Wissen statt Schokolade: Die Wissenschaftsredaktion empfiehlt von 1. bis 24. Dezember täglich ein neues Buch aus dem Bereich Wissenschaft, das Sie sich oder Ihren Lieben gut und gerne unter den Christbaum legen oder auch einfach so schenken können. Schlimme Kinder, die wir sind, öffnen wir das Türchen immer schon am Vorabend. Wenn Sie zu den Rezensionen etwas posten wollen, schreiben Sie bitte Titel oder Autor des besprochenen Buchs in die Titelzeile, damit die Zuordnung klar ist. Und wenn Sie selbst Buchneuerscheinungen empfehlen wollen, freuen wir uns darüber!

Wir empfehlen heute:

Die französische Philosophin Hélène Cixous schreibt in "Gespräch mit dem Esel" über das Schreiben selbst – es ist eine poetisch-philosophische Annährung an die Verbindung von Widerstand und Schreiben

"Ich schreibe nicht um zu behalten. Ich schreibe um zu fühlen. Ich schreibe um den Körper des Augenblicks mit den Wortspitzen zu berühren" – es sind Einblicke wie diese in ihr Schreiben, die die französische Philosophin und Schriftstellerin Hélène Cixous ihren Leserinnen und Lesern in "Gespräch mit dem Esel – Blind Schreiben" erlaubt. Wie in keinem anderen Text betont sie darin die Verbindung von Widerstand und Schreiben. Im Schreiben geht es Cixous um das Verborgene: "Ich will nicht das sehen was gezeigt ist. Ich will das sehen was geheim ist. Was zwischen dem Sichtbaren versteckt ist."

Um das zu erreichen, bedarf es etwas, das Cixous "blindes Schreiben" nennt. Damit sie schreiben kann, muss Cixous "dem grobgrellen Tageslicht entkommen das mich bei den Augen nimmt, mir die Augen nimmt und sie abfüllt mit groben, rohen Ansichten". So darf es wenig überraschen, dass Cixous in der Nacht schreibt, nur in der Nacht schreiben kann – ist die Nacht doch "die wunderreichere Hälfte meines Lebens".

Tränen der Trauer und der Freude

Was an diesen Passagen auch sichtbar wird, ist, wie Cixous mit den Regeln der Interpunktion bricht. Beispielsweise fehlen etliche Beistriche dort, wo sie herkömmlich gesetzt werden. Damit "verflüssigt sie und öffnet so Sinn und Bedeutung, setzt andere Akzente – zum Teil offene Akzente; denn dort, wo keine Kommata strukturieren, muss der Text jedes Mal im Lesen neu ‚artikuliert‘ werden", schreiben die Herausgeberinnen Esther Hutfless und Elisabeth Schäfer.

Um den Text zu öffnen und zu "verflüssigen", wurden zudem gezeichnete Tränen zwischen die Worte gesetzt. Es sind Tränen der Trauer über einen Verlust, aber auch Freudentränen, die einen Neuanfang begleiten – es sind Markierungen im Text, die das Sagbare übersteigen. Cixous: "The most beautiful things cannot be written, unfortunately. Fortunately. We would have to be able to write with our eyes, with wild eyes, with the tears of our eyes, with the frenzy of a gaze, with the skin of our hands."

Cixous Text, der von Claudia Simmer ins Deutsche übersetzt worden ist, wird in diesem Büchlein von zwei Supplementen der Wiener Philosophinnen Esther Hutfless und Elisabeth Schäfer, sowie von Gertrude Postl, Professorin für Philosophie und Women’s and Gender Studies am Suffolk County Community College in Selden, New York, begleitet. Insgesamt ist ein vielschichtiger, poetischer Band entstanden, der einmalige Einblicke in das Schreiben einer außergewöhnlichen Denkerin bietet. (Tanja Traxler, 12. 12. 2017)

Hélène Cixous: "Gespräch mit dem Esel – Blind schreiben", Hg. von Esther Hutfless und Elisabeth Schäfer, € 7 / 126 Seiten. Zaglossus, Wien 2017

Hinweis: Am 12.12. bringt Radio Orange um 18 Uhr eine Ausgabe der Wissenschaftssendung "Superscience Me", in der u. a. die Philosophinnen Esther Hutfless und Elisabeth Schäfer zu Wort kommen: http://o94.at/radio/sendung/superscience-me/1462413/

Weitere Rezensionen aus den vorangegangenen Tagen finden Sie, wenn Sie auf "weiter" klicken:

Die Geheimnisse der ältesten Kunstwerke Europas

Zwei Archäologen erzählen in einem großformatigen, üppig illustrierten Bildband die Geschichte jener Kunstwerke, die vor über 40.000 Jahren in den Eiszeithöhlen der Schwäbischen Alb angefertigt wurden

Die Venus von Willendorf, Österreichs berühmteste steinzeitliche Figurine, ist mit ihren rund 30.000 Jahren im Vergleich dazu geradezu jung. Die kleinen Figuren aus Mammutelfenbein, die man ab 1931 in den Eiszeithöhlen rund um Ulm in Südwestdeutschland fand, sind nämlich mindestens 10.000 Jahre älter: Sie gelten als die weltweit ältesten Funde figürlicher Kunst, hergestellt von modernen Menschen, die vor rund 43.000 Jahren Süddeutschland erreichten.

Doch diese Mini-Plastiken sind längst nicht alles, was man in den Höhlen der Schwäbischen Alb fand. Auch die ältesten Musikinstrumente – rund 40.000 Jahre alte Flöten, die aus Knochen von Geiern gefertigt wurden – stammen von dort. Allein aus der Höhle Hohler Fels konnte man mehr als 80.000 Steinwerkzeuge und fast 300 Schmuckstücke bergen.

Seit kurzem Unesco-Weltkulturerbe

Seit 2017 sind diese Höhlen Unesco-Weltkuturerbe. Und das war letztlich der Grund dafür, dass zwei der führenden Experten dieser Ausgrabungen – der US-deutsche Archäologe Nicholas Conard (Uni Tübingen) und seinen Kollege Claus-Joachim Kind – in einem üppig illustrierten Bildband rekonstruieren, was es mit diesen ersten Kunstwerke Europas auf sich hat und unter welchen Umständen sie hergestellt wurden.

Zuvor wird dem Leser noch viel Kontext vermittelt: über die Menschwerdung, die eiszeitliche Umwelt, aber auch über die Grabungsgeschichte der Höhlen. Im Hauptteil stellt das Archäologenduo die wichtigsten Funde wissenschaftlich seriös und optisch sehr ansprechend vor: Die aus Elfenbein geschnitzte "Venus vom Hohle Fels" etwa, die zu den weltweit ältesten Darstellungen des menschlichen Körpers gehört, oder die lebensnahen Figürchen von Mammuts, Löwen oder Pferden.

Keine unseriösen Spekulationen

Die Fotos der Kunstwerke sind hochwertig. Zahlreiche eingestreute Exkurse, Karten und Zeichnungen ergänzen den gut verständlichen Text, der sich bei den großen Fragen aller Spekulation enthält: Wie diese Kunstwerke verwendet wurden und wozu sie diesen frühesten modernen Menschen in Süddeutschland dienten, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. (Klaus Taschwer, 10.12.2017)

Nicholas J. Conard und Claus-Joachim Kind, "Als der Mensch die Kunst erfand. Eiszeithöhlen der Schwäbischen Alb". € 41,10 / 192 Seiten. Theiss, Darmstadt 2017

Weitere Rezensionen aus den vorangegangenen Tagen finden Sie, wenn Sie auf "weiter" klicken:

Theiss

Eine mit 85 Jahren Verspätung veröffentlichte Dissertation

Die vorbildliche Edition von Marie Jahodas Abschlussarbeit gibt nicht nur bemerkenswerte Einblicke in die Wiener Lebensverhältnisse zwischen 1850 bis 1930, sondern würdigt auf gelungene Weise auch Leben und Werk der großen Sozialwissenschafterin

Dissertationen gehören im Normalfall nicht zu jenen Bücher, die man (sich) gerne als Geschenk macht. Im vorliegenden Fall liegt die Sache etwas anders. Es handelt sich nämlich zum einen um die 1932 approbierte und nun erstmals veröffentlichte Abschlussarbeit von Marie Jahoda (1907–2001), der wichtigsten Sozialpsychologin aus Österreich. Zum anderen bietet der vorbildlich gestaltete Band neben der Dissertation viele wertvolle Beiträge zu deren Kontextualisierung, aber auch zu Jahodas Leben und ihrem weiterem Werk.

Das leisten unter anderem ein Vorwort der Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny, eine fast 100-seitige Jahoda-Biografie des Grazer Soziologen Christan Fleck, 40 Fotografien der Sozialpsychologin, aber auch ein Gedicht von Jahoda selbst ("Wir Frauen von heute"), die 1932 als eine der damals jüngsten Studentinnen der Uni Wien promovierte. Neben dem Studium war sie darüberhinaus Mutter einer kleinen Tochter, lebte in einer schwierigen Ehe mit Paul Lazarsfeld, absolvierte eine Ausbildung zur Volksschullehrerin und engagierte sich bei den Sozialdemokraten – um nur die wichtigeren ihrer extracurricularen Aktivitäten zu nennen.

52 lebensgeschichtliche Gespräche

Für die Dissertation, die den Titel "Anamnesen im Versorgungshaus" trägt und unter Einfluss der Psychologin Charlotte Bühler stand, protokollierte Marie Jahoda insgesamt 52 lebensgeschichtliche Gespräche mit Frauen und Männern, die in einem der Wiener Versorgungshäuser gelandet waren. So wurden damals jene Seniorenheime bezeichnet, in denen weitgehend mittellose Menschen betreut wurden.

Die Befragten waren entsprechend zwischen rund 60 und fast 90 Jahre alt, und die Protokolle ihrer Lebensgeschichten bieten bis heute einzigartige und unmittelbare Einblicke in die Arbeits- und Lebensverhältnisse in Wien zwischen 1850 und 1930. Die Aufzeichnungen machen dabei aber nicht nur die ökonomische Dynamik sowie die erhebliche räumliche und soziale Mobilität dieser Jahrzehnte greifbar, sie laden auch zu Vergleichen mit unseren eigenen Biografien der Jetztzeit ein.

Einlösung eines Credos

"Das Unsichtbare sichtbar machen" war Jahodas wissenschaftliches Credo, das sie bereits in dieser Arbeit, die gut ein Drittel des fast 400-seitigen Buchs ausmacht, eindrucksvoll einlöste. Nur ein Jahr nach der Promotion erschien dann bereits jene vor allem von ihr verfasste Studie, die sie weltberühmt machen sollte: "Die Arbeitslosen von Marienthal".

Weitere vier Jahre später wurde Jahoda vom Schuschnigg-Regime aus Österreich vertrieben und kam bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 nur mehr für kurze Besuche zurück in ihre Heimat. Immerhin konnte die Wissenschafterin 66 Jahre nach ihrer Promotion noch das Ehrendoktorat der Uni Wien persönlich entgegennehmen.

Die aufwendig gestaltete Edition dieser Promotionsarbeit und die instruktiven Begleittexte kommen zwar etwas spät. Sie rufen aber umso nachdrücklicher in Erinnerung, welch vorbildliche Sozialwissenschafterin und einzigartige Persönlichkeit Marie Jahoda zeit ihres Lebens – und auch schon als sehr junge Forscherin – gewesen ist. (Klaus Taschwer, 10.12.2017)

Marie Jahoda, "Lebensgeschichtliche Protokolle der arbeitenden Klasse. Dissertation 1932". Mit einem Porträt über die Autorin von Christian Fleck. € 26,90 / 392 Seiten. StudienVerlag, Innsbruck 2017

Weitere Rezensionen aus den vorangegangenen Tagen finden Sie, wenn Sie auf "weiter" klicken:

StudienVerlag

Gut erzählte Geschichten über exzentrische Physik-Genies

Richard von Schirach vermittelt Grundwissen der modernen Naturwissenschaften, indem er einige ihrer eigenwilligeren Protagonisten von Henry Cavendish (1731–1810) bis Robert Oppenheimer (1904–1967) anekdotenreich vorstellt

Im vorletzten Kapitel von Eric Hobsbawms modernem Klassiker "Zeitalter der Extreme", seinem famosen Überblick über das 20. Jahrhundert, steht ein Thema im Zentrum, das in ähnlichen historischen Darstellungen meist ausgespart wird: Unter dem Titel "Zauberer und Lehrlinge" analysiert der britische Historiker auf überaus lesenswerte Weise die Entwicklung und die Bedeutung der Naturwissenschaften im 20. Jahrhundert.

Grenzüberschreiter zwischen den "zwei Kulturen"

Hobsbawm ist bis heute eine der wenigen Ausnahmen von jener bedauernswerten Regel geblieben, dass sich die Vertreter der Geistes- und der Naturwissenschaften eher selten mit der jeweils anderen der "zwei Kulturen" beschäftigen. Ein anderer Vertreter dieser seltenen Spezies kultureller Grenzüberschreiter ist der studierte Sinologe Richard von Schirach, Onkel des Bestsellerautors Ferdinand von Schirach und jüngster Sohn des NS-Reichsstatthalters von Wien, dessen Geschichte er im Buch "Der Schatten meines Vaters" aufarbeitete.

Bereits vor fünf Jahren legte von Schirach mit "Die Nacht der Physiker" eine gut recherchierte Geschichte des deutschen Uranprojekts im Zweiten Weltkrieg vor und ging darin mit den beteiligten Forschern eher härter ins Gericht als sonst üblich. Sein neues Buch schließt in gewisser Weise daran an: Auch in "Der Mann, der die Erde wog" geht es vor allem um Physiker, die mit ihren "Entdeckungen die Welt veränderten", so der zweite Teil des Untertitels.

Etwas irreführender Titel

Der Titel selbst ist freilich etwas irreführend, denn die lesenswerte Annäherung an den exzentrischen Forscher Henry Cavendish, dem rund um 1800 auf geniale Weise die erste experimentelle Bestimmung der mittleren Dichte der Erde gelang, ist nur eines von zwölf Kapiteln des Buchs. In den anderen versammelt der mittlerweile 75-Jährige gelungene Porträts von zur Exzentrik neigenden Naturwissenschaftern, die vor allem zwischen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und dem Zweiten Weltkrieg aktiv waren.

"Sonderlinge in einer Irrenanstalt"

Ein Schwerpunkt liegt auf den Entwicklungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, einer der zentralen Schauplätze im zweiten Teil des Buchs ist die Villa Born in Göttingen, für von Schirach ein "magischer Ort wilden Denkens". Etwas weniger schmeichelnde Worte hatte Nobelpreisträger Max Delbrück für diese Gruppe der Wissenschafter um Max Born in den 1920er-Jahren. Delbrück sprach von den "brillanten Sonderlingen in einer Irrenanstalt".

Wenn man von Schirachs mit feiner Feder gezeichneten Porträts etwas zum Vorwurf machen möchte, dann wohl die Betonung der größeren und kleineren "Verrücktheiten" der Geistesgiganten. Zugleich hilft diese Annäherung über die oft schrulligen Persönlichkeiten der Genies, deren revolutionäre Erkenntnisse auch für Laien gut zugänglich zu machen.

Weniger bekannte Geistesgrößen

Neben der Darstellung von Allzeitgrößen wie Planck, Curie oder ganz zu Beginn Boltzmann porträtiert von Schirach aber auch einige Geistesgrößen, die nicht ganz so bekannt sind, wie etwa Lew Landau, der an der Entwicklung der sowjetischen Wasserstoffbombe beteiligt war, oder den aus Wien stammenden Friedrich Georg Houtermans, der unter Stalin drei Jahre Einzelhaft auch mit Hilfe von Primzahlrechnungen überlebte.

Eine der spannenden Beobachtungen in Eric Hobsbawms Kapitel über die Naturwissenschaften im 20. Jahrhundert ist die These, dass es keine andere Epoche gegeben habe, in der Forscher stärker politisiert gewesen wären und so sehr unter totalitären politischen Systemen zu leiden gehabt hätten, wie in den Jahrzehnten unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Gerade mit den Kapiteln über Houtermans und Landau liefert "Der Mann, der die Erde wog" treffliche Illustrationen dieser Behauptung. (Klaus Taschwer, 9. Dezember 2018)

Richard von Schirach: "Der Mann, der die Erde wog. Geschichten von Menschen, deren Entdeckungen die Welt veränderten". € 22,70/ 416 Seiten. Bertelsmann, München 2017

Weitere Rezensionen aus den vorangegangenen Tagen finden Sie, wenn Sie auf "weiter" klicken:

C. Bertelsmann

Eine philosophische Liebesverwirrung

Joakim Garff hat der einstigen Verlobten des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard ein Buch gewidmet – es ist die erste Biographie von Regine Olsen.

Sie trafen sich über Jahre hinweg beinahe jeden Tag. Es waren immer andere Orte in und rund um Kopenhagen. Wenn einer von ihnen seinen Weg änderte, tat dies auch der andere. Und so trafen sie sich wieder. Sie sprachen nie ein Wort miteinander, schrieben sich keine Briefe. Die intimsten Begegnungen waren in der Kirche. Wenn der Pfarrer die Messe hielt. Die Nähe, die Dunkelheit, die Intimität – als wäre es eine heimliche Hochzeitsmesse. Dass sie beinahe geheiratet hätten, lag da schon Jahre zurück.

Leserinnen und Lesern des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard (1813-1855) war seine einstige Verlobte Regine Olsen (1822-1904) seit langem ein Begriff. Zu viele Referenzen finden sich in dessen Werk, um die Relevanz, die Olsen für ihn hatte, überlesen zu können. Der Theologe und Kierkegaard-Experte Joakim Garff hat der Frau, um deren Hand Kierkegaard einst angehalten, die Verlobung mit ihr aber Monate später wieder aufgelöst hatte, nun die erste eigenständige Biographie gewidmet.

Als 15-Jährige lernte Olsen den um neun Jahre älteren Kierkegaard kennen – bereits die erste Begegnung hinterließ bei beiden einen tiefen Eindruck. Drei Jahre später verlobten sich die beiden. Dass Kierkegaard die Verlobung löste, hatte weniger damit zu tun, dass es ihm an Liebe zu Olsen mangelte, sondern er fühlte sich der Rolle des Ehemanns nicht gewachsen.

Olsen traf dieser Bruch enorm. Einige Jahre später heiratete sie aber ihren früheren Lehrer Johan Frederik Schlegel. Die täglichen, wortlosen Begegnungen mit Kierkegaard setzte sie dennoch fort. Diese nahmen erst dadurch ein jähes Ende, dass Schlegel eine Stelle in einer dänischen Kolonie in der Karibik annahm und mit seiner Frau dorthin übersiedelte. Als Olsen erst viele Jahre später wieder nach Dänemark zurückkehrte, war Kierkegaard bereits gestorben. Erst nach dem Tod ihres Mannes Schlegel, entschied sich Olsen, offen über die Beziehung zu ihrem prominenten einstigen Verlobten zu sprechen.

Durch Zufall gelangte Garff, der zuvor bereits eine vielbeachtete Biographie über Kierkegaard geschrieben hat, an über 100 Briefe von Regine Olsen, die bislang nicht bekannt gewesen waren. Das nun veröffentliche Buch "Kierkegaard’s Muse" zeichnet in einfühlsamer Weise die Lebensgeschichte einer Frau und ihren enormen Einfluss auf das Denken Kierkegaards nach.

Wie nebenbei erzählt Garff dabei auch einiges über die Philosophie selbst: Er relativiert das Bild, dass es sich dabei um eine Disziplin handelt, in der rein logische Deduktionen, völlig losgelöst von den leiblichen Erfahrungen in der Welt, vorgenommen werden. Ganz im Gegenteil wird die Philosophie hier als Form des Denkens dargestellt, die aufs Engste mit dem Leben selbst verbunden ist. (Tanja Traxler, 8.12.2017)

Joakim Garff: "Kierkegaard’s Muse – The Mystery of Regine Olsen", € 19,87 / 314 Seiten. Princeton University Press, Princeton 2017

Foto: Princeton University Press

Verborgene Verbindungen aller Lebewesen

Peter Wohlleben betrachtet den Zusammenhang zwischen Fischen, Bäumen, Pilzen und Wolken – und macht auch beim Menschen nicht halt.

Was haben Kraniche mit Schinken, Regenwürmer mit Wildschweinen oder Käfer mit Taubenfedern zu tun? Dass es innerhalb dieser Begriffsduos tatsächlich erstaunliche ökologische Zusammenhänge gibt, erklärt Peter Wohlleben in seinem neuesten Besteller auf anschauliche Weise.

Wildschweine und Hirsche waren zum Beispiel bis vor Kurzem kaum im Wald anzutreffen. Durch Wildfütterungen und andere Faktoren ist in den letzten Jahren jedoch ein regelrechter Zoo an Tieren entstanden, die sich liebend gerne vom Baumnachwuchs ernähren. Die hohen Zahlen der Schweine können aber durch eine zweite Futterquelle natürlich reguliert werden: Regenwürmer. Denn diese tragen mikroskopisch kleine Parasitenlarven von Lungenwürmern in sich, die Wildschweine beim Durchwühlen der Erde zu sich nehmen – mit anschließender Ansteckungsgefahr.

"Deutschlands bekanntester Förster" (ARD) bringt in "Das geheime Netzwerk der Natur" einmal mehr auch Biologie-Muffel dazu, über die verborgenen Fähigkeiten der Natur verblüfft zu sein.

Wohlleben landete bereits 2015 mit seinem Buch "Das geheime Leben der Bäume" einen Sensationserfolg, das bis heute auf der "Spiegel"-Bestsellerliste steht. Seine Beschreibung des "Wood Wide Web", ein Internet des Waldes, durch das Bäume miteinander kommunizieren können, machte ihn nicht nur in Deutschland, sondern mittlerweile weltweit bekannt. Ein Teil des Erfolgs ist wohl auch seiner Sprache geschuldet, die sowohl leicht verständlich, als auch einfühlsam ist.

Das gilt auch für sein neues Werk, in dem er Zusammenhänge in der Natur quer durch verschiedene Arten beschreibt – von Mikroorganismen bis Säugetieren. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass junge Bäume quasi von ihrem "Mutterbaum" gestillt werden, weil sie selbst nicht an genug Licht kommen? Und dass Stürme und Brände im Wald ein Vorteil für Rehe sind? Denn durch die natürlichen Rodungen entstehen nämlich mehr Lichtungen und auf diesen können junge Bäume wachsen, die mehr Zugang zu Licht haben und deswegen mehr Zucker in den Blättern produzieren. Diese schmecken in Folge dem Waldbewohner Reh besser, was wiederum zu einer Reaktion der Bäume führt, die ungenießbare Salicylsäure produzieren.

Besonderes Augenmerk schenkt Wohlleben in seinem neuen Buch der Rolle des Menschen im "Netzwerk der Natur". Dieser zwinge die Umwelt seit dem Beginn der Landwirtschaft in ein Korsett und bringt dadurch die natürliche Balance durcheinander. In Zeiten des Klimawandels werden deshalb Gedanken über die Auswirkungen dieses Einflusses immer notwendiger.

Aber verstehen wir die komplexen Zusammenhänge der Natur überhaupt ausreichend, um auch richtige Schutzmaßnahmen treffen zu können?

Denn rettet man eine Art, vernachlässigt man automatisch eine andere, so Wohlleben, oder fügt dieser vielleicht sogar noch zusätzlichen Schaden zu. Und die meisten Arten (vor allem kleinere Lebewesen wie Pilze oder Mikroorganismen), seien noch nicht einmal entdeckt.

Dennoch bleibt Peter Wohlleben Optimist und glaubt an die verborgenen Kräfte der Natur, wenn er zum Beispiel davon erzählt, wie Bäume, die sich naturgemäß nicht bewegen können, innovative Anpassungen an Klimaveränderungen vornehmen.

Was aber sollen wir Menschen nun angesichts der dramatischen Veränderungen in der Natur unternehmen, um diese zu retten? Wohlleben glaubt stark an die Kraft des Nichts-Tuns. Denn wenn das Buch eine Botschaft hat, dann die: Man kann gar nicht genug Staunen über all die Zusammenhänge, Anpassungen und Reparaturmechanismen der Natur. (Katharina Kropshofer, 07.12.2017)

Peter Wohlleben, "Das geheime Netzwerk der Natur", €20,60 / 224 Seiten. Ludwig Verlag, München 2017

Foto: LUDWIG/ Random House

Das etwas andere "Guinness-Büchlein" der Natur-Superlative

Zwei deutsche Autoren haben alle möglichen Bestleistungen aus dem Reich der belebten Natur zusammengetragen und unterhaltsam aufbereitet

Das Guinness-Buch der Rekorde gibt es seit mittlerweile 62 Jahren und ist zu einer eigenen kleinen Firma mit 50 Mitarbeitern und einem Museum in Hollywood geworden. Die Idee zum Rekord-Buch kam Sir Hugh Beaver, dem damaligen Geschäftsführer der irischen Brauerei, angeblich irgendwann Anfang der 1950er-Jahre nach einer erfolglosen Jagd auf Goldregenpfeifer.

Sir Hugh wollte sich rehabilitieren und begann, Recherchen über die schnellsten Vögel der Welt anzustellen. Und dabei kam ihm angeblich die Idee, den Bierkonsum in den Pubs zusammen mit der Wettleidenschaft der Bierkonsumenten durch, voilà: ein Buch der Rekorde zu erhöhen.

Aberwitzige Bestleistungen

Heute werden im Guinness-Buch der Rekorde, das auch auf Deutsch "Guinness World Records" heißt, in möglichst schreiender Optik vor allem aberwitzige Bestleistungen von Menschen präsentiert, deren einziges Ziel es zu sein scheint, in dieses Buch aufgenommen zu werden. Wer hingegen nach Bestleistungen in der belebten Natur sucht (wie etwa dem schnellsten Vogel der Welt), ist beim optisch weitaus weniger opulenten Büchlein "Organismische Rekorde" der deutschen Sachbuchautoren Klaus Richarz und Bruno Kremer besser aufgehoben.

Was dem Taschenbuch an grellen Farben und aufwendiger grafischer Gestaltung fehlt, machen die beiden Autoren durch Fachkenntnis und unterhaltsame sowie anekdotenreiche Aufbereitung wett. Dabei geht es nicht nur um die üblichen und zum Teil altbekannten Rekordhalter im Tier- und Pflanzenreich (das schnellste und das größte Landwirbeltier, das mit dem längsten Hals...).

Auch Bakterien, Protisten und Pilze

In den ersten drei Kapiteln gibt es Bestleistungen aus dem Reich der Bakterien, der Protisten (Algen, Protozoen u.a.) und schließlich auch noch aus dem Reich der Pilze, die weder zu den Pflanzen noch zu den Tieren gehören. Auch hier mag dem naturkundigen Leser einiges schon bekannt sein, etwa der größte Pilz, ein 9 km2 großes Hallimaschmyzel in den USA. Aber wer hätte gewusst, dass der größte Pilzfruchtkörper einem Porling der Art Rigidioporus ulmarius gehört, der in den Royal Botanical Gardens bei London wächst und rund 300 Kilogramm wiegt?

Die Einträge sind im Schnitt rund eine Seite lang, zum Teil mit Schwarz-Weiß-Fotos illustriert und bieten seriöses Infotainment. Mit den gut recherchierten Informationen kann man ja womöglich das eine oder andere Mal im Biologieunterricht glänzen (sowohl als Lehrer wie als Schüler) oder in einem Pub bzw. bei einer Party als Besserwisser punkten.

Die schnellsten Vögel

Apropos: Der schnellste Vogel ist, wie die meisten hier vermutlich wissen, der Wanderfalke, der im Sturzflug bis zu 350 km/h erreichen kann. Beim Geradeausflug sind freilich auch einige Gänse- und Entenarten nicht zu unterschätzen: Mittelsänger, Eiderente oder Spornflügelgans können laut Richarz und Kremer mit bis zu 100 km/h Reisefluggeschwindigkeit unterwegs sein. Der Goldregenpfeifer wird in "Organismische Rekorde" hingegen nicht erwähnt. (Klaus Taschwer, 6.12.2017)

Klaus Richarz und Bruno P. Kremer, "Organismische Rekorde. Zwerge und Riesen – von den Bakterien bis zu den Wirbeltieren". € 15,40 / 305 Seiten. Springer, Heidelberg 2017

Weitere Rezensionen aus den vorangegangenen Tagen finden Sie, wenn Sie auf "weiter" klicken:

springer

Der "Macho-König" Testosteron wird vom Thron gestoßen

In "Testosterone Rex" räumt Autorin Cordelia Fine überzeugend und preisgekrönt mit Mythen über Maskulinität und Geschlechterunterschiede auf

Es beginnt mit einer interessanten, jedoch leicht kuriosen Anekdote: Bei einem Abendessen im Hause Fine wird über die Kastrierung des neuen Hundes gesprochen, woraufhin der ältere Sohn vor Begeisterung aufschreit: "Wir könnten doch seine Hoden zu einem Schlüsselanhänger machen!"

Auch wenn die Psychologin Cordelia Fine gegen das wunderliche Angebot ihres Sohnes, der sich nebenbei bemerkt für Taxidermie (also der Haltbarmachung von Tierkörpern und ihrer Teile) begeistert, Veto einlegte, fand sie in der familiären Szene eine gelungene Metapher für ihr neues Buch, das bisher nur auf Englisch erschienen ist.

In "Testosterone Rex" geht es nämlich um die scheinbar omnipräsenten Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die einem schon einmal wie ein aufdringlicher Schlüsselanhänger erscheinen können.

Umstrittene Geschlechterdifferenzen

Auf ihre zynisch-witzige Art hatte die kanadisch-britische Wissenschaftsautorin bereits in früheren Büchern den Vergleich zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen unter die Lupe genommen – mit dem Ergebnis, dass diese Unterschiede eigentlich gar nicht so offensichtlich sind.

In ihrem neuen Buch räumt sie nun mit dem Mythos auf, dass Männer aufgrund des Hormons Testosteron, das als Inbegriff von Maskulinität gilt, ein scheinbar typisch männliches Verhalten in Form von höherem Ehrgeiz und Risikofreude an den Tag legen würden. Solche Charaktereigenschaften seien auch genauso wenig eine Folge des XY-Hormons wie eine promiskuitive Lebensweise als unumgängliche Konsequenz der vermeintlichen Tatsache, dass Männer ihre Gene aufgrund ihrer Biologe so gut wie möglich verbreiten müssen.

Gegen evolutionsbiologische Erklärungen

Fines Buch, das 2017 den renommierten, jedoch kaum in einem Atemzug auszusprechenden "Royal Society Insight Investment Science Book Prize" gewann, rückt die wichtige Debatte über die überspitzten Unterschiede zwischen den Geschlechtern in den Fokus. Auch evolutionäre Argumente räumt "Testosterone Rex" mit viel Überzeugungskraft aus dem Weg und erklärt anhand zahlreicher Anekdoten, wieso der König Testosteron vom Thron gestoßen werden muss. (Katharina Kropshofer, 5.12.2017)

Cordelia Fine, "Testosterone Rex. Unmaking the Myths of our Gendered Minds". €11,99 / 195 Seiten. Icon books, London 2017

Weitere Rezensionen aus den vorangegangenen Tagen finden Sie, wenn Sie auf "weiter" klicken:

Foto: Icon Books

Schauplatz Exoplanet

Herausgeber Nick Gevers bat Science-Fiction-Autoren, neuere Erkenntnisse aus der Exoplanetenforschung in Erzählungen zu verarbeiten

Seit Anfang der 1990er Jahre die ersten extrasolaren Planeten entdeckt wurden, ist die Liste auf über 3.500 angewachsen. Und mit der Fülle an Entdeckungen kam die Erkenntnis, dass unser Sonnensystem nicht das einzige Modell ist, wie Planeten um einen Stern angeordnet sein können – ja, dass es möglicherweise nicht einmal ein besonders typisches Sternsystem ist.

So gibt es für Planetentypen, die in der Galaxis weit verbreitet zu sein scheinen, in unserem System keine Entsprechung – Stichwort "Heißer Jupiter". Wer hätte sich früher einen Planeten wie WASP-19b ausgemalt, größer als der Jupiter, aber nicht wie "unsere" Gasriesen jenseits der Gesteinsplaneten kreisend, sondern auf einer so engen Bahn um seinen Stern, dass er für einen Umlauf kaum 19 Stunden braucht?

Die Realität übertrifft selbst die Science Fiction, und deshalb hat der südafrikanische Herausgeber Nick Gevers 14 Autoren gebeten, Kurzgeschichten für eine Anthologie beizusteuern, die der Kreativität des Kosmos gerecht werden. SF-Fans dürfen sich darüber freuen, dass Gevers einige der besten Vertreter des Genres verpflichten konnte, von Ian MacLeod über Alastair Reynolds bis zu Lavie Tidhar.

Einige der Beitragenden führen selbst eine Doppelexistenz als SF-Autor und Wissenschafter. Gregory Benford etwa ist Astrophysiker und lässt in seiner Erzählung "Shadows of Eternity" eine Bibliothekarin der Zukunft virtuell in Daten eintauchen, die Sonden über extrasolare Planeten gesammelt haben.

Biologe Paul McAuley spitzt seine Erzählung "Life Signs" auf eine bittere Ironie zu: Während Astronomen die Atmosphären von Exoplaneten auf Lebensspuren untersuchen, werden ihre Teleskope blind, denn der Klimawandel als "Lebensspur" der Menschheit verhängt den Himmel mit Wolken. Nancy Kress schließlich beschreibt in "Canoe" eine Tauchexpedition auf einem fernen Eismond – ganz nach dem Vorbild von heute schon angedachten Missionen zum Saturnmond Enceladus.

Allerdings haben nicht alle Autoren hier so stark auf die Wissenschaft fokussiert und stattdessen lieber ihre schriftstellerische Freiheit genutzt: Von der Gesellschaftssatire über eine Liebesgeschichte bis zum Dokument des Weltuntergangs ist die Bandbreite der insgesamt hochklassigen Anthologie groß.

Und mit Ian Watson kam auch einer auf die fast schon zwangsläufige Idee, den Spieß umzudrehen. In seiner humorvollen "Journey to the Anomaly" bereist eine Abordnung Aliens ein Sternsystem, wie sie noch keines gesehen haben – nämlich unseres. Acht Planeten ziehen hier in fast perfekten Kreisen um ihren Stern, "so regelmäßig wie ein Uhrwerk". Das kann keine natürliche Anordnung sein, da müssen die Einheimischen doch mit irgendeiner Supertechnologie nachgeholfen haben ... (Jürgen Doppler, 4.12.2017)

Nick Gevers (Hrsg.), "Extrasolar", €34,00 / 314 Seiten. PS Publishing, Hornsea 2017

Weitere Rezensionen aus den vorangegangenen Tagen finden Sie, wenn Sie auf "weiter" klicken:

Foto: PS Publishing

Pfiffige Trainingsübungen für die grauen Zellen

Der deutsche Wissenschaftsjournalist Holger Dambeck hat 100 Mathematik-Rätsel zusammengetragen. Viel guter Stoff zum Knobeln, hier illustriert an einem Mitratebeispiel

Die Adventzeit mit all den Keksen und Weihnachtsfeiern stellt mitunter eine Herausforderung für Körper und Geist dar. Um den Körper in Schwung zu halten, braucht es in der kalten Jahreszeit etwas Überwindung und ist im Fitnessstudie auch nicht ganz billig.

Die 100 Hirntrainingsübungen, die der "Spiegel"-Wissenschaftsjournalist Holger Dambeck für angehende und bereits fortgeschrittene Denksportler zusammengestellt hat, sind im Vergleich dazu sehr günstig zu haben. Aber Vorsicht: Die gerade einmal 10 Euro teuren Knobeleien können einige Stunden Lebenszeit kosten!

Autor vom "Rätsel der Woche"

Dambeck ist beim "Spiegel" nicht nur Leiter der Online-Wissenschaftsredaktion, sondern dort auch für das wöchentliche "Rätsel der Woche" zuständig, das sich großer Beliebtheit erfreut. Aus diesem reichen Schatz logischer und mathematischer Aufgaben hat der ehemalige Mathematik-Olympionike und studierte Physiker im Taschenbuch "Kommen drei Logiker in eine Bar..." etliche der pfiffigsten kompiliert.

Die Schwierigkeit der Aufgaben schwankt zwischen ziemlich leicht und ziemlich unlösbar. Ein bisschen Hirnschmalz ist also vonnöten – und für die härteren Nüsse meist auch einige Zeit, die man mit einem Blick in den Lösungsteil aber gut abkürzen kann. Und vorab liefert Dambeck in der Einleitung noch eine hilfreiche Anleitung zum kreativen Problemlösen mit.

Ein olympisches Rätsel zum Testen

Um einen Eindruck von den Knobeleien zu geben, zitieren wir eines, das Dambeck selbst zitiert hat. Es handelt sich um ein Rätsel, das bei der Mathematik-Olympiade 2010 von Schülern der 10. Schulstufe zu lösen war, und zwar in der Regionalrunde in der zweiten von vier Stufen. Also eher anspruchsvoll. Aber testen Sie sich selbst:

Vier Personen – A, B, C und D – machen folgende je zwei Angaben, die zur Zahlenlösung führen:

A1: Die Zahl ist dreistellig.

A2: Das Produkt aller Ziffern ist 23.

B1: Die Zahl ist durch 37 teilbar.

B2: Die Zahl besteht aus drei gleichen Ziffern.

C1: Die Zahl ist durch 11 teilbar.

C2: Die Zahl endet mit null.

D1: Die Quersumme ist größer als 10.

D2: Die Ziffer der Hunderterstelle ist weder die größte noch die kleinste der Ziffern.

Um das Rätsel noch etwas zu verkomplizieren, erklären A, B, C und D, dass nur jeweils eine ihrer beiden Angaben richtig ist.

Wie also lauten die Lösungszahlen? Frohes Knobeln! (Klaus Taschwer, 3.12.2017)

Holger Dambeck, "Kommen drei Logiker in eine Bar... Die schönsten Mathe-Rätsel". €10,30 / 240 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017

Weitere Rezensionen aus den vorangegangenen Tagen finden Sie, wenn Sie auf "weiter" klicken:

KiWi

Zweifel über biologische Grenzen unseres Körpers

Existenzialist oder nicht: Mark O'Connell regt in "Unsterblich sein" zum Denken und zum Lachen an

Vorhaben, das Problem des Sterbens zu lösen, würden die meisten womöglich nicht unbedingt als bescheiden bezeichnen. Transhumanisten arbeiten jedoch genau daran.

Als Journalist stellte sich der Ire Mark O’Connell Fragen nach der Motivation und Realisierbarkeit der transhumanistischen Ideen. Seine teils philosophischen, teils wissenschaftlichen Überlegungen und Erfahrungen verpackte er in dem Buch "Unsterblich sein: Reise in die Zukunft des Menschen".

Was aber ist Transhumanismus? Einfach gesagt, eine Denkrichtung, die mit Hilfe von Technologie mentale und physische Grenzen des menschlichen Körpers überwinden will. Utopisten, Cyborgs, Investitionen von Tech-Millionären oder Informationen unseres Gehirns, die im Streben nach Unsterblichkeit in eine Maschine hochgeladen werden sollen, sind alle Teil seiner einladenden Reise.

Mit großer Skepsis begegnet O'Connell so Mitgliedern der Bewegung wie Tim Cannon, der auf Grund zahlreicher Körpermodifikationen bereits als Cyborg bezeichnet wird, oder Zoltan Istvan, der mit seiner "Transhumanist Party" als unabhängiger Kandidat bei den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen angetreten ist.

Das Buch gleicht dabei einer großen Reportage, die oft mehr science als fiction zeigt und so ein recht unvoreingenommenes Bild auf Schlüsselcharaktere der Bewegung wirft.

Es fehlt jedoch auch nicht an persönlichen Noten, wenn er zum Beispiel von der Geburt seines Sohnes schreibt, die ihn zum ersten Mal die Zerbrechlichkeit des Lebens erkennen und hassen ließ – und auch zur Motivation für sein Debüt wurde, wie er in einem Interview mit der BBC erzählt.

Trotz des scheinbar düsteren Themas bringt einen das Buch mit witzig-skurrilen Szenen oft zum Schmunzeln: Sein Ausflug zur Alcor Life Extension Foundation (ein Ort unter der Leitung des Futuristen Max More, an dem Transhumanisten ihre Körper in flüssigem Stickstoff einfrieren lassen wollen) erinnert beispielsweise stark an Dr. Frank’n’furter’s Schloss in dem Kultklassiker "Rocky Horror Picture Show".

Mark O’Connells Reise ist gut für Existenzialisten. Aber auch für alle, die Existenzialismus hassen. Im BBC-Interview erwähnte er übrigens auch, dass der Gedanke, das eigene Leben durch Technologie zu verlängern, für ihn noch beängstigender sei als der Gedanke zu sterben. In diesem Sinne: Merry, dark christmas! (Katharina Kropshofer, 2.12.2017)

Mark O'Connell, "Unsterblich sein. Reise in die Zukunft des Menschen", €24,70 / 299 Seiten. Carl Hanser Verlag, München 2017

Weitere Rezensionen aus den vorangegangenen Tagen finden Sie, wenn Sie auf "weiter" klicken:

Foto: Carl Hanser Verlag

Wegweiser durch unser wundersames Universum

Stefan Klein macht in "Das All und das Nichts" die schwer vorstellbaren Erkenntnisse der modernen Physik auf elegante und anschauliche Weise zugänglich

Auf den ersten Blick sieht dieser Band wie das perfekte Weihnachtsbuch aus: schneeweißer Hintergrund, die Schrift darauf in Dunkelgold, dazu glänzende Kugeln in verschiedener Größe wie von einem Christbaum. Doch man soll bekanntlich Bücher nicht nach ihrem Cover beurteilen, und tatsächlich hat Stefan Kleins neues Werk herzlich wenig mit Weihnachten am Hut.

Der erfolgreichste deutschsprachige Wissenschaftsautor der vergangenen Jahre, der mit Büchern wie "Die Glücksformel" lesenswerte Bestseller schrieb, beschäftigt sich in seinem neuesten Werk "Das All und das Nichts" mit den ganz großen Fragen der Wissenschaft und nimmt den Leser in zehn kurzen Kapiteln auf überaus spannende Entdeckungsreisen bis zum Rande unserer Vorstellungskraft mit – und noch darüber hinaus.

Klein, der selbst promovierter Physiker ist, führt in zehn Kapitel anschaulich vor Augen, was die größten Forscher in den vergangenen gut 100 Jahren unter anderem über das Wesen der Zeit, über die Größe und Gestalt unseres Universums, den Urknall, das Licht und das Verhalten seiner Teilchen herausgefunden haben. Und diese Erkenntnisse machen vor allem eines deutlich: Dass es tatsächlich, wie schon Hamlet vermutete, mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.

Gleich zu Beginn seiner mit knapp 240 Seiten schlanken Essaysammlung, die auch eine gut getarnte Einführung in die Relativitätstheorie, die Quantenphysik und die Kosmologie darstellt, befasst sich Klein freilich mit der Schönheit und ihrem Verhältnis zu den Wissenschaften. Anders als Edgar Allan Poe, der neue wissenschaftliche Erkenntnisse quasi für Fressfeindinnen der Poesie hielt, singt Klein ein Loblied auf vermeintliche Entzauberung der Welt und des Universums. Denn die Forschung führte nur zu noch mehr Fragen und zeige uns eine Wirklichkeit, die viel verrückter und phantastischer ist, als wir sie uns vorstellen können.

Diese Versprechen löst Klein im doppelten Sinn ein: Er liefert mit seinem Buch, das nicht von ungefähr den Untertitel "Von der Schönheit des Universums" trägt, zum einen wunderbar anschauliche Beschreibungen dieser Unvorstellbarkeiten im ganz Kleinen (etwa des Higgs-Teilchens) und ganz Großen (wie der Ausdehnung des Universums). Zum anderen tut er dies in einem eleganten, fast schon poetischen Stil, der die Kluft zwischen den zwei Kulturen von Naturwissenschaften und Literatur mühelos überbrückt.

Auch wenn das weiß-güldene Cover von "Das All und das Nichts" ein wenig in die Irre führt: Als Buchgeschenk unterm Christbaum ist es – nicht nur für naturwissenschaftlich Vorgebildete – allemal hervorragend geeignet. (Klaus Taschwer, 1.12.2017)

Stefan Klein, "Das All und das Nichts. Von der Schönheit des Universums", €20,60 / 240 Seiten. S. Fischer, Frankfurt am Main 2017

Foto: S. Fischer