Die Wahl in Kathmandu wird auf Hochtouren vorbereitet.

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Soldaten patrouillieren im Zentrum Kathmandus.

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In den vergangenen Wochen kam es bereits zu mehr als 100 Bombenanschlägen im Land.

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Seit 1990 läuft der Wandel von einer absoluten Hindu-Monarchie zur demokratischen Republik. Wie Wahlen funktionieren, wird in Kathmandu auf großen Plakaten erklärt.

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Kathmandu – Im Hyatt-Hotel ist der rote Teppich ausgerollt, denn es findet eine Modenschau mit Transgender-Models statt. Nepal war das erste Land, das ein drittes Geschlecht anerkannte. Bei der Parlamentswahl, deren zweiter Wahltag am Donnerstag stattfindet, muss man daher nicht als Mann oder Frau abstimmen, man kann das auch als "anya" (Sonstiges) tun.

Im Hyatt kostet die teuerste Suite 740 US-Dollar pro Nacht, etwa so viel, wie ein Nepalese im Jahr verdient. Die Schickeria Kathmandus posiert vor Sponsorenlogos und gibt dem lokalen Fernsehen Interviews – ein bisschen Hollywood am Himalaya. Die lokalen Stardesigner unterhalten sich mit Größen der weltweit angesehen Jazzszene von Kathmandu, mit NGO-Mitarbeitern und Diplomaten. Nach der Show beklatschen sie begeistert das Transgender-Topmodel.

Vor den hohen Steinmauern des Hyatt sieht die Welt anders aus. Überall in der Stadt türmen sich Müllberge, die nie kleiner werden. Im Monsun reißt der Dauerregen Straßen mit, die nur selten geflickt werden. Vor den Hyatt-Mauern hat sich eine Zeltstadt von Menschen gebildet, die im Erdbeben von 2015 ihre Häuser verloren haben. Seither sind schon zwei Jahre vergangen, aber sie leben immer noch dort.

Gescheiterte Entwicklung

In Nepal gab es aber schon vor dem Beben Probleme. Und das, obwohl das Land seit den 1950er-Jahren Entwicklungsgelder empfängt. Menschen aus dem Westen kamen gerne in das Land mit den Himalaya-Riesen im Norden und den Dschungeln im Süden. Doch der Fortschritt, den man sich erhoffte, stellte sich nur bedingt ein.

Nepal ist immer noch eines der ärmsten Länder der Welt. Seit Jahren befindet es sich im roten Bereich des Index der "fragilen Staaten", den der US-Thinktank Fund of Peace jährlich erstellt. Sie wurden früher "Failed States" genannt, gescheiterte Staaten also.

Königsmassaker und Guerillakrieg

Seit 30 Jahren jagt eine politische Katastrophe die andere. Durch eine potente Volksbewegung 1990 geriet die Hindu-Monarchie immer mehr unter Druck. Maoisten führten ab Mitte der 90er-Jahre einen blutigen Guerillakampf, der bis zu 20.000 Tote verursachte.

2001 dann das Königsmassaker: Der Kronprinz erschoss bei einem Abendessen im Palast seinen Vater, seine Mutter, einen seiner Brüder und seine Tanten, bevor er sich selbst tötete. Sein zweiter Bruder bestieg den Thron, musste aber 2008 dem Druck der Straße folgen und abdanken. Daraufhin wurde der ehemalige maoistische Guerillaführer Prachanda Premierminister der neuen Republik Nepal.

Die Überwindung der Monarchie entpuppte sich als Herausforderung. Kilometerlange Schlangen vor Tankstellen wurden zum Alltag, an manchen Tagen gab es nur drei Stunden lang Strom. Die grundlegende Versorgung brach zusammen.

Wer wollte, konnte zwar nun den Königspalast besuchen und die Einschusslöcher des Massakers mit eigenen Augen sehen, aber Verfassung gab es keine. Immer unwahrscheinlich wurde es, dass sich die Politiker jemals auf eine Verfassung einigen würden, so komplex wurde der Prozess.

Neue politische Herausforderungen

Ethnische Minderheiten drängten darauf, in der neuen Verfassung endlich gehört zu werden. Zu jener Zeit trat auch das dritte Geschlecht seinen Siegeszug an. In Abgrenzung zur konservativen Hindu-Monarchie bekannten sich Politiker lautstark zu progressiven Positionen.

Während die hinduistischen Strömungen an Einfluss verloren, wurde ein Player in Nepal immer wichtiger: China. Die Maoisten fühlen sich dem großen Nachbarn im Norden verbunden. Der traditionsreiche Gegner, der Nepali Congress, hält dagegen und folgt dem indischen Weg. Die beiden Kontrahenten verloren sich in einem nicht endenwollenden Hickhack.

Über all die Jahre nahmen die Menschen in Kathmandu die Folgen einer gescheiterten Politik geduldig hin. Natürlich sei alles schwierig, so der allgemeine Tenor, doch "ke garne?", "What to do?", war die achselzuckende Antwort.

Das Erdbeben

Alle wussten, dass das Erdbeben kommen würde, denn es kommt alle 70 Jahre. Kurse wurden angeboten, wie man sich im Fall der Fälle zu verhalten hat. Manche Ausländer vermieden es überhaupt, Nepal noch zu besuchen. Doch als es kam, am 25. April 2015, überstieg die Realität der bebenden Erde alles Vorstellbare. Die Erde bebte mit einer Stärke von 7,8, offiziell gab es 9.000 Tote, 20.000 Verletzte und 500.000 Obdachlose.

Es lagen noch Stadtteile in Schutt, als Indien seine Gastransporte nach Nepal stoppte, weil ihm die nepalesische Beziehung zu China zu eng geworden war. Die Menschen konnten nicht mehr kochen und heizen, und das mitten im Winter. Die nepalesischen Machthaber hatten keine Eile, die Blockade aufzulösen, denn sie waren die Hauptverdiener. Auf dem Schwarzmarkt erzielte der Kanister Gas ein Vielfaches der staatlich regulierten Preise. Offiziell gab es kein Gas, unter der Hand bekamen es die, die es sich leisten konnten. Eine weltweite Welle der Hilfsbereitschaft brachte wieder Millionen Euro ins Land, und doch kam vieles davon nicht an.

Bombenanschläge bei Parlamentswahl

Niemand wurde verschont, als die Erde bebte. Sogar das Hyatt bekam Risse ab. Vier Monate nach dem Beben einigten sich die Politiker endlich auf eine Verfassung. So findet jetzt, zwei Jahre später, die erste verfassungskonforme Parlamentswahl statt.

Das Land kämpft seit 30 Jahren um staatliche Stabilität, damit nicht nur jene, die es sich leisten können, in den Genuss progressiver Freiheiten kommen. Damit Strukturen geschaffen werden, auf die sich jeder verlassen kann: Müllabfuhr, öffentliche Verkehrsmittel, Straßen. Das Hyatt kann sich diese Strukturen privat leisten. Die Menschen vor den Toren des Hyatt können das nicht.

Vergangene Woche wählten die Distrikte in den Bergen. An diesem Donnerstag sind die Distrikte der Ebenen an der Reihe, darunter auch Kathmandu. Die Angst vor Gewaltausbrüchen ist gestiegen. Die National Human Rights Commission zählte bis zum Wochenende 107 Bombenanschläge im ganzen Land mit einem Toten und mindestens 25 Verletzten. Am Montag ging eine Bombe in Kathmandu hoch – unter den elf Verletzten war auch ein ehemaliger Umweltminister.

Nach der Wahl der Machtkampf

Im ersten Wahlgang vor zehn Tagen gab es eine Wahlbeteiligung von 65 Prozent – beachtlich dafür, dass in dem bergigen Land manche Wähler bis zu vier Stunden zu den Wahlkabinen gehen mussten. Ausgezählt werden die Stimmen aber erst, wenn am Donnerstag das ganze Land gewählt hat.

Es sieht alles danach aus, dass die China-freundlichen Parteien, also die Linke Allianz aus Kommunisten und Maoisten unter Führung von Prasad Sharma Oli, die proindischen Kräfte vom Nepali Congress unter der Führung von Premier Sher Bahadur Deuba ausstechen werden. Doch auch eine klare Mehrheit von links bürgt nicht für Stabilität: Denn dann droht erst recht ein Machtkampf zwischen Oli und Maoistenführer Prachanda. (Anna Sawerthal, 7.12.2017)