Europäischer Theaterpreis geht an Isabelle Huppert

Isabelle Huppert und Jeremy Irons erhielten bei der Vergabe am Sonntag die Hauptpreise. Das Sprechtheater war diesmal eher im Hintertreffen

Michael Wurmitzer aus Rom

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Yael Ronen thematisiert in "Roma Armee" Ungerechtigkeiten und Verbrechen gegenüber der Volksgruppe.

Foto: Franco Bonfiglio

Kunst der vergänglichen Art war vergangene Woche in der Ewigen Stadt zu Gast. Der von der EU-Kommission initiierte Europäische Theaterpreis kehrte zur 16. Ausgabe heim an den Ort seiner Erfindung. Am Sonntag wurde der Premio Europa in Rom verliehen, die Tage davor galten der Vorstellung der Preisträger. Glanz in die Hütte brachten zum Abschluss Isabelle Huppert und Jeremy Irons. Erst zum zweiten Mal ging der Hauptpreis (60.000 Euro) nicht an Regisseure, sondern an Darsteller. Bisherige Gewinner sind für die Kunstform so prägende Figuren wie Peter Brook, Pina Bausch oder Krystian Lupa.

Aufmerksamkeitstechnisch sind die beiden hauptberuflichen Filmschauspieler eine feine Sache, und die Sitzreihen im Palazzo Venezia waren rappelvoll mit akkreditiertem Publikum. Das Sprechtheater kennt ja unter den Darstellern wenige internationale Stars. Es trennt nicht nur die Sprache die Lande, auch wenn andere Grenzen abgebaut werden. Wiewohl nicht alle.

Isabelle Huppert ...
Foto: Franco Bonfiglio

"Serebrennikow ist ein Symbol dafür, was in Russland falsch läuft"

Nicht zur Entgegennahme seines Preises anreisen durfte Kirill Serebrennikow. Der regierungskritische russische Regisseur steht seit August unter Hausarrest, Kuratorin Marina Davydova vertrat ihn. Serebrennikow sitze in seinem kleinen Apartment ohne Internetzugang und Telefon, sagte sie. Er sei mehr als ein Regisseur, er sei ein Symbol, an ihm könne man sehen, was in Russland falsch laufe. Mittlerweile in Ungnade gefallen, stand der Regisseur einst durchaus in Putins Gnade. Ohne Regiestudium vertraten seine unkonventionellen Inszenierungen eine Offenheit, an der es der russischen Tradition des psychologischen Theaters mitunter mangelt.

Er war Teil eines unter den heurigen Preisträgern stark vertretenen Osteuropa – zusammen mit dem estnischen Theater NO99 und dem slowenischen Regisseur Jernej Lorenci. Alle drei wurden mit dem Preis "Theater-Wirklichkeiten" ausgezeichnet. Gemein haben sie, dass ihnen klassisches Sprechtheater zu langweilig ist.

... und Jeremy Irons freuten sich, dass der Hauptpreis bereits zum zweiten Mal nicht an Regisseure, sondern Darsteller ging.
Franco Bonfiglio

Beobachtung kleiner Gesten

Für sie haben klassische Stücke und Inszenierungsideen ausgedient. Lorenci sieht sich beim Regieführen weniger als Autorität denn als Anstoß, Ene-Liis Semper vom Theater NO99 kam aus der Performance- und Videokunst und gründete in Tallin 2004 ihre Company. Ihre Stücke setzen u. a. auf genaue Beobachtung von Gesten. Das Theater war im bis 1991 zur Sowjetunion gehörigen Estland zwar auch zensiert. Aber Bewegung und Laute auf den sehr populären Bühnen ließen dennoch mehr Wahrheit kundtun als das gedruckte Wort. Als die Sowjetmacht wegfiel, verloren die Theatermacher ihren Feind, glitten mitunter in Comedy ab. Semper wurde Teil einer neuen kritischen, dabei poetischen Kultur.

Auch Dimitris Papaioannou – Psychologie interessiere ihn nicht, er arbeite praktisch, erklärte der Grieche – sowie Alessandro Sciarroni gewannen in dieser Kategorie. "I am an artist, I don't like to study", verwies Letzterer darauf, dass seinen Arbeiten keine Theorien zugrunde lägen. Auch Text mag der Italiener nicht. In Untitled von 2013 lässt er einfach vier junge Männer jonglieren. Binnen 50 Minuten steigern sich die Versuche mit den Keulen. Vordergründig wirkt der Zauber des Handwerks. Doch entspinnt sich daraus erst Uniformität, dann Konkurrenz, dann Überforderung, letztlich geläuterte Gemeinschaft. Eindrucksvoll.

So betrachtet funktioniert die Blutauffrischung aus der Performance. Aber ist es nicht eher eine Blutauswechslung? Das Sprechtheater sah mit fahrig uneinheitlicher Ästhetik bei Giorgio Barberio Corsetti und Statik bei Peter Stein diesmal schrecklich alt aus.

Alessandro Sciarroni lässt im Stück "Untitled" vier junge Männer jonglieren.
Franco Bonfiglio

Debatte und Reflexion

Bob Wilson war mit einer Wiederauflage seiner Hamletmaschine von 1986 dabei. Alle drei ehemaligen Premio-Europa-Preisträger waren in der Schiene "Returns" zugegen. Yael Ronen und Susanne Kennedy hielten als weitere "Theater-Wirklichkeiten"-Gewinner das Sprechtheater noch einigermaßen hoch. Auch wenn die humorvoll Klischees, Tabus und Aufklärung verquirlende Ronen mit ihrer Company (Gorki-Theater) kollektive Stückerarbeitungen vollführt und Kennedy die Stimmen verzerrt als Playback über hyperaktive Bühnen schallen lässt. Dass ihr Bestreben nach einem heutigen Theater trashig wirken kann, räumt sie ein.

Mit dem Spezialpreis für den nigerianischen Literaturnobelpreisträger von 1986 Wole Soyinka und einer Erwähnung für den tunesischen Theatermacher Fadhel Jaïbi setzte man einen kleinen Schwerpunkt auf Theater aus Afrika und dem arabischen Raum. Beide haben in den 1970ern mit ihren Truppen zur Schaffung eines kritischen Theaters in ihren Ländern beigetragen. Jaïbi schöpft dabei aus der arabischen Tradition des Geschichtenerzählens und den sozialen, politischen, kulturellen Alltagsproblemen seiner Zeitgenossen. Zensur sieht er als ein Zeichen für die Wirksamkeit des Kampfs, den er führt: "Ich denke, Theater wird uns retten."

Das passte wiederum zum Vortrag des Theaterwissenschafters Georges Banu, der auf die Verbindung des europäischen Theaters mit der Demokratie verwies: Selbstreflexion und Debatte. (Michael Wurmitzer aus Rom, 17.12.2017)

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