Autor von etwa einem Dutzend Romanen: Salman Rushdie (70).

Foto: EPA/JOERG CARSTENSEN

Wien – Film. Kino. Alfred Hitchcock. Ingmar Bergman. Luis Buñuel. Jean-Luc Godard – Salman Rushdies neuer Roman Gold en House ist filmgesättigt. Kein Wunder: Erzähler ist der junge New Yorker Drehbuchautor René Unterlinden, der in seinen Nachbarn, der Familie Golden, das Thema für seinen ersten Film findet.

Nun ist die Familie Golden, die 2008 aus Mumbai nach New York übersiedelte, besonders. Ihr Kopf nahm im Zuge dieses Umzugs den Namen Nero Golden an. Und seine drei Söhne nennen sich Petronius, abgekürzt zu Petya, Apuleius ("Nennt mich Apu") und Dionysius, das zu "D" wird.

Nero ist ein abstoßend abscheulicher Geschäftsmann, der mit brachialem Durchsetzungsvermögen ein riesiges Vermögen anhäuft. Die Söhne sind anders. Petya ist ein autistischer Computernerd mit Agoraphobie und eigenem Therapeuten, von dem jeder überrascht ist, dass er erfolgreiche Computerspiele entwickelt. Apu wird Künstler und hochsensibel. D kämpft ausgesprochen zeit gemäß mit einer Sexualität zwischen den Geschlechtern.

Dazu gesellt sich eine attraktive Russin namens Vasilisa, eine wiedergeborene Baba Jaga, eine Hexe also, die mit aller Macht und starkem slawischem Englischakzent in den finanziellen Olymp auf steigen will und den Endsiebziger Nero erotisch derart energisch um den Finger wickelt und beherrscht, dass sie schwanger wird, wenn auch nicht von ihm, sondern vom inzwischen elternlosen René, was Golden nicht weiß. Das Nesthäkchen erhält den Vornamen Vespasian – jenes Kaisers, der sich nach dem Tod Neros gegen drei andere durchsetzte und die Linie der Flavier begründete.

Flammenschicksal

Wie einst Kaiser Nero (37–68 n. Chr.) der letzte der julisch-claudischen Cäsaren war, so widerfährt dies auch Golden. Apu wird in Mumbai von Gangstern exekutiert, die sich an Nero, früherem Kompagnon eines Mafianetzes, rächen. D erschießt sich, psychisch bis zum Kollaps derangiert. Und Petya wird Opfer eines Geisteskranken, der Amok läuft. Am Ende kommt es, wie es in einer Familie mit einem Nero kommen muss – ihr Haus geht in Flammen auf.

Rushdie will aufs Ganze gehen. Er will von Tragödie und Hy bris erzählen, von Dynastischem und Drama, von Psyche, Adaption und Identität, Ost und West, Vakuum und Sehnsüchten, von Schuld und Schulden, Hochstapelei, Selbstverliebtheit und existenziellem Nichtvorhandensein.

Aber: Das Problem dieses Romans ist nicht nur, dass Rushdie keine Geschichte zu erzählen hat, die auch nur ansatzweise über raschend, geschweige denn originell anmutet. Das viel größere Problem ist, dass es sich um Fingerpuppentheater handelt. Von den Figuren ist nicht eine einzige ein Charakter aus Fleisch und Blut. Die Protagonisten sind allesamt papieren collagiert aus Verzerrungen und harmlosen bis grotesk übertriebenen Einsprengseln.

Hinzu kommt, dass der Erzähler René ausdauernd behauptet, die Goldens über zehn Jahre hinweg beobachtet und begleitet zu haben. Doch ein besonders tiefer Blick stellt sich bei ihm nicht ein, ganz zu schweigen von psycho logischer Durchdringung, Klarsicht oder Tiefenanalyse. Außerdem kommentiert Rushdie stets, was er gerade so gelehrt erzählt hat.

Golden House ist mit so vielen Zitaten, Anspielungen, Paraphrasen und oft nur den Autor amüsierenden Wort- und Namensspielen gespickt – ein Koch heißt etwa Sandro Cucchi und wird Cookie (Keks) gerufen –, dass er derart überladen kaum mehr gehen kann. Alles ist hier so oft gebrochen und hin- und hergespiegelt, dass es am Ende nur noch dünn ist. Hat Rushdie dies selber regis triert und deshalb erzählerisch so viel ausprobiert, vom Drehbuchauszug bis zum Märchen?

Ein "Joker" als US-Präsident

Dass er am Ende einen größenwahnsinnigen, extrem vulgären "Joker", eine mehr als matte Karikatur Trumps inklusive all seiner skandalösen Sager, eine US-Präsidentschaftswahl gewinnen lässt, was Anlass gibt zu Reflexionen über ein wahnsinnig gewordenes Land namens USA, und zudem noch eine kurze Geschichte indischer Mafiosi und eines terroristischen religiösen Nationalismus einflicht, lässt die Komposition endgültig jedes Lot, Maß und Gleichgewicht verlieren. Zudem läuft Rushdies Prosa auf den letzten 40 Seiten in einem gut geölten, doch seelenlos dahinratternden Modus. Es ist auch genau hier, dass sich in die sonst solide Übersetzung Sabine Hertings kleine Nachlässigkeiten einschleichen.

So gilt auch nach Golden House: Immer wenn Rushdie einen Gegenwartsroman zu schreiben sich anschickt – mit gutem Grund sind Der Boden unter ihren Füßen (1999) und Wut (2001) heute vergessen –, bleibt es beim Versuch: wohlgemeint, aber mit mäßigem Resultat. (Alexander Kluy, 14.11.2017)