Runner's High 2017: Zehn Höhepunkte und ein Bonustrack

Vom Grundlsee über den Frauenlauf bis zum New-York-Marathon

Thomas Rottenberg

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Ein kleiner, subjektiver Rückblick auf die zehn schönste Momente des zu Ende gehenden Laufjahres: vom Schnee am Grundlsee über die Hitze am Heartbreak Hill bis in den Regen Irlands. Vom Gefühl, als einziger Mann den Frauenlauf zu laufen – bis zum Spontanantritt beim New-York-Marathon als Guide-Runner: Das war 2017.

Das Jahr begann so, wie es beginnen soll: mit Kaiserwetter im Salzkammergut – und einem Neujahrslauf mit den besten Freunden, dem Lauf rund um den Grundlsee. True Grip hieß die Geschichte im fast schon kitschigen Winterwonderland-Heimatfilmsetting dazu.

Foto: thomas rottenberg

Im April verschlug es mich dann nach Boston: Der Boston-Marathon ist eine Legende und steht auf der Wunschliste sehr vieler Marathonläufer ganz, ganz oben. Auch weil der Weg über die Hügel, vorbei an kreischenden Schülerinnen und über den Heartbreak Hill, alles andere als leicht ist. Mir brach die Hitze fast das Genick – dennoch war es ein großartiges Lauffest. Auch weil es dort ein Stück Sport- und Frauengeschichte zu feiern galt: Kathrine Switzer beging das 50-Jahr-Jubiläum ihres legendären Regelbruchs, der es Frauen überhaupt erst möglich machte, auf die Langstrecke zu gehen.

Boston-Marathon: Legende, Leiden und Lachen

Foto: thomas rottenberg

Unverhofft kommt nicht oft, aber doch manchmal: Nicht einmal eine Woche nach Boston war der VCM. Eigentlich wollte ich beim geliebt-gehassten Heimmarathon ja nur den ersten Staffelteil laufen und den zweiten Läufer unserer Staffel dann begleiten. Weil es aber so viel Spaß machte, wurde dann daraus nicht nur die Volldistanz, sondern auch gleich noch eine neue persönliche Marathonbestzeit: Ohne Druck und Ehrgeiz läuft es sich einfach einfacher.

Der Vienna City Marathon: Ein Back-to-back-Lauf und eine Hassliebe mit Bestzeit

Foto: thomas rottenberg

Gemeinhin versucht man beim Wings for Life World Run so lang und weit wie möglich zu laufen, bis man von den Catcher-Cars – der von hinten das Feld aufrollenden Ziellinie – eingeholt wird. Mein Plan war ein anderer: Ich wollte wissen, wer die Menschen sind, die als allererste und nach wenigen Kilometern eingeholt werden. Es waren unheimlich emotionale zweieinhalb Kilometer – und auch der Sieger des Laufes, Lemawork Ketema, war gerührt und beeindruckt vom Einsatz und der Leidenschaft derer, die das Ende des Feldes bildeten: "Diese Menschen sind Helden."

Die Helden des Wings for Life World Run

Foto: thomas rottenberg

Der Frauenlauf ist – der Name sagt es – eine Women-only-Laufveranstaltung. Mit Gründen, die ich nicht nur respektiere, sondern auch sehr gut nachvollziehen kann. Dass ich als einziger Mann unter 35.000 Frauen da mitlaufen durfte und weder als Partycrasher noch als Provokateur wahrgenommen wurde, hatte einen Grund: Ich trat als Begleitläufer der blinden Skifahrerin Veronika Aigner an. "Vroni" wurde von den Frauen – zu Recht – gefeiert, und es war deshalb allen vollkommen egal, ob ich ein Mann, ein Alien, ein Zebra oder ein Hydrant war. Wie Letzteres fühlte ich mich dann beim Zielsprint, als mich die Läuferin einfach und locker abhängte.

Als männlicher Begleiter beim Frauenlauf

Foto: thomas rottenberg

Swimrun nennt sich ein Ding, das rund um Österreich als "heißer Scheiß" der Lauf- und Ausdauerszene längst durch die Decke geht: Man läuft und schwimmt und läuft und schwimmt – und muss alles Equipment immer bei sich tragen. Menschen, die in Neoprenanzügen durch Bergwälder laufen und beim Schwimmen die Schuhe anlassen, sehen mehr als seltsam aus – aber Kick und Spaß sind ein Hammer.

Die Königsklasse des Trendsports ist die schwedische Ötillö-Serie, und das Finale bei Stockholm über 65 Kilometer und 25 Inseln nötigt auch g'standenen Ironman-Weltmeistern gehörigen Respekt ab. Ich trat im Engadin zwar "nur" beim Ötillö-Sprint an, war und bin aber seither infiziert – und freue mich, dass dieses Pflänzlein nun auch in Österreich zu keimen beginnt. Eh nur der Sprint: Rotte rennt (und schwimmt) beim Ötillö

Foto: ottilo/jakob edholm

Kinvara ist nicht nur der Name eines Laufschuhs, sondern auch der eines Ortes an der irischen Westküste. Deshalb laden die Hersteller des Schuhs alljährlich Läuferinnen und Läufer aus Europa und den USA zu einem zweitägigen Staffellauf durch Irland ein. Ein Traumlauf durch Traumlandschaften, dem auch das typisch irische Wetter – von Hitze und Sonne bis Hagel und Sturm – nichts anhaben konnte. Was den Lauf noch schöner machte: Wir änderten das Setting, pfiffen auf Ehrgeiz und Platzierungen und liefen die meisten Etappen nicht allein, sondern zumindest zu zweit. Weil Schönes noch schöner wird, wenn man es teilt.

Klippen, Schafe und Anjas Traum: Ein Staffellauf in Irland

Foto: thomas rottenberg

Harald Rother ist ein ganz besonderer Läufer: Er ist blind – läuft aber nicht mit einem Begleitläufer, sondern solo – mit dem Blindenstock. Dass das wirklich geht, konnte ich erst glauben, als ich mit dem 60-jährigen Wiener unterwegs war und er eindrucksvoll bewies, "was alles geht, wenn man sich nicht selbst behindert oder behindern lässt". (>> Mit dem Blindenstock auf der Hauptallee laufen)

Am Rande erzählte der Läufer, wie ihm vor 42 Jahren, als er als Teil einer Staffel den dritten Platz bei den Österreichischen Staatsmeisterschaften errungen hatte, Medaille und Ehrung verweigert wurden, weil er als Behinderter mit "normalen" Menschen in einem Bewerb für Nichtbehinderte gelaufen war. Diese Gemeinheit aus dem Jahr 1975 machte heuer, 2017, Helmut Baudis nicht nur wütend und betroffen, sondern ließ ihn auch die Initiative ergreifen. Der Generalsekretär des Österreichischen Leichtathletik-Verbandes (ÖLV) ließ es sich nicht nehmen, von sich aus für späte Gerechtigkeit zu sorgen: Mit 42 Jahren Verspätung bekam Harald Rother seine Medaille im Rahmen einer kleinen, aber sehr emotionalen Feier doch noch.

Blinder Läufer unter Sehenden: Eine Medaille nach 42 Jahren

Foto: thomas rottenberg

Podersdorf ist kein Lauf, sondern ein Triathlon. Korrekt heißt der Event ja Austria Triathlon und hat eine lange Tradition. Das 30-Jahr-Jubiläum des größten, nicht von einem Eventkonzern initiierten Swim-Bike-Run-Bewerbes in Österreich war mein erstes Antreten über die Halbdistanz im Ausdauerdreikampf: Die 1,9 Kilometer schwimmen, 90 Kilometer auf dem Rad und 21 Kilometer zu Fuß waren ein sehr eindrucksvolles, spannendes und kräfteraubendes Abenteuer, hatten aber einen kleinen Schönheitsfehler: Der niedrige Wasserstand des Neusiedler Sees sorgte in Kombination mit starkem Wind und wilden, extrem kurz aufeinanderfolgenden Wellen dafür, dass aus Schwimmen über gut 80 Prozent der Strecke Waten wurde. Freilich: Auch Wassertreten auf schlammigem Grund ist anstrengend. Doch obwohl de facto fast niemand korrekt schwamm, waren es – danach und in den Erzählungen – natürlich ausschließlich die anderen, die gewandert waren. Die Veranstalter kündigten Maßnahmen an, das in Zukunft zu unterbinden.

Aber ganz abgesehen davon: Es hat Spaß gemacht. So richtig. Und Lust auf mehr.

Halbdistanz-Triathlon in Podersdorf: Noch zwei Tri-Premieren

Foto: thomas rottenberg

Man kann laufen, um schnell zu sein oder um zu erleben und zu genießen. Ich zähle mich da zur zweiten Kategorie und habe, ganz generell, mehr Freude an den schönen Dingen im Leben, wenn ich sie nicht allein erlebe.

Im September war meine Freundin ihren ersten Halbmarathon gelaufen. In der Wachau (>> Das 20. und das erste Mal: Der Wachau-Marathon). Nur zwei Wochen später holte sie zum zweiten Streich aus. Ich war nach Köln eingeladen worden, und wir nutzten diese Chance, um auszuprobieren, was ein "Rookie" beim zweiten Antreten anders machen oder erleben würde und ob die Erfahrungen und Lernprozesse aus dem ersten Lauf einen Unterschied machen würden und wenn ja welchen: Eva hatte jede Menge Spaß, flog ohne Probleme die 21 Kilometer dahin – und verbesserte ihre Zeit (obwohl es darum gar nicht gegangen war) gleich um fünf Minuten. #proudboyfriend.

Ganz abgesehen davon: Köln ist ein feiner Lauf. Perfekt organisiert, freundlich und stimmungsvoll – und sehr fein zu laufen. Eine Empfehlung.

Oops, she did it again: Der Kölner (Halb-)Marathon

Foto: thomas rottenberg

Bonustrack. Weil: Geplant war dieser Stunt zum Saisonabschluss nicht. Aber als mich Eric Rosant keine zwei Wochen vor dem New-York-Marathon anrief (im Bild links) und fragte, ob ich eine Idee hätte, wie man Hans-Ewald Grill die Erfüllung seines großen Traumes doch noch ermöglichen könnte, war die Entscheidung rascher getroffen, als ich es selbst mitbekam. Grill ist ein blinder Ex-Paralympics-Teilnehmer, der einmal im Leben den New-York-Marathon laufen wollte. Rosant hätte ihn als Guide begleiten sollen, bekam aber aufgrund einer Herzmuskelentzündung kurzfristig vom Arzt ein Verbot, länger als zwei Stunden zu laufen. Aber: Den Traum des 66-jährigen Hans-Ewald Grill deshalb platzen lassen? Also stand ich Anfang November in Staten Island mit einem gelben Guide-Shirt am Start – und begleitete Grill durch den Big Apple.

Und spürte mit jedem Schritt: Auch wenn laufen auf den ersten Blick einfach nur laufen ist, ist es in Wirklichkeit viel mehr.

Go Achilles: Als Begleitläufer beim New-York-Marathon

Foto: thomas rottenberg

So wie alles, was man tut, weil man es liebt: Es geht darum, Träume zu Zielen zu machen. Und die dann wahr werden zu lassen. Nicht unbedingt heute und sofort, aber irgendwann. Es geht darum zu erkennen, dass es nicht ums Ankommen geht – sondern dass auch der Weg zählt. Und dass es gerade dann am schönsten ist, wenn man es sich eben nicht nur leicht und einfach macht.

(Thomas Rottenberg, 27.12.2017)

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