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Der König der Tiere ist unter Druck: Afrikas Löwenpopulation ist auf geschätzte 39.000 Exemplare geschrumpft. Nun sollen domestizierte Löwen wieder ausgewildert werden.

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Pretoria/Wien – Die Einwanderer wurden begrüßt wie Rockstars. Gewiss, sie hatten ihre Heimat nicht freiwillig verlassen, aber ihr Umzug sollte einen Neubeginn einläuten: die Rückkehr der Löwen nach Ruanda. Die sieben Tiere stammten aus Südafrika und wurden im Juni 2015 nach Kigali geflogen. Von dort aus ging es per Lastwagen in den Akagera-Nationalpark an der Grenze zu Tansania. Tausende Neugierige erwarteten sie.

Diese Begeisterung war nicht selbstverständlich, denn vor nur zwanzig Jahren hatte man Ruandas letzte Löwen ausgerottet. Damals fielen die Großkatzen den Folgen des Genozids von 1994 zum Opfer. Vertriebene Viehhalter hatten sie vergiftet, um ihre Herden zu schützen. Nun durfte der König der Tiere seinen ehemaligen Lebensraum wieder einnehmen.

Afrikas Löwen längst auf dem Rückzug

Das Vorhaben scheint zu gelingen. Schon nach weniger als einem Jahr wurden die ersten drei Welpen geboren. Weitere folgten. Der bisherige Erfolg der Wiederansiedlung im Akagera-Nationalpark ist allerdings eine seltene gute Nachricht. Generell sind Afrikas Löwen, zoologisch Panthera leo genannt, längst auf dem Rückzug. Laut Angaben der internationalen Artenschutzorganisation IUCN schrumpfte ihre Anzahl seit 1993 um 43 Prozent, der Restbestand wird auf maximal 39.000 Exemplare geschätzt.

Die verbleibenden Populationen leben oft in isolierten Arealen und können somit schnell erlöschen. In den vergangenen zehn Jahren verloren mehrere westafrikanische Staaten wie Mali und die Elfenbeinküste ihren letzten Löwen. Weitere Maßnahmen wie jene in Ruanda wären dringend erforderlich.

Platzmangel als Ursache

Eine der wichtigsten Ursachen des Löwenschwunds ist Platzmangel. Vielerorts auf dem afrikanischen Kontinent ist ein rasantes Bevölkerungswachstum zu verzeichnen, immer mehr Land wird benötigt. Durch das Schrumpfen der wilden Areale geraten die dort ansässigen Löwenpopulationen in Bedrängnis, erklärt die Biologin Emma Dunston.

Es kommt verstärkt zu Revierkämpfen und Abwanderung. Die wegziehenden Tiere geraten jedoch häufig mit Menschen aneinander, betont Dunston. Das überstehen die Großkatzen oft nicht. Trotzdem gibt es noch immer Gebiete, in denen einst Löwen lebten und wohin sie zurückkehren könnten. Man müsste ihnen nur dabei helfen.

Großkatzenspender

Emma Dunston arbeitet für den African Lion and Environmental Research Trust, kurz Alert. Die Nichtregierungsorganisation hat sich dem Schutz des Panthera leo und dessen Habitaten verschrieben. Einer ihrer zentralen Ansätze ist das sogenannte Ex-situ-Management. Zu kleine Löwenbestände sollen durch Zuzug gestützt, geeignete Lebensräume wiederbesiedelt werden. Das klingt einfacher, als es in der Realität ist. Woher sollen die Neuen kommen? Die meisten Staaten mit noch halbwegs intakten Löwenpopulationen wollen keine ihrer Großkatzen abgeben. Im Falle des ruandischen Projektes dauerte es mehr als zwei Jahre, bis die Organisatoren Spender gefunden hatten. Aber es bleibt eine weitere Möglichkeit: der Einsatz von Tieren aus menschlicher Obhut.

Weltweit leben tausende Löwen in Gefangenschaft, und diese pflanzen sich auch fort. Eine durchaus ergiebige Quelle. Doch können die in Wildparks und ähnlichen Einrichtungen geborenen Exemplare in der Wildnis überhaupt zurechtkommen? Prinzipiell schon, meint Emma Dunston. Die erforderlichen Fähigkeiten seien schließlich instinktbasiert. "Man muss ihnen nur einen passenden und komplexen Lebensraum bieten, damit sich natürliche Verhaltensmuster entwickeln." Das Zusammenspiel zwischen Veranlagung und Umgebung mache die Tiere fit für die Unabhängigkeit.

Erste Feldstudie in Südafrika

Die Praxistauglichkeit des Konzepts haben Dunston und ihre Kollegen in einer ersten Feldstudie in Südafrika aufgezeigt. Wochenlang dokumentierten die Forscher das Verhalten zweier Löwenrudel, deren Mitglieder aus der Zucht stammten und nun in weitläufigen Gehegen mit Vegetation und Beutetieren untergebracht waren. Zusätzlich wurde eine Gruppe frei geborener Raubkatzen in einem privaten Reservat beobachtet.

Der Vergleich sollte zeigen, inwiefern sich die Verhaltensweisen der ehemals domestizierten Löwen von ihren wilden Artgenossen unterscheiden. Im Mittelpunkt standen Jagderfolg und Territorialverhalten. Beide sind für das Überleben in der Wildnis entscheidend. Ein Revier muss effektiv gegen mögliche Konkurrenten verteidigt werden, sonst droht Hunger. Je nach Ressourcenangebot benötigt ein Rudel zwischen zehn und 1000 Quadratkilometer Territorialfläche, erklärt Emma Dunston. Das beanspruchte Areal kann sich zudem jahreszeitlich ändern.

Markieren, brüllen, jagen

Die zwei ausgewilderten Löwenverbände hatten allerdings nur anderthalb bis drei Quadratkilometer zur Verfügung. Dennoch unterschied sich ihr Territorialverhalten nicht wesentlich von dem der wilden Gruppe. Die Tiere setzten fleißig Urin zur Markierung ein, und vor allem die Männchen taten mittels typischen Gebrülls ihren Besitzanspruch kund. Auch bei der Jagd hatten die Ausgewilderten Erfolg. Trotz regelmäßiger Fütterung erlegten sie mehrere Impalas, ihre Jungtiere stellten Perlhühnern nach. Die Instinkte funktionieren offenbar bestens. Ein detaillierter Studienbericht wurde vor kurzem im Fachmagazin Mammal Review (Bd. 47, S. 254) veröffentlicht.

Das Projekt wird fortgesetzt, und auch wenn die Löwen dank ihrer angeborenen Fähigkeiten gute Perspektiven für ein freies Leben haben, entlässt das Alert-Team seine Schützlinge nicht unvorbereitet. Die Raubkatzen durchlaufen zuvor ein Drei-Phasen-Programm, wie Dunston erklärt. Sobald die Welpen mehrere Monate alt sind, unternehmen sie zu zweit oder dritt ausgedehnte Ausflüge in die Natur. Ein menschlicher Begleiter übernimmt dabei die Rolle eines führenden Artgenossen, sagt die Wissenschafterin. "Er ermutigt die Kleinen, zu laufen und ihre Umgebung zu erkunden."

Wachsendes Interesse an der Jagd

Mit der Zeit entwickelt der Löwennachwuchs ein wachsendes Interesse an der Jagd. Die Welpen fangen zunächst Eidechsen und Vögel, bevor sie sich an größeres Wild herantrauen. Später folgen die Rehabilitationsphase und die Ansiedlung in eingezäunten Arealen mit natürlichem Beuteangebot. Dort ziehen die Löwen ihre Junge ohne menschlichen Einfluss groß. Eine neue Generation wächst bereits heran. Diese soll auch eine natürliche Scheu vor Menschen entwickeln.

Selbstverständlich wird die gesamte Entwicklung der Tiere akribisch dokumentiert und analysiert. Dunston will demnächst herausfinden, wie sich individuelle Charakterunterschiede auf den Auswilderungserfolg auswirken. "Ich schaue dabei in erster Linie auf Kühnheit." Der Mut eines Löwen präge schließlich auch das Jagd- und Sozialverhalten und bestimme somit seine Überlebenschancen in der Wildnis. Angsthasen könnte die Freiheit schlecht bekommen. Sie blieben dann besser im sicheren Gehege. (Kurt de Swaaf, 13.10.2017)