Wu Ching-Kuo im Vorjahr nach den Finalkämpfen bei den Olympischen Spielen. In Rio de Janeiro wie schon in London 2012 war die AIBA ob skandalöser Urteile der Punkterichter in die Kritik geraten.

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Lausanne/Berlin – "Ich habe Thomas Bach vor drei Wochen im Auftrag unseres Exekutivkomitees um ein Gespräch gebeten. Bis heute habe ich keine Antwort erhalten", sagt Jürgen Kyas. Kein Wunder, dass der Präsident des deutschen Boxsportverbands auf jenen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) nicht gut zu sprechen ist. Kyas (72) war als Mitglied der Exekutive des Boxweltverbandes AIBA an der Entmachtung von AIBA-Präsident Wu Ching-Kuo beteiligt, der in einen Finanzskandal verstrickt ist und die AIBA an den Rand des Ruins gebracht hat. Doch Wu Ching-Kuo beruft sich auf seine IOC-Mitgliedschaft, und Bach trägt laut Kyas nichts zur Aufklärung des Skandals bei. Kyas: "Ignoranz ist auch eine Form der Beleidigung."

Wu (70), der dem Weltverband seit 2006 vorsteht und auch Mitglied der mächtigen IOC-Exekutive ist, wurde am Dienstag durch die Disziplinarkommission der AIBA suspendiert. Dem Taiwanesen wird Misswirtschaft und Korruption vorgeworfen. Knapp 40 Millionen US-Dollar Schulden soll der Multifunktionär angehäuft haben – die AIBA steht kurz vor dem Kollaps.

Papierkram

Doch Wu hat eine dicke Haut und versucht, die aufgeschreckten Nationalverbände offenbar mit seiner Mitgliedschaft im IOC zu blenden. Am Rande des IOC-Gipfes in Peru Mitte September verfasste der angezählte Präsident ein Schreiben auf Briefpapier mit IOC-Emblem und IOC-Schriftzug, wies darin alle Vorwürfe zurück und machte klar, dass er die geballte Unterstützung des Ringe-Ordens genieße.

"Wie kann es sein, dass Herr Wu auf Papier mit IOC-Emblem schreibt und den Eindruck erweckt, er habe die Unterstützung des IOC. Gleichzeitig wird uns aber vom IOC mitgeteilt, man wolle sich in die Angelegenheit nicht einmischen", fragt Kyas. Bei allen Nationalverbänden sei das Verhalten negativ aufgenommen worden. Das IOC beruft sich auf seine Antwort vom 5. Oktober auf die auch von Kyas unterschriebene Anfrage der AIBA-Exekutive. Damit sei auch die persönliche Anfrage von Kyas beantwortet. Weiter erklärte das IOC, dass man sich zum AIBA-Streit nicht äußere, solange es auch gerichtliche Auseinandersetzungen gibt. Ein Gericht in der Schweiz hatte Wu zunächst Recht gegeben.

Protektion

Überraschend ist die reservierte Haltung des IOC aber nicht. Zuletzt hatte sich das IOC bei der Aufklärung von Skandalen seiner Mitglieder durch Zurückhaltung hervorgetan. Rios gefallener Olympia-Organisationschef Carlos Arthur Nuzman wurde als IOC-Ehrenmitglied erst suspendiert, als er hinter Gittern saß. Das langjährige IOC-Mitglied Patrick Hickey, angeblich in den Ticketskandal von Rio verstrickt, trat erst mehr als ein Jahr nach seiner Festnahme aus der Exekutive des IOC zurück.

Eigene Ermittlungen, wie in früheren Zeiten durchaus üblich, scheint das IOC in Korruptionsaffären nicht mehr anzustrengen. Offenbar sollen langjährige Mitglieder nicht so leicht fallengelassen werden. Inwieweit das mit den olympischen Werten von gesellschaftlicher Verantwortung und moralischer Integrität einhergeht, bleibt dahingestellt.

Im Falle von Wu, der schon nach skandalösen Punktrichterentscheidungen bei den Olympischen Spielen 2012 und 2016 in der Kritik stand, scheint aber auch die tiefe Solidarität des IOC nicht mehr zu helfen. Vizepräsident Franco Falcinelli aus Italien soll ihm demnächst als Interimspräsident folgen. (sid, red, 12.10.2017)