Entdeckerin mit großer Freude: Cecilia Bartoli.

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Reaktionsschnell auf dem Cello: Sol Gabetta.

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Wien – Die eine beträllert, bezwitschert und begurrt die Welt seit einem Vierteljahrhundert derart erfolgreich, dass sie von ihrem Management zur "kommerziell erfolgreichsten klassischen Musikerin der heutigen Zeit" erklärt wurde: Rund zehn Millionen verkaufte Tonträger, fünf Grammys und zehn Echos legen davon Zeugnis ab. Die andere spielt sich seit einem guten Jahrzehnt auf ihrem Cello in die Herzen der Zuhörer und heimste für ihre bienenfleißige CD-Produktion immerhin schon drei honigsüße Echos ein.

Nun haben sich Cecilia Bartoli und Sol Gabetta zusammengetan und sich künstlerisch gegenseitig befruchtet. Ihrem gemeinsamen klingenden Kind gaben sie den Namen Cecilia & Sol – Dolce Duello, und das kleine, kompakte Ding kam in der stillen Heiligen Nacht sicher unter so manchem Tannenbaum zu liegen.

Die italienische Mezzosopranistin und die argentinische Cellistin interpretieren hier barocke Arien der Herren Porpora, Albinoni, Gabrielli, Vivaldi und Händel – und auch erstmals aufgenommene Raritäten wie etwa zwei Arien von Antonio Caldara, die in der Österreichischen Nationalbibliothek aufgespürt wurden.

Für ihre abwechslungsreichen Programme und Themen-CDs durchforstete Bartoli in den letzten Jahren mit großer Entdeckerfreude Handschriftensammlungen und Musikbibliotheken – egal, ob sie sich mit der Ära der Kastraten beschäftigte, zum Zarenhof nach St. Petersburg reiste oder sich in missionarischer Weise um das Werk von Agostino Steffani kümmerte. Gabetta wiederum hat sich in ihrem umfangreichen Silberscheibenschaffen schon einmal dem Gesang angenähert: Auf ihrer CD Cantabile interpretierte sie beliebte Arien von Bizet, Offenbach, Rossini und Co.

Virtuose Begleitfiguren

Bei Cecilia & Sol werden nun Arien mit obligatem Cello von 1680 bis 1780 präsentiert. Mal fegt Bartoli – wie in Albinonis Aure, andate e baciate – im wilden Koloraturenzickzack durch zerklüftete Gefühlslandschaften, und Gabetta begleitet sie als reaktionsschnelle Eskorte im Sextabstand. In Vivaldis Di verde ulivo zieht die Cellistin mit einer Solo-Introduktion, Zwischenspielen und virtuosen Begleitfiguren die Aufmerksamkeit auf sich. Zum "Duell" der beiden Künstlerinnen kommt es eigentlich nie, wohl aber zu einem zarten, sanften Duettieren, so etwa in Händels What passion cannot Music raise and quell!

Schön, wenn bei einem Großprojekt zweier potenter Bespielerinnen des Klassikmarktes oft leise Töne angestimmt werden. Die Cappella Gabetta, geleitet von Sols Bruder Andrés, agiert im Hintergrund feingliedrig und flink. Sol Gabetta hat sich auf ihrem Cello von G. B. Guadagnini sowieso einem schlichten Musizieren verschrieben, und auch die Bartoli dimmt ihre lodernden Gefühlsdarstellungen im Zusammenspiel mit ihrer um 15 Jahre jüngeren Kollegin oft auf Herdfeuerintensität herunter.

Leiser im großen Saal

Als Cecilia & Sol Mitte dieses Monats im Wiener Musikverein Station machten, konnte man erleben, dass Bartoli, seit 2012 auch Intendantin der Salzburger Pfingstfestspiele, eine große Bühne mit noch größeren, auf dauerdrastisch geschminkten Effekten und Affekten zu füllen versteht: so etwa bei Händels Lascia la spina, bei dem die 51-Jährige jeden Ton und jede – sogar unbetonte – Silbe der Arie mit einem kleinen dramatischen Crescendo auffrisierte.

Das zehnte Cellokonzert von Luigi Boccherini kam einem Großteil des Publikums im Musikverein jedoch deutlich leiser zu Ohren als dem Käufer der CD; im Großen Saal erwies sich Gabettas Barockcello als dynamisch zu limitiert. Dafür wurde man dort, von den goldglänzenden Karyatiden flankiert, noch mit tollen Instrumentalstücken der Cappella Gabbetta wie etwa dem im wahrsten Sinne des Wortes furiosen Tanz der Furien aus Glucks Orfeo ed Euridice entschädigt.

Auf diesen folgte bald darauf ein Zugabenreigen, der auf dem Tonträger natürlich nicht zu finden ist: Da hatten die Hornisten der Cappella Gabetta noch mit den Kastagnetten zu klappern, die Bartoli verstärkte mit einen Schellenkranz die Rhythmussektion, und die Barockgeigen brach- ten schlussendlich beim schönschnulzigen, schon von Luciano Pavarotti geschätzten Non ti scordar di me mit ihren schmalzigen Glissandi das Publikum zum seligen Schmunzeln. (Stefan Ender, 26.12.2017)