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Ende August 1981: Ernst Happel auf der Bank des HSV, mit dem er zweimal deutscher Meister und – wie schon 1971 mit Feyenoord Rotterdam – 1983 Meistercup-Sieger wurde. Mit Brügge war er dreimal belgischer, mit dem FC Tirol zweimal österreichischer Meister. Die Niederlande führte er bei der WM 1978 auf Platz zwei, im Finale gegen den Gastgeber schoss Rob Rensenbrink bei 1:1 an die Stange, Argentinien siegte nach Verlängerung 3:1. Ab Jänner 1992 betreute Happel Österreich, am 14. November starb er an Krebs.

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Franz Hasil: "Dem Happel hat niemand dreingeredet."

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STANDARD: Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie auf Ernst Happel angesprochen werden?

Hasil: Dass er mich von Schalke zu Feyenoord geholt hat. Im Februar 1969 ist er mit seiner Frau nach Gelsenkirchen gekommen, wir haben uns beim Essen per Handschlag ausgemacht, dass ich nach Rotterdam gehe. Und so ist es dann auch passiert. Bei Feyenoord war er vier Jahre mein Trainer, wir haben gewonnen, was es zu gewinnen gab – die Champions League, also damals den Meistercup, aber der Häfen ist ja immer noch der Häfen, und danach auch noch den Weltpokal.

STANDARD: War es für Sie ein Vorteil, einen Landsmann als Trainer zu haben?

Hasil: Aber wo! Eher ein Nachteil. Als Legionär hast du es damals sowieso nirgends leicht gehabt, es gab nur ganz wenige Legionäre, und die einheimischen Spieler haben das schon so gesehen, dass ihnen ein Platz weggenommen wurde. In Rotterdam, das im Krieg zerstört worden ist, war es außerdem nicht so gut, wenn du Deutsch gesprochen hast.

STANDARD: Was hat den Trainer Happel ausgezeichnet?

Hasil: Er ist selten laut geworden, hat nie geschrien. Er war ein ruhiger, besonnener Mensch mit klaren Ansichten und einem guten Gespür für Spieler, für Aufstellungen. Bei den Spielerbesprechungen gab es nicht viel Firlefanz. Du nimmst dir den Rotschädeligen, hat er gesagt, und passt auf, dass er nichts anstellt.

Unter Trainer Ernst Happel gewinnt Franz Hasil mit Feyenoord Rotterdam den Weltpokal gegen Estudiantes de La Plata.
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STANDARD: Es heißt, er sei seiner Zeit taktisch weit voraus gewesen.

Hasil: Er hat uns Pressing mit Abseitsfalle spielen lassen. Das haben wir im Training einstudiert. Zwei sind immer den Ballführenden angegangen, hinten haben alle rauskommen müssen. Und wir haben auch schon seitlich verschoben, von links nach rechts, von rechts nach links. Der Happel hat meistens Offensive gepredigt – und viel vorweggenommen.

STANDARD: Stimmt es, dass er zwischen Stars und Wasserträgern so gut wie keinen Unterschied gemacht hat, dass er alle gleich behandelt hat?

Hasil: Für ihn waren alle gleich – Spieler, Funktionäre, Politiker, die holländische Königin. Er hat keine Ausnahme gemacht, bei ihm hat's keine Extrawürste gegeben. Wenn du dich als Spieler bei ihm über einen anderen Spieler beschwert hast, hast du schon zugeschaut auch. Vernadern war für ihn das Letzte. Bei Besprechungen in der Pause oder nach dem Match haben wir Spieler erst einmal fünf Minuten gar nichts sagen dürfen, weil der Puls ja noch auf 180 ist, da kann nur Blödsinn rauskommen. Nach den fünf Minuten ist oft gut diskutiert worden.

STANDARD: Happel, der selbst "Wödmasta" genannt wurde, werden legendäre Ausdrücke und Sprüche nachgesagt. Was ist Ihnen in Erinnerung?

Hasil: "Heast, Zauberer, pass auf", das ist ihm oft ausgekommen. Und wenn ihm etwas nicht getaugt hat, hat er gesagt: "Hau di in Schnee."

STANDARD: Der Wödmasta hat auf Außenstehende nicht selten grantig bis unwirsch gewirkt. Könnte ein Trainertyp wie Happel in der heutigen Zeit noch Erfolg haben?

Hasil: Heute wäre Happel noch erfolgreicher. Heute machen die Spieler ja, was sie wollen. Der Happel war als Spieler selber eine Typ'n, auch deshalb hat er als Trainer alles im Griff gehabt. Aber vieles, was sich Spieler heutzutage erlauben, hätte der Happel nicht zugelassen.

STANDARD: Können sich die Spieler heute mehr erlauben als früher?

Hasil: Nicht nur die Spieler. Wenn man sich heute einen Fußballverein ansieht, das ist ja meistens wie eine kleine Demokratie. Da reden alle mit, die Spieler, die Funktionäre, die Fans. Aber dem Happel hat niemand dreingeredet, der hat die Aufstellung gemacht, der hat die Elf auf jeden Gegner perfekt eingestellt. Happel war der uneingeschränkte Herrscher. Er hat sich auf der Trainerbank nie aufgeführt wie ein Rumpelstilzchen, hat immer Ruhe ausgestrahlt. Und ja, geraucht hat er auch. (Fritz Neumann, 14.11.2017)

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