Abschlussfeier an der Columbia University. Die US-Uni bietet ein fruchtbares Umfeld für Spitzenforscher. Weiters notwendig: die höchsten Auszeichnungen des Fachs und ein weltweit einflussreiches Werk.

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Graz – Ob politische, Wirtschafts- oder Wissenschaftseliten – eines haben die Vertreter der Spitzenauslese ihrer jeweiligen Zunft trotz aller Unterschiede gemeinsam: Sie verfügen über Macht und Einfluss. Wer aus welchen Gründen und mit welchen Folgen in die diversen Eliten gelangt, interessiert Soziologen deshalb schon lange. Erstaunlicherweise gibt es dazu gerade in Hinblick auf das eigene Fach bisher noch keine umfassenden wissenschaftlichen Untersuchungen.

"Zwar hat man einzelne einflussreiche Autoren der Soziologie erforscht, nicht aber die Gesamtheit der dominierenden Fachelite", erklärt Philipp Korom, der am Soziologieinstitut der Uni Graz bereits seit einigen Jahren Elitenforschung betreibt. Unter der Leitung von Christian Fleck identifiziert und vergleicht er nun gemeinsam mit seinen Kollegen Thomas Klebel und Antonia Schirgi in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt die Supereliten der Soziologie und der Ökonomie.

Während die angesehensten Ökonomen auf der Liste der Nobelpreisträger zu finden sind, ist in der Soziologie allein schon die Identifikation der Elite eine Herausforderung. Da kein Nobelpreis für Soziologie vergeben wird, musste man einen anderen Weg finden, um Prestige und Einfluss der einzelnen Wissenschafter zu ermitteln. "Eliten definieren sich in der Wissenschaft über Peer-Recognition", so Philipp Korom. "Wir haben deshalb untersucht, wie häufig ein Wissenschafter in Journalen, Lehr- und Handbüchern sowie Enzyklopädien zitiert wird."

Positions- und Prestigeelite

Ein äußerst aufwendiges Unterfangen, für das ein riesiges Textcorpus von mehreren hunderttausend Seiten durchforstet werden musste. Zum Abgleich hat sich das Team angesehen, wer einschlägige Preise bekommen hat und in verschiedene Akademien aufgenommen wird. "Bis auf wenige Abweichungen sind wir mit unserer Methode richtig gelegen", sagt der Soziologe.

Ein großer Vorteil der sogenannten Zitationsmethode ist vor allem die Abgrenzung der "Positionselite" von der "Prestigeelite". Während Mitglieder der Positionselite einflussreiche Ämter in der Wissenschaftsorganisation bekleiden, beruhen Reputation und Einfluss der Prestigeelite allein auf deren Forschungstätigkeit. Schon vor Jahren hat der deutsche Soziologe Jürgen Gerhards nachgewiesen, dass zwischen dem an wissenschaftlichen Veröffentlichungen gemessenen Prestige und der Übernahme von Ämtern kaum eine Verbindung besteht. Wer im Wissenschaftsbetrieb eine wichtige Position innehat, muss also noch lange kein geachteter Forscher sein.

Begrenzte Haltbarkeit der Soziologie-Eliten

Fest steht für die Forscher: Das Prestige der – weitgehend männlichen – Soziologie-Eliten hält weniger lange als das anderer Wissenschaftseliten. "Wer sich in den 1970er-Jahren unter den Top 30 befand, war 2010 mit ziemlicher Sicherheit daraus verschwunden", berichtet Korom. "Seymour Lipset etwa war damals ein sehr einflussreicher politischer Soziologe – heute kennt ihn praktisch niemand mehr, aus den Journalen und Lehrbüchern ist er völlig verschwunden." Ausnahmen wie Peter Blau, James Coleman, Erving Goffman oder Robert K. Merton, auf die sich Soziologen noch heute berufen, gebe es nur wenige.

Trotz ihrer begrenzten Haltbarkeit werden die Super-Eliten in der Soziologie langsamer von einer nachkommenden neuen Elite ersetzt, als dies in anderen Wissenschaftsfeldern der Fall ist. Die Suche nach möglichen Ursachen führte die Grazer Forscher zunächst in die USA der 1970er-Jahre: Ein für die Elitenbildung besonders fruchtbares Umfeld boten damals vor allem die Columbia University, wo Paul Lazarsfeld und Robert Merton lehrten, sowie die University of Chicago und Harvard. "Exzellente Lehrer, engagierte Mentoren, ein kooperatives Klima, Unterricht in kleinen Gruppen und auf sehr hohem Niveau waren die Basis, auf der sich die Soziologenelite entwickeln konnte", erläutert Korom.

Jüdische Herkunft

Ein vergleichbarer Nährboden für Spitzenwissenschafter in der Soziologie ist seitdem nicht mehr auszumachen. Mit der Einrichtung von Soziologieinstituten auch an außeramerikanischen Unis ist allerdings die internationale Konkurrenz gewachsen. Die neue Generation der Topsoziologen kommt mittlerweile nicht mehr ausschließlich aus den USA, sondern auch aus Europa. Die zurzeit einflussreichsten Köpfe des Faches wie Pierre Bourdieu, Michel Foucault oder Bruno Latour durchliefen französische Eliteschmieden, Jürgen Habermas lehrte in Frankfurt und leitete ein Forschungsinstitut der Max-Planck-Gesellschaft in Starnberg.

Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten in den Lebensläufen fiel den Forschern ein besonders hoher Anteil von Starsoziologen jüdischer Herkunft auf. "Dieses Phänomen hat man schon früher bei den Nobelpreisträgern beobachtet, deshalb gibt es auch viele Theorien dazu", so Korom. "Wir werden uns jedenfalls die Rolle der Familie beim Aufstieg zur Spitze noch genauer anschauen."

Dass der Großteil der Wissenschaftselite dem Bürgertum entstammt, wie eine Studie über wissenschaftliche Würdenträger in Deutschland nahelegt, bezweifelt Korom zumindest für die Soziologie. "Topsoziologen kommen oft aus kleinen Verhältnissen und besuchten öffentliche Schulen." Wie Topkarrieren in der Ökonomie verlaufen, soll im nächsten Projektjahr untersucht werden. Spannend wird auch die geplante Analyse der gesellschaftlichen Wirksamkeit der Elitensoziologen und ihrer Funktion als öffentliche Intellektuelle und Ratgeber. (Doris Griesser, 26.11.2017)