Ein Jahr nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags erinnern am 24. November Fotos von Vermissten und Opfern an den bewaffneten Kampf in Kolumbien.

Foto: REUTERS/Jaime Saldarriaga

Anfang der 1990er war ich ein Kind im Osten Österreichs. Meine Großmutter, eine hervorragende Köchin, ermahnte mich regelmäßig, Essen nicht übrigzulassen, weil es sonst den "Kindern in Afrika" noch schlechter gehen würde. Ich gehorchte und nahm bald eher rundliche Formen an. Dadurch sah ich "gesund" aus – wie meine Oma meinte. Mit den Jahren erkannte ich zwei Dinge, das Erste relativ bald, das Zweite etwas später. Erstens: Es war unlogisch, dass afrikanische Kinder mehr zu essen bekommen würden, wenn ich doch nichts überließ. Zweitens: Die Kameras dieser Welt erfassen lediglich ein subjektives Abbild der Realität. Leid kümmert sich weder um Rampenlicht noch um globale Rankings.

Im April 2017 zog ich von New York nach Bogota, Kolumbien. Neben privaten Veränderungen war einer der Gründe, dass ich es nicht mehr aushalten konnte, in einer der wohlhabendsten und teuersten Städte der Welt zu leben und gleichzeitig in den ärmsten Gegenden der Welt am Aufbau sozialer Sicherheitsnetze und Katastrophenprävention zu arbeiten. Für viele ist es schwer zu glauben, dass große Teile Kolumbiens sich 2017 weder so anfühlen noch so aussehen wie in den 1980er-Jahren – ein Bild eines unter Kriminalität, Armut und dem Drogenkrieg mit Pablo Escobar leidenden Landes, das unter anderem in der TV-Serie "Narcos" verbreitet wird.

In den vergangenen Monaten habe ich gelernt, die Frage nach Gefahren mit einem Vergleich zu beantworten. Im Prinzip ist das gar nicht so schwierig. Aus mitteleuropäischer Perspektive ist der Rest der Welt gefährlich(er) und schmutzig(er), hat ein miserables Gesundheitssystem und so weiter. Aus der Sicht der kolumbianischen Stadtbevölkerung ist das Land besser entwickelt und sicherer als jemals zuvor, teilweise dank des Friedensabkommens von 2016. Jedoch lebt ein Viertel der Bevölkerung außerhalb der Städte, 1950 waren es noch über 50 Prozent. Die Flucht in die Städte geschieht nicht ohne Grund.

Ein Friedensnobelpreis für den Krieg

Bei einer Bevölkerung von etwa 49 Millionen liegt die Zahl der Vertriebenen im eigenen Land bei mehr als 7,2 Millionen, weit höher als in jedem anderen Land (inklusive Syrien). Über drei Millionen Menschen sind unterernährt. Die Anzahl strategischer Ermordungen von Aktivisten und "Community Leaders" ist höher als vor Abschluss des Friedensvertrages. Die Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen (UNHCR) schlug erst vor kurzem Alarm, vor allem an der westlichen Küste des Landes. 78 Ermordungen wurden allein 2017 bestätigt. 13 weitere werden vermutet.

Internationale – auch europäische – Bergbaukonzerne betreiben aggressives Land-Grabbing, zerfressen das Land mit Chemikalien und exportieren die Ressourcen, meistens Kohle. Nach dem Rückzug der Farc-Rebellen stieg die illegale Abholzung drastisch. Entgegen allen Versprechen füllte die Regierung das erwartete Machtkontinuum nicht. Dadurch steigt auch das Risiko von Hangrutschungen. Erst wenige Monate ist es her, dass eine Schlammlawine im Süden des Landes den Ort Mocoa und über 300 Menschen unter sich begrub. Extreme Korruption regiert das Land mehr als die Politiker, die die einflussreichsten, aber auch populistischsten Fernsehkanäle besitzen und die Existenz von Paramilitärs, größtenteils verantwortlich für die strategischen Ermordungen, leugnen.

Und auch die Situation in Venezuela wird zunehmend kritischer. Schon jetzt passieren täglich etwa 25.000 Menschen die Grenze bei Cúcuta im Osten des Landes. Viele kommen, um in Kolumbien Nahrungsmittel und Medikamente zu kaufen. Immer mehr, um zu bleiben. Die Entwicklung der Katastrophenpläne begann bereits im Sommer 2016. Ihre Umsetzung wird sehr wahrscheinlich keine Priorität der nächsten Regierung, vor allem nicht, wenn der ehemalige rechtsgerichtete Präsident Álvaro Uribe gewinnen sollte. In Anbetracht dieser Hintergründe wirkt die Auszeichnung des aktuellen Präsidenten Juan Manuel Santos mit dem Friedensnobelpreis wie eine schlechter Scherz.

Der Pass als Schutzschild

Grundsätzlich gibt es zwei Strategien, um mit komplexen, humanitären Missständen umzugehen. Die erste Variante basiert auf (inter)nationalen Strategien. Während kein Zweifel an deren grundsätzlicher Wichtigkeit besteht, bedeuten diese Strategien oft hohe administrative Ausgaben, wenig Flexibilität und Besprechungen mit dem Ziel weiterer Besprechungen. Die zweite Variante sind Lösungen auf Gemeinschaftsebene, oft durch kleine, spezialisierte NGOs. Eine dieser NGOs ist das Fellowship of Reconciliation – FOR Peace Presence (FOR). Dieser Versöhnungsbund, für den ich ehrenamtlich tätig bin, erzeugt den Nährboden für die Davids Kolumbiens, die sich den Goliaths des Landes entgegenstellen – oft einfach nur Menschen, die sich nicht vertreiben lassen möchten und dadurch das Leben ihrer Familien riskieren. Manchmal auch Anwälte, die deren Stimmen vor Gericht vertreten.

Es hat sich gezeigt, dass eine der effizientesten Waffen gegen die Gewaltspirale Kolumbiens die gezielte Friedensbegleitung ist. Internationale Friedensbegleiter, größtenteils ehrenamtliche Freiwillige, tragen zwei natürliche Schutzschilder im Kampf gegen strategische Tötungen – eine Weste mit dem FOR-Logo und ihren Pass. Würde einem internationalen Begleiter etwas zustoßen, sei es auch nur eine Drohung, wären sofort die jeweiligen Botschaften im Spiel. Das möchte weder die kolumbianische Regierung noch das Militär noch diverse paramilitärische Splittergruppen. Man kann dieses Prinzip kritisieren und das "White Privilege" infrage stellen. Bis jetzt gab es jedoch keine effizientere Lösung auf lokaler Ebene.

Hier herrscht kein Frieden

Nachdem das Referendum des Friedensvertrages aufgrund absurder Gründe, zum Beispiel gezielte Angstkampagnen der evangelikalen Kirchen, gescheitert war, versuchte Präsident Santos erfolgreich den Umweg über interne Mechanismen. Der Rest ist Geschichte, die sich, wie Mark Twain meinte, zwar nicht wiederholt, aber reimt.

Das Resultat des Friedensvertrages war, dass der Rest der Welt annahm, ein über 50 Jahre anhaltender Konflikt hätte endlich ein Ende. Wieso sollte man also weiter Gelder in die Verhinderung kriegerischer Auseinandersetzungen pumpen, wenn doch Frieden herrscht? Diese falsche Annahme von Frieden in Kolumbien hatte auch für FOR drastische Konsequenzen. Praktisch alle Förderungen und Spenden sanken beinahe auf null. Die Ressourcen, um das Koordinationsteam am Leben zu halten, reichen bis Ende Dezember. Das Ende von FOR würde sehr wahrscheinlich mehr Instabilität, mehr Vertuschung und mehr Leid bedeuten.

Menschenrechte haben keinen geografischen Fokus

Weihnachten steht vor der Tür. Der Konsumwahnsinn direkt daneben. Die Nachrichten werden von humanitären Notfällen in Syrien, Myanmar und Jemen dominiert. Vielen werden sich überlegen, die Investition in technisches Spielzeug oder das gehasste paar Socken zumindest teilweise durch eine Spende zu ersetzen. Meine Großmutter hätte dazu gemeint, dass die Kinder in Afrika doch noch immer Hunger leiden. Ich müsste zustimmen, würde aber auch emotional argumentieren, dass Menschen Hilfe und Schutz nicht benötigen, weil sie auf Postern als hilfsbedürftig oder arm abgebildet werden, sondern weil es eben ein Menschenrecht ist. Und Menschenrechte haben keinen geografischen Fokus. Deshalb ist das Leid in Afrika oder im Nahen Osten trotz breiterer Berichterstattung doch nicht größer als in Kolum... "Ist schon gut", hätte meine Großmutter mich unterbrochen, mir fünf Euro als Spende zugesteckt und mich daran erinnert, meinen Teller aufzuessen. (Markus Enenkel, 20.12.2017)