Wien – Wie alt ist eigentlich die Amerikanisierung von Weihnachten? Der Film White Christmas (1954) von Michael Curtiz – mit dem unsterblichen Schlager von Bing Crosby – mag als plausible Orientierungsmarke dienen. Ähnliche Bedeutung könnte man aber auch dem Jahr 1999 zuschreiben, als Lego zum ersten Mal einen Bausatz mit Motiven aus Star Wars auf den Markt brachte.

1999 begann mit Die dunkle Bedrohung die Erweiterung des erzählerischen Universums, das George Lucas 1977 auf den Weg gebracht hatte. Heute wundert man sich fast, wenn man nachliest, dass der Filmstart damals tatsächlich in den Mai fiel (und in Mitteleuropa einen Monat später startete) – so sehr ist das größte Kino-Franchise der Welt inzwischen an die Saison zwischen Halloween und Silvester gebunden.

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Neuer Stoff fürs popkulturelle Gedächtnis: Nach "Das Erwachen der Macht" kommt nun – als "Star-Wars"-Episode VIII – "Die letzten Jedi" in der Regie von Rian Johnson.
Foto: imago/Cinema Publishers Collection

Die Star Wars-Saga ließ sich von Beginn an in einer doppelten Weise beschreiben: einmal als Erzählung, die aus trivialen Versatzstücken eine erstaunlich anschlussfähige Kunstmythologie entwickelt. Die zuständigen Strategen bei Lucasfilm in San Francisco (und der Mutterfirma Disney in Hollywood) blicken wohl inzwischen Dekaden voraus und hecken wahrscheinlich schon die "reveals" zu Figuren aus, die noch nicht einmal der "wet dream" eines heutigen Jedi-Nerds sind. Und außerdem kann man Star Wars als großes, kommerzielles Lernexperiment einer integrierten Unterhaltungsindustrie sehen, die nur noch im Fußball einen vergleichbaren Zusammenhang hat.

Wenn der Designer Christian Louboutin für den kommende Woche startenden neuen Star Wars-Film Die letzten Jedi vier Schuhmodelle für vier weibliche Figuren (darunter die strategisch positionierte Kelly Marie Tran, die als Rose Tico das Publikum in Asien und mit asiatischem Migrationshintergrund weiter einbinden soll) entwirft, dann bekommt selbst der inzwischen recht arg abgedroschene Begriff "Synergie" neue Facetten.

Wagemutige Mode

Denn Star Wars ist fast alles, aber eines sicher nicht: hip. Und Louboutin ist zwar auch längst zu einer Zalando-Version von wagemutiger Mode geworden. Er kann in dieser Zusammenarbeit aber sein Profil noch einmal schärfen, dieses Mal für den größten denkbaren Markt, nämlich alle Welt. Der Schauspieler John Boyega bekam es neulich mit einer anderen Spielart dieser Synergien zu tun: "Huch, ich bin im Regal", stellte er bei einem Besuch eines Spielwarenladens fest, in dem er einen lebensgroßen Finn vorfand – das ist jene Figur, die er in Star Wars spielt. Der Laden war natürlich kein "mom and pop store", sondern eine Filiale der größten amerikanischen Kette.

Orchestrierte Rituale

Dass die Stars über ihr eigenes Merchandising-Potenzial staunen, gehört dann auch zu den Ritualen in der genau orchestrierten Informationskampagne, mit der ein weltweit abgestimmter Start wie Die letzten Jedi vorbereitet wird. Dass sich Daisy Ridley, die mit der Figur der Rey das zentrale Offenbarungsinteresse der neuen Ausgabe verkörpert (wer sind ihre Eltern?), sich aus Instagram abgemeldet hat, klang in der Begründung aber nach mehr als nur einem kalkulierten Akt der öffentlichen Selbstverknappung.

Sie wollte nicht weiter zu der "teenage anxiety" beitragen, die aus der ständigen Begegnung mit idealisierten Bildern aus dem äußerst populären Fotostream erwachsen kann.

Star-Wars-Trailer zu "Die letzten Jedi".
Star Wars Deutschland

Dass Star Wars als das massenwirksamste Kinoereignis auf der Gegenseite latent einen einsamen Jugendlichen mit intensiv bewirtschafteten Größenfantasien sein Eigen nennt, zeigt sich sehr schön in dem amerikanischen Film Wunder, der in Österreich im Jänner ins Kino kommt.

Figuren aus dem Star Wars-Universum sind hier völlig selbstverständlich in der kindlichen Welt präsent und dienen nicht zuletzt als therapeutische Instanz – aber diese Andeutung ist wohl eher den Autoren von Wunder zuzuschreiben, die einen ziemlich klugen Film gemacht haben.

In der Gesamtsituation ergibt das vor allem für junge Menschen (und in der Taschengeldschöpfung auch für deren Eltern) eine jahreszeitliche Sonderwirtschaftszone, die mit organisiertem Zuckerlraub in unterschiedlich Force-sensitiven Kostümen am Abend vor dem bald ausrangierten Katholikenfest Allerheiligen beginnt und für die Härteren mit einem Biwak vor dem Premierenkino ihrer Wahl ihren Höhepunkt erreicht.

Mythos für Weihnachten

Das Lego unter dem Christbaum ist dann schon ein Trostpreis. Eine hochindividualisierte Gesellschaft braucht zweifellos Rituale. Und bei Star Wars ist es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, wann die "greatest modern mythology" (Selbstbeschreibung) endlich ausdrücklich darauf hinausläuft, dass ein gewisser Prophet, dessen Name mit J begann und der in einer Stadt mit dem Anfangsbuchstaben J starb, auch ein Abgesandter der J-Macht war.

Das wäre dann nicht nur die vollkommene Amerikanisierung, sondern auch die "Universumalisierung" von Weihnachten. (Bert Rebhandl, 9.12.2017)