Wird mein Kind im Kindergarten ausreichend wahrgenommen?

Aufmerksamkeit und wertschätzende Anteilnahme stärken Kinder durch Umbruchphasen

Jesper Juul

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Was tun, wenn sich das Gefühl einstellt, dass das Kind im Kindergarten nicht gesehen wird?

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Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

Foto: family lab

Diese Serie entsteht in Kooperation mit Familylab Österreich.

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Frage

Ich bin eine alleinerziehende Mutter eines vierjährigen Sohnes. Wir sind vor mehr als einem Jahr aufs Land gezogen, und mein Sohn musste deshalb den Kindergarten wechseln. Der erste Kindergarten war sehr einfühlsam, und ich hatte das Gefühl, dass mein Kind dort gesehen und wahrgenommen wurde. Er konnte sich gut entwickeln.

Mittlerweile stellt sich das Gefühl ein, dass der jetzige Kindergarten ihm nicht guttut und dort eine völlig andere Philosophie herrscht. In Gesprächen mit den Kindergärtnerinnen wird mir vermittelt, dass er kaum mit anderen Kindern spielt und sich eher zurückgezogen verhält – dass schon einiges versucht wurde, um das zu ändern, aber anscheinend nicht wirklich geholfen hat, um ihn besser in die Gruppe zu integrieren.

Explosionen und Wutanfälle

Zu Hause gibt es vermehrt Wutanfälle, etwa beim gemeinsam Spielen oder wenn wir kleine Wettkämpfe, wie um die Wette laufen, veranstalten. Er explodiert förmlich, wenn er bei Brettspielen verliert, und aus dem nichts kommen Kommentare wie: "Ich bin schlauer als Deine Lehrer in der Schule" oder er philosophiert über das Leben.

In unserer neuen Umgebung wohnen viele gleichaltrige Kinder, und hier scheint mir das gemeinsame Spiel überhaupt kein Thema zu sein. Unsere sozialen Kontakte sind sehr gut. Der "Dorf"-Spielplatz ist um die Ecke, und ich höre die Kinder immer lachend miteinander spielen.

Es mag sich jetzt alles etwas voreilig anhören, aber ich mache mir trotzdem Gedanken, ob ich etwas tun kann oder es Sinn macht, mit dem Personal des neuen Kindergartens zu sprechen. Was ich verhindern möchte, ist, dass sich hier ein kleiner Teufelskreis entwickelt, der sich als vermeidbar herausstellt. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich vorsichtig sein soll, aber nicht überbehütend. Ich weiß, dass ich meinen Sohn nicht vor allem schützen kann und auch soll, aber ich möchte auch nicht allzu viel Verantwortung auf seine noch so kleinen Schultern aufladen.

Antwort

Zu allererst fällt mir dazu ein, dass Ihr Sohn mit seiner hohen Lebenskompetenzen in kurzer Zeit sehr viel an Veränderung erfahren hat und sie nun die Auswirkungen davon spüren. An Ihrer Stelle würde ich die Gelegenheit nutzen, mit ihrem Sohn zu feiern. Machen Sie ihm sein Lieblingsessen oder laden Sie ihn zu einem netten gemeinsamen Essen in der Stadt ein. Sagen Sie ihm, dass Ihnen bewusst ist, was die letzten Jahre alles passiert ist und wie toll er das gemeistert hat. Das kann ruhig sehr feierlich ausfallen! Denn diese Ihre Anerkennung ist von größerem Vorteil als Ihre Bedenken.

Es bedeutet nicht, dass ich Ihre Überlegungen nicht verstehe, allerdings gibt es nicht viel, was sie tun können. Kindergärten sind sehr unterschiedlich in ihrer allgemeinen oder auch täglichen Struktur, und es macht durchaus Sinn, dass Sie beim derzeitigen Kindergarten das Gefühl haben, dass dieser mit weniger Herz an die Arbeit herangeht als der vorherige. Dies hängt in erster Linie von der Leitung ab, und jeder muss damit so gut wie möglich zurechtkommen. Sie können erwachsene Menschen nicht dazu anleiten, herzlich zu sein. Und ich verstehe Sie, dass es als Alleinerzieherin noch schwieriger ist, dieses Thema der Leitung gegenüber anzusprechen. Zu schnell entstehen dabei voreilige Schlüsse von "beleidigt" über "romantisch verklärt" bis zu "überbeschützend" und so weiter. Diese kleben dann an Ihnen, ohne konstruktiv zu wirken.

Wertschätzende Anteilnahme

Ihr Sohn ist ein intelligenter Bursche, philosophisch veranlagt und wird seinen Weg gehen, solange er weiß, dass Sie ihn sehen und gewillt sind, ihm die Geborgenheit und Zuneigung, die er vielleicht im Kindergarten nicht bekommt, zu geben.

Wenn Sie damit Ihren Frieden finden können, bitten Sie um ein Gespräch mit der Leitung oder einer der Kindergartenpädagoginnen, in dem beide Seiten beschreiben, wie Sie Ihren Sohn erfahren. Das Ziel von dieser Unterhaltung sollte sein, die unterschiedlichen Sichtweisen und Erfahrungen zu erkennen. Es wird immer kleine oder sogar große Unterschiede geben, diese sind allerdings kein Problem an sich. Was sich zu einem echten Problem entwickeln kann, ist, wenn ein Machtkampf zwischen der Betreuung und den Eltern entsteht, wobei die beiden Seiten sich darüber streiten, wer nun recht hat.

Ich würde mir wünschen, dass Pädagoginnen im Vorschulbereich ein tägliches Mantra während ihrer Ausbildung sprechen: "Wenn zwei Erwachsene über das gleiche Kind sprechen, sprechen sie über zwei verschiedene Kinder – aus deren individueller Perspektive." Niemand kennt die Wahrheit, doch zwei Perspektiven haben eine bessere Chance, sich der Wahrheit zu nähern, als eine einzelne. (Jesper Juul, 31.12.2017)

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