Dass heute Millionen Menschen täglich unzählige Bilder von sich und ihrem Leben versenden, wäre zwar verzichtbar. Das aber gleich mit einer kollektiven psychischen Störung gleichzusetzen, ist unangemessen, schreiben Michael Meyer und Elisabeth Wagner.

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Je länger Menschen in Führungspositionen sind, desto nachhaltiger wird eine Empathiestörung. Das einzige Gegenmittel dazu: sich regelmäßig Situationen auszusetzen, in denen man sich machtlos, vielleicht gar ohnmächtig fühlt. Bei der CEO von Pepsi Co, Indra Nooyi, war es ihre Mutter. Diese meinte nach Erhalt der guten Nachricht ihrer Beförderung zur CEO, dass das schon sehr fein wäre, aber jetzt solle sie endlich die Milch holen und die Krone in der Garage lassen.

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Ganz normale Teens und Twens werfen sich regelmäßig vor Fotografen in Pose. Instagram- und Facebook-Seiten muten an wie der Katalog einer Modelagentur. Selfies sind epidemisch geworden, und die Schönheitsindustrie hat zweistellige Wachstumsraten. Autoren wie Hans-Joachim Maaz (Die narzisstische Gesellschaft) und Reinhard Haller (Die Narzissmusfalle) konstatieren, dass wir im Zeitalter des Narzissmus angekommen sind.

Der Befund ist nicht so neu: Schon 1979 beobachtete der US-Kulturhistoriker Christopher Lasch "The Culture of Narcissism". Er kritisiert den "lähmenden Dekadenz-Kult des Ichs", beobachtet "Yoga-Jünger, vertieft in die Nabelschau, strampelnde Fitness-Fanatiker, Psycho-Grübler im Selbsterfahrungskurs, weltabgewandte Sektierer und Millionen Jugendliche, die in den Diskotheken allabendlich selbstverliebt und phantasievoll herausgeputzt ihren eigenen Spiegelbildern vortanzen" (Der Spiegel, 6. 8. 1979). Auch in Politik, Wirtschaft und Kunst grassiere die Lust an narzisstischer Selbstbespiegelung: Imagepflege in Talkshows und Pressekonferenzen entscheidet über Karrieren und nicht mehr Taten, es ist ein weltumspannender, von TV-Kameras ständig reflektierter Jahrmarkt der Eitelkeiten entstanden.

Überlegenheitsgefühl und Ausbeutungsneigung

Dass heute Millionen Menschen täglich unzählige Bilder von sich und ihrem Leben versenden, wäre zwar verzichtbar. Noch nie zuvor waren die Gier nach Aufmerksamkeit und der Drang zur Selbstinszenierung so leicht zu bedienen. Das aber gleich mit einer kollektiven psychischen Störung gleichzusetzen, ist unangemessen. Technologische Innovationen haben immer Auswirkungen auf das Alltagsleben. Und sie waren immer Anlass für Unheilsverkündungen – man denke an die Gefahren des Fernsehens. Schon 1795 wurde vor den schrecklichen Folgen des Lesens von Romanen gewarnt: Der Mangel an körperlicher Bewegung in Verbindung mit dem Wechselbad an Vorstellungen und Empfindungen führe zu "Schlaffheit, Verschleimung, Blähungen und Verstopfungen in den Eingeweiden, namentlich der Hypochondrie, die (...) namentlich bey dem weiblichen Geschlecht, recht eigentümlich auf die Geschlechtsteile wirkt".

Sind wir aber tatsächlich narzisstischer geworden? Dafür wird oft eine Metaanalyse der Psychologin Jean Twenge (San Diego State University) ins Treffen geführt. Mit dem NPI (Narcissistic Personality Inventory) zwischen 1979 und 2006 durchgeführte Studien zeigen tatsächlich eine 30-prozentige Steigerung narzissmusnaher Eigenschaften. Diese umfassen Überlegenheitsgefühl, Exhibitionismus, Ausbeutungsneigung, Eitelkeit, aber auch die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme. Ebenso gestiegen sind die Werte für Durchsetzungsfähigkeit, Selbstwert und Extrovertiertheit.

Sind wir bloß selbstbewusster?

Ob das alles wirklich besorgniserregend ist, sei dahingestellt, messen diese Skalen doch neben bedenklichen auch wünschenswerte Eigenschaften. Beobachten wir also eine Steigerung von Narzissmus oder bloß eine Steigerung des Selbstbewusstseins? Letztere wurde ja von der Post-68er-Generation als zentrales Erziehungsziel postuliert. In Kalifornien schaffte es der Politiker John Vasconcellos gar, im Windschatten von der New-Age-Bewegung und des berühmt-berüchtigten Esalen-Institutes in Big Sur, der Regierung die Einrichtung einer "Task Force to Promote Self-Esteem" einzureden. Mehr Selbstbewusstsein wurde als Wunderwaffe für Glück, Zufriedenheit, Erfolg und für eine bessere Welt gesehen. Langzeitwirkungen hat das heute noch in den USA: Junge Menschen werden auf Colleges und in High Schools vor unangenehmen Wahrheiten durch "Trigger Warnings" und "Safe Spaces" geschützt, und Kritik an studentischer Leistung muss mit Glacéhandschuhen serviert werden. Dabei wurde die Wirkung von Selbstbewusstsein auf den Erfolg in Leben und Beruf nie bestätigt, es dürfte viel stärker auf Durchhaltevermögen und Ausdauer ankommen. Selbstbewusstsein ist eher das Ergebnis von Erfolg und weniger dessen Ursache.

Haben es die Frauen kapiert?

Vollends fragwürdig wird die Diagnose einer narzisstischen Gesellschaft aber, wenn man in der Twenge-Studie nach Genderunterschieden sucht. Während 1992 die Männer noch 0,45 Standardabweichungen über den Frauen liegen, ist der Unterschied 2006 nur mehr bei 0,15. Man könnte also mit Fug und Recht behaupten, dass diese Studie vor allem die Zunahme des Selbstbewusstseins der Frauen belegt. So weit, so gut; weniger erfreulich sind aber andere Befunde: die wachsende Bedeutung von finanziellem Erfolg zum Beispiel. Sehr reich zu werden war 1967 für 45 Prozent der US-Studenten ein wichtiges Ziel, 2006 jedoch für 81. Auch berühmt zu werden wird wichtiger, während altruistische und spirituelle Motive an Bedeutung verlieren. Das Problem ist also offensichtlich weniger der gestiegene Narzissmus, sondern eher die zunehmende Individualisierung und Entsolidarisierung. Eine Monopolisierung der Aufmerksamkeit auf Selbstverwirklichung und Entfaltung eigener Möglichkeiten mit der kollektiven Suggestion, dass jeder seines Glückes Schmied ist, führt nicht nur zum "erschöpften Selbst" (Alain Ehrenberg), sondern auch zu einer Schwächung von bindungsbezogenen Motiven und Verhaltensweisen.

Das bedeutet aber keine generelle Narzissmusentwarnung. Menschen mit Macht, Manager, Politiker und ganz allgemein Führungskräfte sind nämlich durchaus gefährdet. Der Grat zwischen charismatischer Führung und narzisstischer Persönlichkeitsstörung ist schmal. Immer wieder sehen wir Führungskräfte in Politik und Wirtschaft, die über die Narzissmuskante abstürzen. Aktuell in der deutschen Autoindustrie, zuletzt in den USA beim Wells-Fargo-Fall beobachten wir Topmanager, die jeglichen Realitätssinn verloren haben und die rechtlichen und moralischen Konsequenzen ihres Handelns nicht mehr adäquat einschätzen können.

Was Macht mit Menschen macht

Während charismatisches Verhalten, also die Fähigkeit, andere mit starken Visionen und emotionalen Appellen zu begeistern, und eine hohe Selbstwirksamkeitsüberzeugung sehr wichtig für gute Führung sind, richtet ein Übermaß gehörigen Schaden an. Neuere Studien zeigen, dass Macht selbst noch einen Beitrag dazu leistet, die ohnehin starken Egos der Führungskräfte in Richtung Narzissmus zu kippen. David Keltner (UC Berkeley) zeigt, dass Macht Menschen impulsiver und weniger risikobewusst macht. Sie verringert das Einfühlungsvermögen signifikant. Sukhvinder Obhi (McMaster University) konnte gar experimentell nachweisen, dass Probanden deutlich schlechter im Mirroring sind, wenn ihnen Macht vermittelt wird. Mirroring heißt, dass wir beim Beobachten bestimmter motorischer Tätigkeiten einer anderen Person, z. B. des Drückens eines Gummiballes, selbst die entsprechenden Gehirnregionen aktivieren.

Wird allerdings den Probanden mit Priming geschickt vermittelt, dass sie Macht und Einfluss haben, dann reduziert sich dieses Mirroring dramatisch. Macht lähmt gewissermaßen die Empathie – und zwar selbst dann, wenn die Probanden vorher über diesen Effekt informiert werden und diese sich dann redlich um empathisches Erleben bemühen.

"Die Krone in der Garage lassen"

Je länger Menschen diese Machtwahrnehmung haben, je länger sie also in Führungspositionen sind, desto nachhaltiger wird die Empathiestörung. Das einzige Gegenmittel dazu ist, sich regelmäßig Situationen auszusetzen, in denen man sich machtlos, vielleicht gar ohnmächtig fühlt. Eine Studie zeigt, dass CEOs, die als Kinder eine Naturkatastrophe mit großer Opferzahl miterleben mussten, deutlich risikoaverser sind. Geht es ohne Erdbeben oder Hurrikans? Sehr oft reichen gute Freunde oder die Familie, die einem die eigene Machtlosigkeit zeigen. Bei Winston Churchill war es – so sagt man – seine Frau, die ihn immer wieder auf sein schlechtes Benehmen hinwies. Bei der CEO von Pepsi Co, Indra Nooyi, war es ihre Mutter. Diese meinte nach Erhalt der guten Nachricht ihrer Beförderung zur CEO, dass das schon sehr fein wäre, aber jetzt solle sie endlich die Milch holen und die Krone in der Garage lassen – so berichtet Jerry Useem im Atlantic. Wenn dieses "Zurückholen ins normale Leben" nicht gelingt, laufen die Mächtigen Gefahr, am Hybris-Syndrom zu erkranken. Lord David Owen, Neurologe und früherer britischer Außenminister, versteht darunter eine Persönlichkeitsstörung, die durch den Besitz von Macht und außerordentlichem Erfolg ausgelöst wird. Dieses Hybris-Syndrom stellt er bei einer erschreckend großen Anzahl ehemaliger britischer Premierminister und amerikanischer Präsidenten fest. Zu den Symptomen zählen: Verachtung anderer Menschen, Realitätsverlust, Ruhelosigkeit, Rücksichtslosigkeit und zunehmende Inkompetenz.

Der Opferdiskurs

Im Unterschied zu den Führungskräften gibt es keine überzeugenden Argumente, dass die ganze Gesellschaft immer narzisstischer wird. Die Generation Selfie allein ist dafür kein ausreichender Befund. Aber vielleicht steuern wir auf eine neue Polarisierung zu, zwischen immer rücksichtsloseren, empathiebefreiten und zynisch-taktischen Mächtigen auf der einen Seite und scheinbar traumatisierten, gekränkten Opfern auf der anderen.

Bemerkenswert ist nämlich auch ein anderer, in der Narzissmusdebatte wenig berücksichtigter Aspekt: die zunehmende Verbreitung des Opferdiskurses. Erfahrungen des Misslingens und Scheiterns, Enttäuschungen über eigene Insuffizienz werden immer häufiger auf Verletzungen und Kränkungen zurückgeführt. Durch die inflationäre Verwendung des Traumabegriffes entsteht die Idee, alles psychische Leid sei posttraumatisch bedingt. Wer sich gekränkt fühlt, hat recht und kann daraus Ansprüche ableiten. Auch das ist ein Aspekt narzisstischer Persönlichkeiten. In der New York Times bemerkt ein Beitrag, dass sich sogar immer mehr Mächtige als Bullyingopfer sehen und Betroffenheit klagen. Sich wehleidig, beleidigt und gekränkt zu zeigen kommt offenbar stark in Mode. (Michael Meyer, Elisabeth Wagner, 23.1.2018)