Wirkt auch 2017 immer noch fortschrittlich und hellsichtig: Literaturnobelpreisträger Böll, hier auf einem Archivfoto aus dem Jahr 1977.

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Vor zehn Jahren musste man nach Heinrich Böll noch suchen – "Wo ist Böll?", fragte damals das Zeit-Magazin. Wiedergefunden hat man ihn jetzt wohl dank einer gewissen Vermarktungslogik: Der einst erfolgreichste deutsche Schriftsteller würde dieser Tage seinen 100. Geburtstag feiern, und für Programmmacher in Rundfunkanstalten und Verlagen ist das ein willkommener Anlass, um Dokumentationen und Hörspiele auszustrahlen oder Biografien herauszubringen.

Passenderweise konnte die Zeit unlängst auch noch erstmalig einen Brief veröffentlichen, den Böll einst an den RAF-Mitbegründer Horst Mahler geschrieben hatte. Man befand sich damals mitten im Deutschen Herbst, und Böll hatte in einem Beitrag für den Spiegel ("Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?") die von ihm höflich bezeichnete (und durchaus kritisch gesehene) "Baader-Meinhof-Gruppe" gegen eine Vorverurteilung durch die Bild-Zeitung verteidigt. Das ging Mahler so gegen den Strich, dass er sich der Süddeutschen Zeitung bediente, um zum Gegenschlag auszuholen: "Ist Ihnen verborgen geblieben, daß alle Appelle an die RAF aufzugeben nur dem eigennützigen Interesse ihrer Autoren dienen, die für sie lebensnotwendige Lüge von der Vergeblichkeit eines wirkenden Widerstandes wiederherzustellen?"

Wohltuender Duktus

Man ist damit schon mitten in Ralf Schnells Heinrich Böll und die Deutschen, das, ebenfalls zum 100. Geburtstag des Autors, in dessen Hausverlag Kiepenheuer und Witsch erschien (nachdem dort bereits im Oktober Bölls Kriegstagebücher veröffentlicht worden waren). Schnell, emeritierter Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte und Medienwissenschaft, hat keine klassische Biografie geschrieben (derer es bereits mehrere gibt), er beleuchtet vielmehr Bölls Verhältnis zu dem Land, in dem er geboren worden, für das er in den Krieg gegangen war und mit dem er sich zeit seines Lebens auseinandergesetzt hatte.

Schnell geht dabei weniger chronologisch als thematisch vor – einzelne Kapitel behandeln etwa Bölls Verhältnis zur katholischen Kirche, zu seiner Heimatstadt Köln und zum Judentum oder seine kritische Sicht auf Konrad Adenauer und die deutsche Restauration. Wie Böll zur DDR stand, wird ebenso thematisiert wie seine Beziehung zur Literaturkritik oder eben sein Plädoyer für einen fairen, rechtsstaatlichen Umgang mit der RAF (das zu einer bundesdeutschen Hetzjagd auf den Schriftsteller führte, gegen die sich heutige Shitstorms harmlos ausnehmen). Natürlich werden auch Bölls Erfahrungen im Krieg (über den er in einem Interview einmal den wunderbaren, unprätentiös klugen Satz "Durch den Krieg wurde ich zum Verächter der Männlichkeit" äußerte), seine lebenslange glückliche Ehe und die finanziellen Nöte des jungen Schriftstellers angesprochen. Er habe sich, erfährt man, auch um "häusliche Verpflichtungen und familiäre Beanspruchungen, darunter die Versorgung der Kinder, durchaus nicht gedrückt" – Ralf Schnell ist bewusst, wie viel auch vermeintlich private Details über einen Menschen und seine Haltung zum Leben aussagen.

Sicherlich nicht barrierefrei

Schnell schreibt durchaus anspruchsvoll, die abstrakte, genaue Sprache lässt den Akademiker erkennen. Barrierefrei ist das Buch sicherlich nicht. Und doch hat das altmodische, bisweilen etwas umständliche Deutsch Charme. Es wirkt wie eine höfliche Geste gegenüber dem (offensichtlich hochgeschätzten) Böll. In Anbetracht von Flapsigkeiten und sprachlichen Zudringlichkeiten, die man sonst bisweilen zu lesen bekommt, ist Schnells Duktus auf jeden Fall eine Wohltat, die man gerne mit konzentriertem Lesen bezahlt. Und es lohnt!

Mit einer enormen Sach- und Detailkenntnis zeichnet Schnell das Bild nicht nur eines der wichtigsten und nach wie vor bekanntesten Autoren deutscher Sprache, er zeigt auch, was für eine herausragende intellektuelle Stimme Böll in der damals noch jungen BRD war: engagiert, klug und zuallererst immer menschlich, dabei niemals ideologisch, dogmatisch oder parteiisch. Das eigene Gewissen, der eigene Kompass für Gut und Böse war für ihn die oberste Instanz, und das hat, zumindest aus heutiger Sicht, nichts Altmodisches an sich – im Gegenteil wirkt Böll im Inventar der Wirtschaftswunderzeit ungemein fortschrittlich und hellsichtig. Dass er denjenigen, die nach dem Krieg möglichst reibungslos und schnell zu Marktwirtschaft und geschichtsvergessenem, gedankenlosem Konsum übergehen wollten, ein nörgelnder Störer war, kann man sich dagegen vorstellen.

Er selbst hat seine Rolle als "Gewissen der Nation" in den 1970er-Jahren einmal so kommentiert: "Der Verfall der öffentlichen Meinung (...) und der Verfall der öffentlichen Kontrollen ist die Ursache dafür, daß Intellektuelle und Schriftsteller und ähnliche Figuren eine Bedeutung bekommen haben, der ihre reale Macht nie entsprochen hat und nie entsprechen wird." Ob es um die "öffentliche Meinung" heute besser bestellt ist, sei dahingestellt. Aber die große Wucht, mit der Heinrich Böll im Jahr 2017 wieder auftaucht, hat vielleicht auch jenen Grund: Es mangelt an solchen eben nur scheinbar bedeutungslosen Figuren. (Andrea Heinz, 20.12.2017)