Kopenhagen, mitten im Stadtteil Hellerup. An diesem Ende der Stadt wohnt man, wenn man es sich leisten kann: Hellerup ist das Hietzing der dänischen Hauptstadt, hier drückt sich das Schmuckunternehmen Lynggaard Copenhagen so unauffällig in einen Innenhof, dass man das gedrungene Gebäude mit den dunkel gerahmten Fensterfronten glatt übersehen könnte. Hier, wo früher einmal eine Autowerkstatt war, befindet sich heute ein Schauraum, vollgestellt mit Schmuckvitrinen und weichen Samtsofas, eine durchdesignte Kantine, die Ateliers von rund vier Dutzend Goldschmieden und die Büros für Presse und Marketing. Ganz oben unterm Dach sitzt das luftige Atelier der Familie Lynggaard.

Unten im Hof aber steht erst einmal der Firmengründer Ole Lynggaard (81) in rostbraunen Schnürlsamthosen und mit verstrubbeltem grauweißem Schopf neben seiner Tochter Charlotte herum. Offiziell ist er in Ruhestand, aber was heißt das schon in einem Familienunternehmen? Vater und Tochter haben eine gewisse Ähnlichkeit, heute ganz besonders, weil die schmale blonde Frau mit den eingedrehten Haaren wie ihr Vater Cordhosen trägt. Die habe Ole früher auch schon gern angezogen, nur seien die Hosen damals wesentlich weiter gewesen als heute, lacht die Designerin.

Zweite Generation am Zug

Früher, das war vor fünfzig Jahren. 1964 gründete der Goldschmied und Schmuckdesigner Ole Lynggaard in Kopenhagen eine kleine Werkstatt. Heute hat die zweite Generation, Tochter Charlotte mit Ehemann Michel Normann (er ist der CCO), Sohn Søren (der CEO) sowie Schwiegertochter Hanna, im Vertrieb und Marketing tätig, die Ruder in der Hand. Gerade erst ist man von einem Familienausflug zurückgekehrt: In Paris wurde der erste eigene Shop eröffnet, ganz in der Nähe des Concept-Stores Colette.

Designerin Charlotte Lynggaard zu Hause. Wie sie wohnt, ist immer wieder in Einrichtungsmagazinen zu sehen.
Foto: Ole Lynggaard Copenhagen

Das Familienunternehmen Ole Lynggaard Copenhagen ist seit geraumer Zeit auf Expansionskurs, mittlerweile gehört es zu den erfolgreichsten Schmuckunternehmen Skandinaviens. In Dänemark sind die Lynggards, die aussehen wie eine skandinavische Bilderbuchfamilie, bekannt wie bunte Hunde. Das hat mit der Offenheit der Familie zu tun.

Charlotte Lynggaard hat die Midnight-Tiara von Kronprinzessin Mary entworfen, das Haus der Chefdesignerin kennt man aus Wohnzeitschriften, zum Hochzeitstag postet die Dänin ein Bild von sich mit Ehemann Michel auf Instagram – und auch die Geburtstage der Töchter kommen nicht zu kurz. Charlotte Lynggaard hat es mit ihrem durchgepusteten, skandinavischen Chic zu einer dänischen Stilikone geschafft.

Another day in lovely London @olelynggaardcopenhagen @lauralynggaardn #finejewelry #handcrafted @thejewelleryrm

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Bodenständige Niederlassung

Der bodenständigen, unaufgeregten Niederlassung in Kopenhagen sieht man die Prominenz der Lynggaards nicht an. Hier und am zweiten Standort wenige Straßen weiter nehmen die aufwendigen Schmuckstücke ihren Anfang – von der Gussform aus Gummi über das flüssige Gold in den Gipsformen. Danach setzen die Goldschmiede die feinen Blätter und Blüten zusammen und fertigen aufwendige Diamantstücke, nur anspruchslosere Schmuckstücke werden in Thailand produziert. "Unser täglich Brot sind die Kollektionen rund um die Schlange, das Blatt und das Lotusblatt."

Charlotte Lynggaard jedenfalls hat jedes Detail im Blick. Sie ist heute neben dem 81-jährigen Ole alleinige Designerin des Schmuckunternehmens und marschiert im Firmengebäude gleich einmal die drei schmalen Wendeltreppen vorweg ins Arbeitszimmer. Das sieht ganz so aus, wie man sich das Atelier einer Schmuckdesignerin vorstellt.

Designerin Charlotte Lynggaard mit ihrem Vater Ole. Er hat das Familienunternehmen gegründet.
Foto: Josephine Svane

Auf dem Schreibtisch liegen getrocknete Blätter, an der Wand ein Inspirationsboard, bespickt mit unzähligen Fotos: Mick Jagger wurde da neben einem alten Store-Foto aus den 1960ern abgeheftet. Gleich nebenan biegt sich ein Tisch unter Ausstellungskatalogen und Magazinen vom Flohmarkt: Francis Bacon liegt neben einem "Vogue"-Magazin aus den 1940ern.

Hinter dem großen Schreibtisch hat Charlotte Lynggaard Platz genommen, immer wieder greift sie zu einer schmalen, verspielten Brosche, die an ihrem Halsausschnitt steckt. An den Armen trägt die Designerin mehrere Armreifen. Zwei von ihnen ziehe sie weder zum Duschen noch zum Schlafen aus, erzählt Langgaard.

Unter einem Dach

Was sich seit ihrem Einstieg als Designerin Anfang der 1990er Jahre für das Unternehmen verändert hat? Neben Skandinavien würden für Ole Lynggaard Copenhagen Australien und das übrige Europa als Märkte immer wichtiger, nicht zuletzt deshalb wurden nun der neue Shop in Paris und ein weiterer in Singapur eröffnet.

Floral und verspielt: Die Kollektionen rund um Lotusblatt, Schlange und Elefant sind die Bestseller des Unternehmens.
Foto: Gregor Hohenberg

Als die Tochter 1992 in das Unternehmen einstieg, war die Firma noch vergleichsweise klein, der Schmuck hingegen groß und schwer. "Dagegen habe ich damals angekämpft." Ihre erste Kollektion widmete die Dänin den Bienen und den Blumen: "Diese Motive hätte mein Vater nie verwendet."

Heute kommen die meisten Schmuckstücke des Unternehmens filigran und verspielt daher, die ineinander verschlungenen Blätter werden von den Goldschmieden mit millimeterfeinen Linien überzogen. Sogar der Elefant, einst von Ole zum Unternehmenstier gemacht, schlingt jetzt seinen schmalen Rüssel um die Ketten.

Glattgegangen sei die generationenübergreifende Zusammenarbeit über die Jahrzehnte unter einem Dach vor allem deshalb, weil der Vater auch dann, wenn ihm Designs nicht gefielen, an seine Tochter appelliert habe: Probiere Dinge aus! Mittlerweile ist es für Außenstehende schwierig, die Entwürfe von Vater und Tochter auseinanderzuhalten. Und die dritte Generation? Steht schon in den Startlöchern. (Anne Feldkamp, RONDO exklusiv, 15.02.2018)


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