Seit Oktober drosseln die Tiroler die Zufahrt für Lkw ins heilige Land bei Bedarf mittels Blockabfertigung. Dafür staut es sich dann bei den Bayern, die sich bereits bei der EU-Kommission beschwert haben.

Foto: dpa / Josef Reisner

Wien – Noch vor Weihnachten wollten sich EU-Kommission, österreichische und bayerische Verkehrspolitiker zu einem "Gipfelgespräch" treffen, um die an verkehrsstarken Tagen wie am Samstag verhängte Lkw-Blockabfertigung auf der Inntalautobahn (A12) bei Kufstein-Nord zu diskutieren. So eilig dürften es die Bayern nun aber doch nicht haben. Der Gipfel werde erst Mitte Jänner stattfinden, hieß es am Sonntag im Verkehrsministerium in Wien unter Verweis auf die Terminkoordination unter bayerischer Führung.

Bis dahin müssen sich die Bayern mit der seitens Tirol verhängten Zwangsmaßnahme wohl abfinden. Die Blockabfertigung – pro Stunde dürfen dabei nur 250 bis 300 Lkws passieren, um Staus auf der A12 und im Großraum Innsbruck hintanzuhalten – führt regelmäßig zu Lkw-Staus in Bayern, vor allem auf der A93 von Rosenheim Richtung Kiefersfelden.

Auf nach Brüssel

Der geschäftsführende deutsche Verkehrsminister Christian Schmidt (CSU) wurde zu diesem Thema bereits in Brüssel vorstellig. Die Maßnahme verstoße klar gegen den EU-Grundsatz des freien Warenverkehrs und gefährde auch die Verkehrssicherheit. Ähnlich argumentiert freilich auch Tirol: Durch kilometerlange Staus, die zeitweise von Kufstein bis Innsbruck reichten, sei die Sicherheit nicht mehr gegeben.

Die Zeit bis zum Gipfeltreffen, zu dem Vertreter der deutschen Regierung ebenso eingeladen sind wie der vermutlich neuen ÖVP/FPÖ-Regierung in Wien sowie aus Südtirol und Rom, könnten die Proponenten nutzen, um die Verkehrssituation am Brennerkorridor zu studieren. Zahlenmaterial gibt es, wenngleich auf österreichischer Seite nicht in der gleichen Aktualität und Qualität wie sie die Schweiz, das große Vorbild in Sachen Transit und Frachtverlagerung auf die Bahn, Jahr für Jahr vorlegt.

Leichter Anstieg

Eine Kernaussage ist dennoch ableitbar: Der alpenquerende Güterverkehr auf der Schiene nimmt nicht ansatzweise in dem Ausmaß zu, mit dem Planung und Bau von Brenner Basistunnel (BBT) und Semmering Basistunnel (SBT) legitimiert wurde. Das Straßengütertransportvolumen im großen Alpenbogen von Fréjus (in Frankreich) bis zum Brennerpass zwischen Österreich und Italien steigt zwar wieder stetig, es explodiert aber keineswegs. Der Höchstwert von 72,3 Millionen Nettotonnen im Jahr 2007 wurde noch nicht wieder erreicht, mit 65,7 Mio. Tonnen war man 2016 aber nicht mehr sehr weit davon entfernt.

Nicht alles davon ist freilich Transit, also Lkw-Fernverkehr vom Ausland – ohne Be- oder Entladung in Österreich – ins Ausland. Den Transitanteil im alpenquerenden Straßengüterverkehr weist das eidgenössische Bundesamt für Verkehr für 2014 mit 36,1 Millionen Nettotonnen aus, das sind knapp 58 Prozent der gesamten über Alpenpässe beförderten Fracht.

Brenner mit Anziehungskraft

Davon zieht der Brenner einen großen Teil an: 27 Millionen Tonnen, also drei Viertel der Straßentransitfracht, werden über den Pass zwischen Nord- und Südtirol gekarrt. Da der Transitanteil des Brenners stets rund 90 Prozent der Gesamttonnage auf dieser Strecke ausmacht und letztere mit 33,5 Mio. Tonnen fast das Niveau von 2008 erreicht hat, darf der Transitanteil aktuell mit gut 30 Mio. Tonnen angenommen werden. Mehr Fracht auf der Brennerstraße wurde nur 2007 befördert; damals waren es 35 Millionen Tonnen.

Eine deutlich höhere Straßenmaut bremst das Lkw-Güteraufkommen übrigens nicht ein wie erhofft und den BBT-Berechnungen zugrunde gelegt. In der Schweiz, wo die Maut zwei- bis dreimal so hoch ist wie in Österreich, war das Straßentransportvolumen 2016 mit 11,7 Mio. Tonnen fast gleich hoch wie 2005, wenngleich die Steigerung seit 2000 insgesamt 34 Prozent beträgt; jenes im Transit blieb mit 6,5 Mio. Tonnen hingegen gleich. Da Bern gleichzeitig die zulässige Tonnage pro Lkw von 28 auf 40 Tonnen erhöhte, sank dort seit 2000 allerdings die Zahl der Lkws um 30 Prozent.

In Österreich wiederum stieg die Zahl der ausländischen Lkw, was allerdings nur bedingt auf den Transitanstieg zurückzuführen ist, weil Österreichs Frächter im großen Stil Lkw "ausgeflaggt" haben, also aus Kostengründen mit ausländischen Kennzeichen fahren.

Bahn profitiert kaum

Kaum profitiert hat in beiden "Bahnländern" der Schienengüterverkehr: In der Schweiz changierte das Schienengüteraufkommen von 2005 bis 2016 zwischen 23,6 und 26,9 Mio. Nettotonnen und nahm im ersten Halbjahr 2017 sogar um 1,5 Prozent ab. Die Fracht auf Zügen über den Brenner stieg in den elf Jahren zwar von 10,0 auf 13,4 Mio. Tonnen, liegt aber noch deutlich hinter dem Höchstwert von 14,4 des Jahres 2010. (Luise Ungerboeck, 11.12.2017)