "Man sollte nicht versuchen, etwas durch Bosheit zu erklären, was sich auch hinreichend durch Dummheit erklären lässt", schrieb etwa der Experte für Meinungsforschung, Nate Silver, auf der vielgelesenen Plattform "Fivethirtyeight" am Montag. Er sehe Trumps Verhalten nur in den wenigsten Fällen als berechnend, vielmehr lasse sich vieles auch dadurch erklären, dass der Präsident eben ein emotionaler und impulsiv handelnder Mensch sei, der rassistische und sexistische Vorurteile habe und diesen entsprechend handle. Zu selten, so Silver, ergebe sich aus dem Wüten des Präsidenten ein politischer Vorteil.

Die Frage nach den Gründen für Trumps Verhalten geht jedenfalls über bloßes Interesse für seine Beweggründe hinaus. So hat laut einem Bericht der "Washington Post" jüngst etwa Nordkorea Kontakt zu Analysten in Washington aufgenommen, die den Republikanern nahestehen. Das Regime von Kim Jong-un verspricht sich davon, ergründen zu können, wie es Trumps Drohungen zu verstehen hat. "Sie verstehen ihn einfach nicht", so die Quelle der Zeitung. Vor allem sei es für Pjöngjang nicht zu durchschauen, wieso der Präsident seinen engsten Mitarbeitern – Außenminister Rex Tillerson und Verteidigungsminister James Mattis – so oft harsch widerspreche. Das Regime wolle gerne wissen, welche dieser Botschaften ernst zu nehmen sind und bei welchen es sich um leere Drohungen handle, auf die man auch selbst nur mit ähnlichen Gebärden zu antworten habe, so die Zeitung Ende September.

Das Bedürfnis, mehr zu verstehen, dürfte sich nach der jüngsten Zurechtweisung Trumps für seinen Außenminister noch verschärft haben. Tillerson hatte Gespräche mit Nordkorea empfohlen, Trump diese Idee als "sinnlos" und "Zeitverschwendung" zurückgewiesen. Besonders Letzteres erweckt den Eindruck, Trump sehe einen Angriff als fast alternativlos an.

Kim darf Trump nicht ernst nehmen

Zu welcher Auffassung Nordkorea gelangt, kann schwerwiegende Folgen haben. Gelange Nordkorea zu der Auffassung, dass die USA in jedem Fall einen Angriff planen, könnte das Land selbst Schläge gegen Südkorea und Japan beginnen, glauben amerikanische Forscher. Solche Angriffe würden nicht nur unmittelbar zahlreiche Opfer fordern, sondern sehr wahrscheinlich auch einen Krieg mit dem Regime Kim Jong-uns unvermeidlich machen. Trumps Verhalten, so die auf Nordkorea spezialisierte Seite "38 North", mache eine derartige Konfrontation auch deshalb wahrscheinlicher, weil es den ideologischen Konflikt zwischen den beiden Staaten zu einem persönlichen Beleidigungswettkampf zwischen den beiden Staatenlenkern mache – und auch vielen Nordkoreanern sei "die Würde des Landes", die in ihrer Vorstellung besonders eng mit jener des Staatschefs verknüpft ist, von großer Bedeutung.

Es bleibe die letzte Hoffnung, so der Politologe Daniel Drezner in der "Washington Post", dass Nordkoreas Regierung zu der Auffassung komme, dass Trump nicht ernst zu nehmen sei, während die Staatsführung Chinas ihn weiterhin ernst genug nimmt, um Druck auf Pjöngjang aufzubauen. Das sei auch deshalb möglich, weil Trump in seiner Darstellung des "Madman" bisher meist irgendwann nachgelassen habe – oder von seinem Kabinett zum Nachgeben überredet worden sei. So habe er sowohl in der Frage der Nato-Finanzierung als auch beim angedrohten Austritt aus dem Handelsabkommen Nafta bisher seine Drohungen nicht umgesetzt. Und schließlich werde auch Nordkorea Geschichten wie jene auf "Axios" lesen und daraus passende Schlüsse ziehen. Auf kurze Sicht, so Drezner, gebe das immerhin die Hoffnung auf Frieden. Auf lange Sicht aber nehme es der US-Politik ihre Glaubwürdigkeit. "Ich habe die Befürchtung", schließt er seinen Text, "dass der Präsident ein Idiot ist, der zu dumm ist, um zu verstehen, dass er ein Idiot ist." (Manuel Escher, 3.10.2017)