Vom Nachbarn Ungarn wissen wir, dass man sich dort billig die Zähne richten lassen kann und, wenn man politisch interessiert ist, dass Premier Viktor Orbán das Land in eine autoritäre Richtung steuert. Um zu erfahren, wie es sich im Alltags-Ungarn von heute lebt und welche Atmosphäre über dem Land liegt, dazu müssen wir nur die Prosa von Krisztina Tóth lesen. Die Autorin, Jahrgang 1967, war eine bekannte Lyrikerin, ehe sie mit dem verstörenden Strichcode Aufsehen erregte.

Das vorliegende Buch Die brennende Braut ist eine Zustandsbeschreibung, ein lapidarer Bericht über das Leben der kleinen Leute, schmucklos erzählt und doch seltsam eindringlich. Die Episoden könnten theoretisch auch anderswo spielen, aber irgendwie schimmert eine Traurigkeit durch, die man für spezifisch ungarisch halten möchte und die es wohl auch ist. Ganz selten wird der Text offen politisch, etwa mit einer Episode eines Rassisten im Zug. Aber man spürt, dass dieses Land, das 500.000 junge Menschen verlassen haben, nicht sehr glücklich ist. (Hans Rauscher, 20.12.2017)