Naturkatastrophen, Armut und Hunger: Wie und wo Katastrophenschutzorganisationen helfen.

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Der Wiederaufbau auf der Insel Dominica.

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Ein umgekipptes Fahrzeug in Florida nach dem Hurrikan Irma.

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In den vergangenen Wochen und Monaten erlebten zahlreiche Länder dieser Erde Naturkatastrophen. Hurrikans, Taifune, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Hochwasser und Waldbrände bedrohen Menschen und ihre Lebensräume. Manche Länder sind darauf besser vorbereitet, sei es durch erdbebensichere Bauweise oder frühzeitige Evakuierungen, andere sind der Macht der Natur hilflos ausgeliefert, weil unter anderem Krieg, Armut, Dürre und instabile Regierungen in den Ländern herrschen.

Wie Katastrophenschutz und -hilfe funktionieren, welche Maßnahmen sich Organisationen von Regierungen erwarten und wünschen, worauf es im Fall des Falles ankommt, diese Fragen der User aus den STANDARD-Foren beantworten der Leiter für Internationale Zusammenarbeit, Walter Hajek, und der Bundesrettungskommandant des Österreichischen Roten Kreuzes, Gerry Foitik, anlässlich des internationalen Tages der Katastrophenvorbeugung am 13. Oktober. Die Fragen hat Judith Handlbauer ausgewählt.

Handlbauer: Der Hurrikan Irma drehte und nahm nicht die vorhergesagte Route. Auch bei Hurrikan Maria war man auf Vorhersagen angewiesen. Wie genau sind solche Prognosen? Wie kann man sich die Zusammenarbeit zwischen Katastrophenschutzorganisationen und Meteorologen in solchen Fällen vorstellen?

Walter Hajek: Computergestützte Frühwarnsysteme wurden in den vergangenen Jahren immer genauer, es werden immer mehr Informationen generiert. Wichtig dabei ist, die vorhandenen Daten so zu konvertieren, dass brauchbare und glaubwürdige Information daraus entsteht, die die Organisationen verwenden können und die Betroffenen verstehen können.

Drei Beispiele für solche Frühwarnsysteme, um frühzeitig fundierte Entscheidungen über die Evakuierung und andere Vorbereitungsmaßnahmen treffen zu können: Das Global Disaster Alert and Coordination System (GDACS) errechnet automatisierte Schadenseinschätzungen für eine Reihe von Katastrophen, basierend auf Daten direkt aus der betroffenen Gegend. Das Famine Early Warning Network (FEWS) dient der kurz- und mittelfristigen Vorhersage der Ernährungssicherheit. Das SAR Weather produziert hochauflösende Wettervorhersagen für die betroffene Gegend.

Die weitere Verbesserung dieser Systeme ist eine absolute Notwendigkeit, um menschliches Leid zu minimieren. Jeder Euro, der in die Vorsorge investiert wird, spart statistisch gesehen mindestens vier Euro an Kosten für die Nothilfe.

Handlbauer: Was bringt ein Erdbebenalarm kurz vor einem Erdbeben in einer Millionenstadt wie Mexiko-City? Ab welchen Bedrohungen wird über eine Evakuierung nachgedacht, und wie würde so eine Evakuierung ablaufen? Wie hat sich New York vorbereitet? Gibt es Pläne für österreichische Städte, wie im Fall einer Naturkatastrophe umzugehen ist?

Gerry Foitik: Sowohl langfristige Prognosen als auch kurzfristige Warnungen sind sinnvoll. Behörden und Einsatzorganisationen haben die Möglichkeit, sich und die Bevölkerung darauf vorzubereiten, zum Beispiel mit Schulung über das richtige Verhalten bei Erdbeben. Kurzfristige Warnungen sind wichtig, damit automatisierte Katastrophenschutzsysteme aktiviert werden können, zum Beispiel das Abkoppeln von Gasleitungen. Dadurch können Folgeschäden vermieden werden. Für Katastrophenhilfe und auch etwaige Räumungen ist in den USA eine eigene Behörde zuständig – die Federal Emergency Management Agency, kurz Fema.

Wie ist man in Österreich vorbereitet? Grundsätzlich gibt es bei Katastrophen für die betroffenen Menschen zwei Möglichkeiten. Die erste wird "Containment" genannt und bedeutet, dass es am sichersten ist, seine Wohnung für eine bestimmte Zeit nicht zu verlassen, beispielsweise bei einem Chemieunfall oder bei radioaktiver Verstrahlung. Die zweite Möglichkeit ist die Flucht, zum Beispiel aufgrund eines herannahenden Hochwassers oder eines zu erwartenden Murenabgangs.

In Österreich gibt es für zahlreiche Szenarien ausgearbeitete Katastrophenpläne – mir ist allerdings kein Plan bekannt, der die Räumung einer Großstadt beinhaltet. Die Katastrophenhilfe fußt auf fünf Säulen: Behörden, Einsatzorganisationen, Unternehmen der kritischen Infrastruktur, Bevölkerung und Wissenschaft. Besonders wichtig ist natürlich, dass die Bevölkerung über große Risiken Bescheid weiß und selbst gut vorbereitet ist. Ratsam ist es, einen Basisvorrat an Getränken, Essen und notwendigen Medikamenten zu Hause zu haben.

Handlbauer: Nach einer Naturkatastrophe, wo überall Verwüstung und Zerstörung zu sehen sind, scheint ein Wiederaufbau fast unmöglich. Das Posting von User "peha1" bezieht sich darauf, dass Hurrikan Maria viele Menschen das Leben gekostet hat und die kleine karibische Insel Dominica völlig zerstört wurde. Wie gehen Katastropheneinsätze in solch zerstörten Gebieten vonstatten? Wo fängt man an?

Hajek: Grundsätzlich herrscht unmittelbar nach den großen Katastrophen immer für eine kurze Zeit Chaos. Sonst wäre es keine Katastrophe, die die lokalen Nothilfekapazitäten übersteigen und einen internationalen Hilfseinsatz nötig machen würde. Das heißt aber nicht, dass nicht ab der Stunde eins nach der Katastrophe Hilfe geleistet wird, und zwar nach dem Subsidiaritätsprinzip, das heißt, von den betroffenen Menschen selbst und den lokalen Katastrophenschutzbehörden. Deswegen ist es ganz wichtig, die lokalen Kapazitäten so stark wie möglich auszubilden.

Das Rote Kreuz hat weltweit hochspezialisierte Einsatzgruppen (Emergency Response Units) vorgelagert, die im Notfall binnen weniger Stunden aktiviert und weltweit in den Einsatz verlegt werden können. Etwa um autark Trinkwasser aufzubereiten, medizinische Versorgung (Feldspitäler) durchzuführen oder die Verteilung von Hilfsgütern zu verstärken.

Als oberste Priorität unmittelbar nach einer Katastrophe gilt die Rettung von Verschütteten und die notfallmedizinische Versorgung der Verletzten. Hier spielen auch die Unterkunft und damit der Schutz vor der Witterung, die Versorgung mit Trinkwasser, Lebensmitteln, Hygienevorrichtungen und Toiletten und psychosoziale Hilfe für traumatisierte Menschen eine essenzielle Rolle. Auch müssen auseinandergerissene Familien zusammengeführt werden. Parallel zu den beginnenden Hilfsleistungen für betroffene Menschen laufen der Aufbau von Telekommunikationsmitteln, der Aufbau beschleunigter Logistikabläufe – für den Import von Hilfsgütern – und die Befreiung der Straßen von Hindernissen, um in entlegene Teile des betroffenen Gebiets vordringen zu können.

Handlbauer: Was ist für eine Katastrophenschutzorganisation in solchen Fällen das erste und wichtigste Vorgehen, wenn es um den Wiederaufbau geht? Wie ist die Zusammenarbeit mit der Regierung in Ländern, die durch Naturkatastrophen zerstört wurden?

Hajek: Das Rote Kreuz arbeitet nach dem Grundsatz "Recovery starts on day one". Das heißt, dass schon in den ersten Stunden der Nothilfe – überall, wo möglich – so geplant und geholfen wird, dass der Wiederaufbau möglichst leicht und reibungslos funktioniert. Beispielsweise werden in der Nothilfephase für den Aufbau von Notunterkünften Werkzeuge und Materialien verwendet, mit denen aus den Notunterkünften in weiterer Folge längerfristige Unterkünfte gebaut werden können. Zelte sind deswegen oft nur eine (teure) Notlösung, da sie nicht für den Wiederaufbau verwendet werden können.

Der wohl wesentlichste Grundsatz für die Arbeit nach der unmittelbaren Nothilfe ist, dass die betroffenen Menschen in ihren eigenen Anstrengungen für den Wiederaufbau unterstützt werden. Die Betroffenen müssen an der Planung und Umsetzung partizipieren. Jeder Ansatz, der das nicht berücksichtigt, missachtet das Recht der Betroffenen auf Selbstbestimmung und ist ultimativ zum Scheitern verurteilt.

Handlbauer: Wie funktioniert die Zusammenarbeit innerhalb der EU, wenn es um Katastrophenschutz und -hilfe geht? Braucht es hier mehr Vernetzung und ein gemeinsames technisches Hilfswerk, wie User "Martin Müller10" vorschlägt?

Foitik: Katastrophenhilfe funktioniert dezentral und subsidiär am besten. Katastrophen entstehen lokal und müssen, solange das möglich ist, lokal bekämpft werden. Dafür sind wir in Österreich gut gerüstet mit 300.000 Feuerwehrleuten und 80.000 Rotkreuzhelfern, die gut ausgebildet sind. Auch schweres Gerät, zum Beispiel von der Bauwirtschaft, ist in Österreich vorhanden, auf das bei der Hilfe zurückgegriffen werden kann. Auf internationale oder europäische Unterstützung müsste in Österreich bei der Katastrophenhilfe nur sehr punktuell zurückgegriffen werden, zum Beispiel wenn es andernorts Experten gibt, die mit einem seltenen Szenario schon Erfahrungen haben.

Die Zusammenarbeit auf EU-Ebene ist aber trotzdem sehr wichtig. Es gibt den "Civil Protection Mechanism", es wird die länderübergreifende Zusammenarbeit immer wieder geübt, und es findet ein regelmäßiger Austausch statt. Ebenfalls von großer Bedeutung ist eine europaweit harmonisierte Risikobewertung. Bei großen Katastrophen wie dem Erdbeben in Haiti 2010, die sämtliche nationalen Kapazitäten überfordern, ist internationale Hilfe gefragt. Da sind die UN die koordinierende Stelle.

Handlbauer: User "Zauberwürfel" schrieb dieses Posting beim Artikel Krisenzeiten für die letzten Helfer in der Not, wo die Lage der NGOs beleuchtet wird. Findet eine Entsolidarisierung der Gesellschaft statt, wie dieses Posting suggeriert? Mit welchen Ressentiments haben NGO-Mitarbeiter in Österreich zu kämpfen?

Foitik: Wir leben in einer solidarischen Gesellschaft. Darüber bin ich sehr froh. Wir merken das zum Bespiel daran, dass wir einen zwar leichten, aber kontinuierlichen Anstieg bei der Anzahl von freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern feststellen. Beim Roten Kreuz engagieren sich 73.600 Menschen ehrenamtlich, weitere Zigtausende bei den Feuerwehren oder bei anderen Organisationen. Zwar hat der einzelne Freiwillige nicht mehr so viel Zeit für sein Engagement wie früher – aber von einer Entsolidarisierung kann keine Rede sein.

Handlbauer: Krieg, Armut, Dürre und Hunger bedrohen die Menschen in vielen Ländern. Aus diesem Grund unterstützt die Uno mit dem World Food Programme (WFP) Menschen, die von Hunger bedroht sind. Österreich blieb 2015, als in Nachbarstaaten Syriens Flüchtlinge in Lagern untergebracht waren und Hunger herrschte, Zahlungen für das WFP schuldig. Mit ein Grund, warum in den Flüchtlingslagern Hunger herrscht und die Flüchtlinge sich weiter auf den Weg nach Europa machten. Wie viel Geld benötigt das WFP, und in welchen Gebieten besonders? Wie schaut die derzeitige Situation mit der Hilfe vor Ort in Gebieten aus, wo Hunger, Dürre und Armut herrschen?

Hajek: Tatsächlich ist es so, dass der Bedarf an humanitärer Hilfe weltweit seit Jahren im Steigen begriffen ist. Es gibt immer mehr Konflikte, die länger dauern, in denen unzählige Konfliktparteien die Situation sehr komplex machen und für die eine politische Lösung weit entfernt ist. So viele Menschen wie derzeit (circa 65 Millionen) waren seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr auf der Flucht. Extreme Wettersituationen nehmen seit Jahren spürbar zu – mit einem Wort, die weltweite humanitäre Hilfe läuft seit einigen Jahren auf absoluten Hochtouren und kommt nicht mehr zur Ruhe.

Die von der Gebergemeinschaft für humanitäre Hilfe zur Verfügung gestellten Gelder sind in den vergangenen Jahren zwar auch gestiegen, aber nicht so schnell wie der Bedarf. Wir erreichen daher nur mehr einen immer kleiner werdenden Teil der in Not befindlichen Menschen, obwohl wir mehr leisten als je zuvor.

Leider bemerken wir auch verstärkt ein Phänomen, das zwar nicht neu ist, aber umso schwerwiegender: Die Hilfe der Geber – und damit sind in erster Linie Staaten gemeint – konzentriert sich sehr stark auf die im Medienlicht befindlichen Krisen und Katastrophen. Während die Hurrikane Irma und Maria über die Karibik und Florida gezogen sind, waren circa 40 Millionen Menschen von den schwersten Überschwemmungen seit vielen Jahren in Nepal, Bangladesch und Indien betroffen, ein Vielfaches im Vergleich zu der Anzahl der Betroffenen in der Karibik. Die Aufmerksamkeit der Medien und auch der Geldgeber lag aber fast ausschließlich auf der Karibik und vor allem auf Florida. Außerdem fokussiert sich die Hilfe sehr oft auf Krisen- und Konfliktsituationen, um einen politischen Zweck zu erreichen. Und das widerspricht den wichtigsten Grundsätzen der humanitären Hilfe, der Menschlichkeit und Unparteilichkeit. Diese besagen, dass humanitäre Hilfe ausschließlich nach der Maßgabe der Not geleistet werden muss und nicht dazu dient, politische Ziele zu erreichen. (Judith Handlbauer, 13.10.2017)