Der Währungsfonds sieht dunkle Wolken am Horizont aufziehen. IWF-Chefin Christine Lagarde stellt sich den Fragen der Journalisten.

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Der Preisanstieg an den wichtigsten internationalen Aktienmärkten und die gestiegene Risikobereitschaft von Investoren in Industrieländern bereiten dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zusehends Sorgen. Noch sei die Zeit für Zentralbanken nicht gekommen, um korrigierend einzugreifen. Doch die Entwicklung müsse "genauestens überwacht" werden, um im Ernstfall rasch handeln zu können, heißt es in dem am Dienstag präsentierten Weltwirtschaftsbericht.

Über die vergangenen Monate haben zahlreiche Aktienmärkte einen Rekordstand nach dem anderen erreicht. Die Wall Street befindet sich auf ihrem längsten dauerhaften Aufwärtsmarsch seit dem Jahr 2013, der Dow Jones und der Technologieindex Nasdaq eilen von einem Hoch zum nächsten, ähnlich ist es beim Dax in Frankfurt. An den Immobilienmärkten in den Industrieländern ist die Krise ebenfalls vergessen: Die Preise ziehen in den USA kräftig an, in Ländern wie Australien, Kanada und Österreich waren die Häuserpreise nie höher.

Niedrigzinsen speisen Aktienboom

Die Entwicklung wird durch die lockere Geldpolitik der Notenbanken befeuert. In der Eurozone und in Japan sind die Leitzinsen nach wie vor auf einem Rekordtief, in den USA nahe daran. Mit ihren Interventionen an den Finanzmärkten haben die Notenbanken dafür gesorgt, dass nicht nur die kurzfristigen, sondern auch die langfristigen Zinsen gesunken sind. Mit sicheren Wertpapieren lässt sich also kaum noch etwas verdienen, das Geld auf dem Konto zu parken bringt derzeit ohnehin nichts. Die Folge ist, dass Investoren ihr Geld in höher verzinste, aber riskante Wertpapiere von Unternehmen am Anleihenmarkt stecken oder eben in Aktien und Immobilien anlegen.

Der IWF plädiert nicht dafür, die lockere Geldpolitik der Notenbanken abrupt zu beenden, die Zentralbanken haben ja aus gutem Grund interveniert, so der Fonds. Die Zinsen in der Eurozone, den USA und Japan wurden dramatisch gesenkt, um die Wirtschaft und die Inflation wiederzubeleben. Die Inflation ist aber nach wie vor in nahezu der gesamten industrialisierten Welt deutlich unter dem Zielwert. Der Währungsfonds rät dazu, die lockere Geldpolitik so lange wie unbedingt nötig fortzusetzen.

Erste Blasenwarnung seit Finanzkrise

Doch zugleich hat der IWF den ersten Weltwirtschaftsbericht seit Ausbruch der Krise vorgelegt, in dem der Fonds wegen der starken Preisanstiege vor einer Blasenbildung warnt. Laut IWF könnten bestimmte Ereignisse, etwa eine protektionistische Wirtschaftspolitik von US-Präsident Donald Trump oder weitere Probleme bei den Brexit-Verhandlungen, dazu führen, dass an den Finanzmärkten Nervosität ausbricht. Das würde zu einer Preiskorrektur an den Finanzmärkten führen, was Unternehmen und Konsumenten verunsichern dürfte. Im Ergebnis wäre das robuste Wirtschaftswachstum gefährdet.

Die gute Nachricht bei alldem ist, dass der Preisanstieg an den Finanzmärkten zu einem guten Teil von den zuletzt starken Wirtschaftsdaten getragen wurde. An dieser Stelle sind die Ökonomen des IWF optimistisch wie schon lange nicht: Kommt nichts Grobes dazwischen, soll die Weltwirtschaft heuer und im kommenden Jahr schneller wachsen als zuletzt angenommen.

Robustes Wachstum in Europa

Deutlich nach oben korrigiert wurden die Prognosen für die Eurozone und Österreich. Für die Jahre 2017 und 2018 rechnet der IWF in Österreich mit einem Plus von 2,3 und 1,9 Prozent. Noch im Frühjahr waren nur 1,4 und 1,3 Prozent erwartet worden, was damals als außergewöhnlich niedrig galt. Wobei der Währungsfonds damit immer noch ein deutlich niedrigeres Plus vorhersagt als heimische Wirtschaftsforschungsinstitute wie das Wifo.

Die Eurozone soll heuer und im kommenden Jahr mit 2,1 und 1,9 Prozent zulegen statt wie bisher angenommen mit 1,7 und 1,6 Prozent. Besonders wichtig aus Sicht des Euroraums: Stark nach oben korrigiert wurden vor allem die Prognosen für das Sorgenkind Italien. Auch für Japan und China ist der Währungsfonds optimistischer als noch im Frühjahr, pessimistischer sind die Erwartungen für Großbritannien und die USA. Insgesamt soll die Weltwirtschaft heuer um 3,6 und im kommenden Jahr um 3,7 Prozent zulegen. (András Szigetvari, 10.10.2017)