Das Gemälde "The Gossips" (1948) ist eines der bekanntesten Werke des US-Künstlers Norman Rockwell. Über Jahre hinweg beschäftigte er sich mit dem Thema Tratsch – im schließlich entstandenen Werk ist jede Person zweimal zu sehen, um das Hörensagen darzustellen.

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Wien – "Hast du schon gehört?" Selten wird einem darauf die neueste verifizierte Tagesnachricht mitgeteilt. Eher geht es darum, was dem Bekannten X oder der Prominenten Y unlängst passiert ist – angeblich. Der Wissenschaft, den realen Fakten verpflichtet, müsste die Verbreitung von Halbwahrheiten und Gerüchten aber eigentlich ein Grauen sein.

Brigitte Weingart, Professorin am Institut für Medienkultur und Theater der Universität zu Köln, bricht dagegen eine Lanze dafür, dass man Klatsch intensiv erforscht. Am vergangenen Mittwoch referierte sie darüber am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) der Kunstuniversität Linz in Wien. "Was mich an Gerüchten und Klatsch interessiert, ist, dass das Kommunikationsformen sind, die man sich trotz ihres schlechten Rufs nicht aus unserem Alltag wegdenken kann", sagt Weingart. "Dabei stellt sich auch die Frage, welche Funktion solche Arten inoffizieller Kommunikation haben und welche Form der Machtausübung sich dahinter verbirgt."

Für Weingart ist das Gerücht (oder neudeutsch "Gossip") aber nicht bloß eine kulturelle und soziale Äußerung, sondern diese Art der Kommunikation habe auch das Potenzial für ein "Empowerment": Wer in der jeweiligen Epoche nicht der Elite zugehörig war, die die Medieninstanzen der Zeit kontrollierte, konnte so Informationen trotzdem weiterverbreiten.

Insbesondere für in Schach gehaltene Minderheiten habe darin eine emanzipatorische Kraft gelegen. So verweist Weingart darauf, dass der Klatsch deshalb als Gesprächsform in der Geschichte traditionell vor allem zwei Gruppen zugeschrieben wurde: Frauen und Bediensteten.

Weingart beschäftigt sich auch mit der Gerüchtekultur der klassischen Hollywood-Ära – insbesondere mit der Spekulation über die sexuelle Orientierung der Stars. Das gefundene Fressen für die wachsende Klatschblätterindustrie der aufsteigenden Glitzerstadt erzeugte aber gleichzeitig einen inoffiziellen Gegendiskurs, mit dem sich die homosexuelle Community hinter vorgehaltener Hand ihrer selbst versichern konnte.

Dass die Gerüchteküche häufig ein bevorzugter Informationskanal der Marginalisierten sei, zeige sich daher insbesondere in repressiven Gesellschaften: Vor allem in Diktaturen spiele der Klatsch häufig eine subversive Rolle. Gerüchte grassieren aber nicht bloß in Unrechtsstaaten: "Klatsch und Gerücht gedeihen nicht nur, wenn es Verbote und Zensur gibt, sondern auch in Krisen des Wissens – etwa dann, wenn offizielle Informationen fehlen –, nicht nur, weil sie zurückgehalten werden, sondern auch, weil sie einfach nicht existieren", sagt Weingart.

Das kann eine starke Wirkung haben: Um der Gefahr für die eigene Gesellschaft vorzubeugen, richteten zum Beispiel die Amerikaner während des Zweiten Weltkriegs sogenannte "rumor clinics" ein: Bürger konnten hier Gerüchte melden, die dann von einem Team aus Psychologen und Kommunikationswissenschaftern öffentlich widerlegt wurden. Weingart: "Gerüchte sind improvisierte inoffizielle Nachrichten, mit denen auf einen Wissensnotstand reagiert wird, der in der kollektiven Erörterung dann auch zu beheben versucht wird."

Beschleunigte Verbreitung

Brauchte es früher einige Zeit, bis ein Gerücht seine Runde gemacht hatte, ist das heute mittels Internet und seinen unzähligen sozialen Medien und Verbreitungskanälen schnell geschehen. Nun im Zeitalter von Fake-News entfaltet das Gerücht vielleicht erst seine wahre Wirkungsmacht.

Weingart betont aber in diesem Zusammenhang, dass man hier manche Begriffe nicht so einfach gleichsetzen könne: "Es sind der unsichere Status der Information und der Modus der Weitergabe, die eine Nachricht als Gerücht kennzeichnen. Fake-News hingegen fehlt ja dieses Moment des 'produktiven Nichtwissens': Falschmeldungen werden gezielt in die Welt gesetzt, um damit bestimmte Effekte zu erzielen, sie sind manipulativ, und nicht zufällig geht es ja vorzugsweise um soziale Ausgrenzung."

Beim Promiklatsch wiederum wird im digitalen Raum keiner ausgeschlossen: Jeder kann das Verhalten der Stars kommentieren und direkt mit den Berühmtheiten kommunizieren. Die Prominenten wiederum machen ihr Leben weitgehend transparent und liefern so aktiv dem tratschenden Volk Material.

Massenkultur ernst nehmen

Laut Weingart verwundert es somit auch nicht, dass prägende Internetpersönlichkeiten wie Kim Kardashian gerade solche Akteure sind, die nur für ihre öffentlich gemachte Privatsphäre bekannt sind: "Es gibt die Tendenz, in Ermangelung eines eigenen Werks sein Leben, den Körper, die eigene Sexualität zum Gegenstand des Images zu machen." Damit gehe auch der Trend einher, sich als Star auf Instagram ungeschminkt darzustellen, um etwas zu bieten, was es im Bühnenimage nicht zu sehen gibt.

Aber muss sich die Forschung tatsächlich mit solchen vermeintlichen Banalitäten auseinandersetzen? Die Medienwissenschafterin entgegnet, dass die wissenschaftliche Betätigung im Reich der "Seitenblicke" keinesfalls irrelevant sei. Das als triviale Begleiterscheinungen der Kulturindustrie abzutun – wie es etwa die Theoretiker der Frankfurter Schule taten –, dem erteilt Weingart eine Absage: "Massenkultur ernst zu nehmen ist meiner Überzeugung nach ein Gebot für Medienwissenschafter."

Ohnehin spiegle das virtuelle Gebaren der Prominenz einen allgemeinen Kulturwandel wider. Inzwischen gelte das, was Weingart den "Sichtbarkeitsimperativ" nennt: Gesellschaftlich werde zunehmend verlangt, dass sich jeder Mensch digital beteiligt und daher virtuell präsentiert.

Und mit dieser Selbstdarstellung gehe dann in den meisten Fällen auch eine Tendenz zur Selbstoptimierung her. Star und Fan sind also vielleicht gar nicht so verschieden. (Johannes Lau, 1.1.2018)