Ein Jahr nach dem Attentat auf dem Breitscheidplatz wird der Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche durch Betonbarrieren geschützt.

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Gedenken an die Opfer.

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"Da ist er rein, dann zickzack und dann ... na ja ...", Bettinas Satz bleibt unvollendet, ihr Arm, der eben noch Schlingerbewegungen vollführte, sinkt herunter. Die Mittvierzigerin wollte eigentlich mit ihren Gästen aus Russland über den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz bummeln, Glühwein trinken und Waffeln essen.

Doch dann wollte der Besuch "die Stelle" sehen: Jene Stelle also, an der der tunesische Asylwerber Anis Amri mit einem zuvor gekaperten Lkw auf den Platz raste, Menschen und Holzbuden umfuhr. Es war der schwerste islamistische Anschlag in Deutschland, zwölf Menschen starben, mehr als 70 wurden verletzt. Amri wurde einige Tage später auf der Flucht in Italien erschossen.

Weihnachtsmarkt verändert

Das Attentat hat den Weihnachtsmarkt verändert. Schon von weitem sind die massiven Betonbarrieren zu sehen. Manche hat man dezent hinter Tannenreisig gepackt, viele stehen aber auch frei. "Da hätten sie wirklich ein paar Lichterketten drüberhängen können", sagt Mathilda aus Dortmund, die mit ihrem Freund zum Adventsbesuch in Berlin ist.

Die beiden stehen genau an der Stelle, an der Amri in den Markt fuhr, und trinken ihren Glühwein. "Ich weiß, das ist die Stelle", sagt der junge Mann, "aber man denkt nur kurz dran. Es ist ein bisschen wie Krebs. Da glaubt man ja auch, das trifft nur die anderen."

Vielen anderen jedoch ist der Anschlag auch ein Jahr nachher noch jeden Tag präsent: den Opfern und den Hinterbliebenen. Am Montag endlich, 364 Tage nach dem Attentat, sind sie von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bundeskanzleramt empfangen worden. Zu spät, viel zu spät, kritisieren sie.

"Frau Bundeskanzlerin, der Anschlag auf dem Breitscheidplatz ist auch eine tragische Folge der politischen Untätigkeit Ihrer Bundesregierung", haben die Familien der zwölf Todesopfer an Merkel geschrieben. Und: "In Bezug auf den Umgang mit uns Hinterbliebenen müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass Sie uns auch fast ein Jahr nach dem Anschlag weder persönlich noch schriftlich kondoliert haben."

Schweigen der Kanzlerin

Auch der ehemalige SPD-Chef Kurt Beck, der sich als Opferbeauftragter um die Hinterbliebenen kümmert, kritisiert Merkel. In Frankreich seien nach den Anschlägen Staatsakte abgehalten worden, es gab auch bald Treffen mit den Opfern. "Man hat so ein Zeichen auch von der Kanzlerin erwartet", so Beck.

"Ich weiß, dass einige sich ein solches Treffen früher gewünscht hätten", sagte Merkel am Montag. Und: "Mir ist wichtig, dass ich heute noch einmal deutlich mache, wie sehr wir mit den Angehörigen und mit den Verletzten fühlen, wie sehr wir auch Dinge verbessern wollen."

Am heutigen Jahrestag bleiben die Buden auf dem Weihnachtsmarkt geschlossen, stattdessen findet das offizielle Gedenken statt, zu dem sich Merkel, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der gesamte Berliner Senat angesagt haben. Eingeweiht wird ein Mahnmal vor der Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz. Auf zwölf Betonstufen stehen die Namen der Todesopfer, Teil des Mahnmals ist auch ein 17 Meter langer Riss, der sich vom Podest der Kirche über die Stufen zieht.

Friedliches Miteinander

"Zur Erinnerung an die Opfer des Terroranschlags am 19. Dezember 2016. Für ein friedliches Miteinander aller Menschen", steht es auf der Gedenktafel. Die Berliner CDU kritisiert, dass es keinen Hinweis darauf gibt, dass die Menschen einem islamistischen Terrorakt zum Opfer fielen.

Das Attentat wird die Deutschen noch lange beschäftigen. In Nordrhein-Westfalen, wo Amri ursprünglich untergebracht war, und im Land Berlin versuchen zwei parlamentarische Untersuchungsausschüsse zu klären, wie der als islamistischer Gefährder eingestufte Amri den Behörden durch die Lappen gehen konnte und ob er nicht doch abgeschoben hätte werden können.

Untersuchungsausschuss

Möglicherweise wird auch noch ein U-Ausschuss im Bundestag eingesetzt. Wie erst jetzt bekannt wurde, haben die Sicherheitsbehörden Amri viel intensiver überwacht, als es zunächst den Anschein hatte. Und Amri hatte für sein Attentat auch den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Alexanderplatz sowie den Platz vor dem Berliner Dom im Visier. (Birgit Baumann aus Berlin, 19.12.2017)