"Wir decken die Bedürfnisse des Großteils der Bevölkerung ab." Constantin Eis, Mitbegründer des Start-ups Casper

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"Schlaf ist extrem individuell und erfordert eine gute Beratung." Peter Hildebrand, Geschäftsführer von Betten Reiter

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"In etwa alle zehn Jahre sollte man sich eine neue Matratze anschaffen." Anna Warlamides, Fachärztin für physikalische Medizin

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Horcht man an seiner Matratze, hört man im besten Falle gar nichts. Gut schläft, wer gar nicht merkt, dass er schlecht schläft, lautet ein altes Sprichwort. Dass man dies auf einer passenden Matratze noch weniger merkt, als der gemeine Fakir glauben mag, ist eine Tatsache. Wir sprechen heute von Federkernmatratzen, Schaumstoffmatratzen, Latexmatratzen, Futons, Luftmatratzen, Boxspring etc., und die richtige Wahl wird nicht selten zur Mühsal.

Doch plötzlich soll die Matratze dank junger Start-ups zum coolen Lifestyle-Objekt werden, obwohl der Kauf der ersten eigenen Matratze auch für den Abschied von der Jugend steht, für das Erwachsenwerden also und für sprießende Spießigkeit. Denn wie sangen die Fantastischen Vier? "Du kannst schlafen, wenn du tot bist." War früher das einzig Coole, was der junge Mensch einer Matratze abgewinnen konnte, das Zusammenrotten selbiger zu hippiehaften Matratzenlagern, gibt es nun also junge Unternehmen wie Eve, Bruno, Emma und vor allem die E-Commerce-Firma Casper, deren Werbepräsenz mittlerweile auch in Österreich beeindruckt.

Wie kleine Lifsteyle-Inseln ploppen die Matratzen jung und fesch inszeniert auf Social-Media-Plattformen und City-Displays auf, wobei Casper besonders aus der Schar heraussticht. Das Unternehmen startete 2014 als Start-up in den USA und erwirtschaftete mit seiner Matratze, eine Mischung aus Memory- und Latexschaum, innerhalb eines Monats eine Million Dollar. Im ersten Geschäftsjahr waren es bereits 100 Millionen Dollar. Im zweiten 200 Millionen Dollar. Einer der Investoren heißt Leonardo DiCaprio. Kann auch nicht schaden.

Flötende Mädchen

Während sich Lieselotte von der Pfalz einst in eine Heerschar von Hunden bettete, ließ sich Alexander der Große angeblich vom Flötenspiel hübscher Mädchen in den Schlaf wiegen. Doch zu welchen Tricks greifen die neuen, coolen Labels? Schließlich lässt das Objekt Matratze formal nicht viel Spielraum, bleibt es in der Regel ein flacher Quader und damit basta.

Die meisten der jungen Anbieter haben "One fits all"-Matratzen im Angebot, also Liegewiesen, die für so gut wie jedermann – unabhängig von Körpermaßen und Schlafgewohnheiten – passen sollen. Eingekauft wird online, verschickt wird zusammengerollt in einer coolen Kiste. Sollte man das Ding doch nicht haben wollen, darf es kostenfrei retourniert werden. Weiteres Zuckerl: bis zu 100 Tage Probe schlafen, was eindeutig aussagekräftiger ausfallen dürfte als zehn Minuten Hin-und-her-Wälzen im Möbelhaus. Ferner schaffen es die jungen Unternehmen mit poppigem Marketing abseits des runzligen Rosshaars zu lifestyligen Auftritten. Hand aufs Herz: Wer kennt im Gegensatz zu Sneakers- oder Jeansmarken eine Matratzenfirma? Auch das wollen die Start-ups ändern. Und sind auf bestem Wege dazu.

Eine für alle?

Das "One fits all"-Konzept mag attraktiv, zeitsparend und komfortabel klingen, es gibt aber auch kritische Töne. Peter Hildebrand, Geschäftsführer des 1953 gegründeten Traditionsbetriebes Betten Reiter mit österreichweit 17 Filialen auf gut 28.000 Quadratmetern, mahnt zur Vorsicht. "Es ist schon rein anatomisch nicht möglich, dass eine einzige Matratze tatsächlich alle Bedürfnisse abdecken kann. Gesunder, wirbelsäulenschonender Schlaf ist extrem individuell und erfordert gute Beratung."

In Zusammenarbeit mit dem Institut Proschlaf des Ärztezentrums SM Salzburg bietet Betten Reiter im vor kurzem eröffneten Store in Wiener Neustadt die Möglichkeit, am Liege-Orthonometer – einer hochpräzisen Computermessung der individuellen Liegeposition – das für den eigenen Körperbau orthopädisch empfohlene Stützprofil der Matratze zu ermitteln und mit den gewonnenen Daten eine maßgeschneiderte Matratze zu fertigen.

Verschiedene Schäume

Casper-Mitbegründer Constantin Eis reagiert am Telefon folgendermaßen auf die Kritik an der Ein-Modell-Matratze: "Wir haben erforscht, wie man den dynamischen Druck auf eine Matratze unabhängig vom Körpergewicht ideal verteilt. In unserem Labor in San Francisco haben wir uns angeschaut, wie Menschen schlafen. Manche Leute verändern ihre Schlafposition bis zu 200-mal. So haben wir unser Produkt und verschiedene Schäume in der Matratze entwickelt, die unterschiedliche Anforderungen haben." Ganz oben in der Casper-Unterlage gibt's offenporigen Latexschaum, der die Luft zirkulieren lässt, auf die folgt eine Memory-Schaum-Schicht, die sich den Körperkonturen anpassen soll.

"Gute Hotels zum Beispiel verwenden diese Memory-Schaum-Matratzen", sagt Eis. Ein weiterer Schaum soll den Druck optimal weitergeben. Mit all dem will man die Bedürfnisse des Großteils der Bevölkerung abdecken. "Unabhängige Ergonomiestudien geben uns recht", fügt der Mitgründer hinzu. Das Standardmaß 90 x 200 cm kommt bei Casper auf 400 Euro. Die Zahl der zurückgeschickten Matratzen bezeichnet Constantin Eis als verschwindend gering, eine genaue Zahl möchte er jedoch nicht nennen.

Entscheidungshilfen

Peter Hildebrand, der sich vor den jungen Start-ups nicht schreckt, erklärt sich den Erfolg der neuen Konkurrenz einerseits mit dem klugen Einsatz von Werbemitteln, andererseits mit der Entscheidungsschwäche vieler Menschen. "Wenn man den Kunden sagt, es gibt diese eine Matratze, und die passt für alle, dann ist das für viele eine Hilfe, eine Entscheidung zu treffen, gerade wenn ein Möbelhaus ein Sortiment von 70 Matratzen hat und sich der Kunde überfordert fühlt."

Der Bettenfachmann meint, zwei Stunden mit der passenden Beratung würden ausreichen, die passende Matratze aus seinem Sortiment zu finden, wenn die richtigen Informationen zusammengetragen würden. Sein Sortiment zählt 26 verschiedene Matratzen in verschiedenen Härten, preislich liegen diese zwischen 149 bis 1.499 Euro. Und noch etwas möchte Peter Hildebrand loswerden: "Die Matratze ist untrennbar mit dem Lattenrost verbunden. Eine Matratze ohne Lattenrost, wie sie manche dieser jungen Firmen verkaufen, ist wie ein Auto auf Felgen ohne Reifen."

Matratzen im Internet bestellen, oder im Möbelhaus probeliegen?
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Bleibt also, sozusagen als Dritte im Bunde, die Medizin zu der Angelegenheit zu befragen. Anna Warlamides, u. a. Leiterin des physikalischen Instituts am Wiener Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, steht den "One fits all"-Matratzen skeptisch gegenüber: "Es gibt so viele verschiedene Körpertypen – vom dünnen, hageren bis hin zu übergewichtigen Menschen, hinzu kommt, dass Menschen ihre Schlafpositionen sehr oft ändern, weiters schwitzt der eine mehr, der andere weniger usw. Man müsste sich genau anschauen, welche Menschen da getestet wurden.

Ich denke aber nicht, dass man den Menschen auf einen Typ runterbrechen kann." Ihr Kollege Wilfried Lang, u. a. Vorstand der Abteilung für Neurologie ebenfalls bei den Barmherzigen Brüdern, ergänzt: "Man muss auch bedenken, dass die Wirbelsäule bei älteren Menschen nicht mehr so beweglich ist wie bei jüngeren, auch da ändern sich die Bedürfnisse."

Haltungsschäden

Auf die Frage, wie wichtig denn eine Matratze überhaupt ist, sagt Lang: "Es gibt viele Menschen, die nicht gut schlafen oder mit Schmerzen aufwachen und zu uns ins Schlaflabor kommen. Beim Ursprung dieser Probleme kann die Lagerung, sprich Matratze, eine wichtige Rolle spielen." Warlamides fügt hinzu, dass die Haltungsschäden bei jüngeren Menschen immer mehr zunehmen und empfiehlt beim Matratzenkauf auf Qualität, Testliegen und Beratung zu achten. "Man kann relativ lange mit schlechten Matratzen kompensieren, aber irgendwann entstehen strukturelle Schäden, die schwer zu beheben sind." Wie oft man eine Matratze wechseln soll, hänge von der Qualität der Matratze ab, die man bereits im Bett liegen hat. "In etwa alle zehn Jahre", sagen die Mediziner.

Also: Coole, neue Onlinematratze, 100 Tage Probe gelegen, altes Rosshaar, Boxspring, Strohsack oder Luftmatratze, Schlaftyp Prinzessin-auf-der-Erbse, Schnarchsack oder Fakir – unterm Strich muss jeder selbst herausfinden, auf welcher Matratze er gut schläft, also gar nicht erst merkt, dass er schlecht schläft. Die Möglichkeiten dafür haben sich stark vermehrt. Daran ist trotz der Qual der Wahl nichts auszusetzen, schließlich hat die Matratze, auch abgesehen von wichtigen gesundheitlichen Aspekten, diese Aufmerksamkeit verdient.

Bei einer durchschnittlichen Lebensdauer von 80 Jahren verbringen wir mehr als 24 Jahre schlafend, also – sieht man vom Powernapping im Büro ab – im Bett, wo uns Hypnos, der Gott des Schlafes und Bruder des Todes laut griechischer Mythologie während der Nacht die Sorgen nehmen soll und dafür einen beträchtlichen Teil unserer Lebenszeit kassiert. Wir kommen in der Regel auf einer Matratze zur Welt, wir schlafen uns auf Matratzen aus, manchmal gesund, wir lieben uns darauf, wir verbringen verregnete Sonntage auf ihr, zermartern uns ebendort dann und wann das Hirn. Und noch etwas: Umfragen nach der beliebtesten Todesart ergaben, dass Menschen in ihren Betten einschlafen und nicht mehr aufwachen wollen. So spielt das Bett samt Matratze eine ganz besondere Rolle vor der allerletzten Ruhe, bei der die Unterlage dann wirklich egal ist. (Michael Hausenblas, RONDO, 19.10.2017)

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