"Was ist ein guter Mensch, Herr Grünberger?"

Um das herauszufinden, geht der Psychologe auch mit 88 noch täglich ins Gefängnis. Ein Gespräch mit dem Holocaustüberlebenden über den Glauben an die Menschen und ihre guten Vorsätze, an denen sie manchmal auch scheitern

Karin Pollack

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Josef Grünberger sieht auch die verborgenen Seiten in Menschen. Besser als jeder andere, attestieren Kollegen. "Menschlichkeit muss man aushalten können", sagt er und hat noch in jedem Gutes gefunden.

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Josef Grünberger, "Forensische Psychodiagnostik und Psychotherapie im Strafvollzug". € 29,90 / 205 Seiten, Facultas-Verlag, 2017

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Es war ein großer Moment im Leben des Herrn Josef Grünberger. "Ich habe geweint", sagt er ein wenig verschämt und richtet sich seine Krawatte. So viele Menschen seien zu seiner Buchpräsentation Mitte November gekommen. Nicht nur der damalige Justizminister Wolfgang Brandstetter und seine Sektionschefs hatten sich Zeit genommen, auch seine Berufskollegen von der Wiener Psychiatrie, Freunde, Kinder und Enkel waren da, "vor allem auch meine Studenten", ergänzt er. Sie alle waren gekommen, um im Rahmen der Buchpräsentation das Lebenswerk dieses Mannes zu würdigen. Seine Schritte sind vielleicht nicht mehr so sicher, wie sie einmal waren, seine Stimme ist leiser geworden, doch sein Blick ist fokussiert. Er will nur noch das Wesentliche sehen – und seine Lebenserfahrung weitergeben.

Forensische Psychodiagnostik und Psychotherapie im Strafvollzug, so lautet der sperrige Titel des Buchs, das dennoch sein Lebenswerk zusammenfasst. Grünberger war jahrzehntelang auch in der Wiener jüdischen Jugendbewegung Misrachi aktiv. Und viele wussten bis heute Abend gar nicht, dass der Mann, der ihre Kinder mitprägte, in seinem beruflichen Leben als Psychologe mit Straftätern zu tun hat.

Pionierarbeit leisten

Er besucht sie immer noch täglich, obwohl er schon seit 1995 in Pension ist. "Es gibt kein besseres Mittel, das Gute im Menschen zu fördern, als davon auszugehen, dass ein Gegenüber schon gut ist", ist zum Beispiel so ein Satz aus seinem Buch, der Grünbergers berufliches Ethos auf den Punkt bringt. "Die Systematik der Wissenschaft war für meine Arbeit immer entscheidend", wird er im Laufe des Gespräches mit großer Dringlichkeit immer wieder betonen und ein Schema für sein Verständnis von Schuld und Sühne suchen. Beim Blättern bleibt er auf dem Faksimile eines Briefes vom damaligen Justizminister Christian Broda aus dem Jahr 1976 hängen: "Haben Sie Dank für die unermüdliche Pionierarbeit, in Freundschaft und Verbundenheit." Broda, sagt Grünberger, habe mit seiner Idee des "humanen Strafvollzugs" überhaupt erst sein Engagement möglich gemacht.

Und dann steigt Josef Grünberger ein klein wenig in seine eigene Lebensgeschichte ein. Er, der den Holocaust überlebt hatte, begann nach dem Krieg, in Wien Psychologie und Geschichte zu studieren, habilitierte über die Psychodiagnostik von Alkoholkranken, denn viele Straftäter haben Alkoholprobleme. Das war sein Einstieg: "Damals fügten sich Häftlinge in den Justizanstalten massiv Selbstverletzungen zu", Broda stand unter Zugzwang und fand in Grünberger einen, der Pionierarbeit im Strafvollzug zu leisten bereit war. Der etwas verstehen wollte, was gemeinhin als "das Böse" gilt.

"Schüler", nicht "Insassen"

Das tut er immer noch. Bis heute. Steht jeden Tag um sechs Uhr morgens auf, wäscht sich, isst ein kleines Frühstück und bricht kurz vor sieben Uhr auf. Bis acht Uhr ist er in der Synagoge, danach fährt er – montags, dienstags und mittwochs – in die Justizhaftanstalt Wien-Mittersteig, am Donnerstag nach Krems in die Justizvollzugsanstalt Stein, um dort mit verurteilten Straftätern "zu arbeiten", wie er es nennt. Als Psychologe behandelt er Menschen, die Böses getan haben, also andere bestohlen, beraubt, vergewaltigt oder sogar ermordet haben. Grünberger setzt sich mit ihnen an einen Tisch, schaut sie mit seinen blauen, schon ein bisschen alt gewordenen Augen an – und lächelt.

"Ich nenne sie alle meine Schüler", sagt er, "niemals Insassen!" Niemand, und da ist sich Josef Grünberger nach mehr als 65 Jahren Erfahrung ganz sicher, wird böse geboren. "Dass es keine genetische Veranlagung zum Bösen gibt, habe ich mit wissenschaftlichen Methoden bewiesen", sagt er mit Nachdruck, weil viele das nur zu gern glauben würden. Schwierige familiäre Verhältnisse, unglückliche Umstände, eine feindliche Umwelt: Das sind Faktoren, die Menschen dazu veranlassen, allgemeine gesellschaftliche Normen zu missachten.

Kollegen, wie zum Beispiel Patrick Frottier, einst Leiter der Strafvollzugsanstalt Mittersteig, attestieren Grünberger mitunter unkonventionelle Therapiemethoden. All das habe sich entwickelt, erzählt Grünberger und erinnert sich an die Anfangszeiten. "Die Kollegen sagten mir, ich soll es zur Kontaktaufnahme mit Zigaretten versuchen", erinnert er sich, entschied sich dann aber für Bonbonnieren, "weil ich selbst ja nicht rauche". Jeder Schüler, der zu ihm ins Therapiezimmer kommt, bekommt seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Was Grünberger antreibt, ist die Überzeugung, dass sich "jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt seines Lebens verändern kann." Allerdings nur dann, wenn auch diejenigen, die die Gefängnisse betreiben und damit die Gesellschaft selbst, sich auf diese von ihm wissenschaftlich bewiesene Tatsache einigen können. Heute macht sich Josef Grünberger wieder mehr Sorgen, dass genau das wieder in Vergessenheit geraten könnte.

Innere Stimme finden

Straftäter werden immer nur auf ihre Tat oder ihre psychische Erkrankung reduziert. Dabei geht es, laut Grünberger, darum, sich ein vollständiges Bild von einem Straftäter zu machen: "Die Sprache ist das einzige Instrumentarium, das wir Menschen dafür zur Verfügung haben." Das Problem dabei: Viele Straftäter haben das Über-sich-und-die-Welt-Sprechen niemals gelernt. Sind stumm, unfähig, sich zu artikulieren. Der Grünbergersche Bildband für Insassen – in Fachkreisen kurz GBI genannt – ist die selbst entwickelte Methode einer Sprachfindung. Es ist ein Bilderbuch, das Grünberger in seine Therapiesitzungen mitbringt, um Delinquenten aufzufordern, zu beschreiben, was sie da sehen: eine Verabschiedung, einen Obdachlosen im Park, einen Polizist während einer Verhaftung. "Das Über-andere-Reden fällt meinen Schülern leichter." Grünberger hört zu, wenn sich die Türen ins Unbewusste öffnen, wenn Sprache plötzlich eine Option wird.

Grünberger hat vier Phasen im Leben seiner Schüler definiert. "Die Grundlage jedes Gesprächs im Gefängnis ist die Straftat selbst", beschreibt er den Auftakt eines oft jahrelang dauernden Prozesses. Ein schlechtes Selbstwertgefühl, so Grünberger, sei in vielen Fällen die fatale Antriebskraft. "Erst wenn jemand das schwache Ich an sich selbst erkannt hat, lässt es sich stärken", weiß Grünberger. Eine erfolgreiche Therapie ist für den Psychologen jene, in der ein Delinquent sich selbst, seine Impulse und Emotionen besser kennenlernt, um sich eines Tages selbst kontrollieren und steuern zu können.

"Rückkehr zu sich selbst"

"Die Rückkehr zu sich selbst ist die Heimkehr in die Gesellschaft", diesen Satz wiederholt Josef Grünberger viele Male und erzählt die rezente Geschichte eines jungen Mannes. 23 Jahre. Ein Kind aus schwierigen Verhältnissen. Straftaten. Alkohol. Drogen. Einer, der seit Jahren nicht mit seiner Mutter gesprochen hat. Weil sie streng ist. Weil sie enttäuscht ist vom eigenen Sohn. "Beim letzten Freigang hat er ihr eine Rose vorbeigebracht", erzählt der 88-Jährige, und sein runzliges Gesicht strahlt. Weil er das wirklich ganz fantastisch und mutig von diesem jungen Mann findet.

"Es zählen immer die Taten", sagt er. Genau das ist das Potenzial, das er seine Schüler entdecken lassen will. Das Gefängnis und die dortigen Regeln sind also eine Art Teststation für seine Schüler. Der Umgang mit anderen, die Arbeit, die Therapie: Wer das schafft, bekommt "gute Führung" attestiert, Haftlockerungen, vielleicht sogar Freigang und im besten Fall eines Tages die Freiheit. Aber in der Freiheit gibt es ein Regelwerk und immer die Möglichkeit, sich für oder gegen etwas zu entscheiden.

"Die Welt drinnen, ist wie die Welt draußen", sagt Grünberger, und im besten Fall schaffen seine Schüler es wieder, mit Regeln zurechtzukommen. Und was ist mit Straftätern, die rückfällig werden? "Da haben wir eben nicht genug Geduld gehabt", sagt er mit einem verzeihenden Lächeln. Der Satz: "Tu das ja nicht mehr", führe jedenfalls sicher ins Nichts. Vorbilder, Zugeneigtheit und Dranbleiben sei erwiesenermaßen die bessere Strategie. "Menschlichkeit muss man auch aushalten können", so etwas Großes sagt er ganz beiläufig.

In die Augen sehen können

Josef Grünberger hat vielen rückfälligen Tätern immer wieder zugeneigt in die Augen geschaut und beobachtet, wie sich die Pupille bei starken emotionalen Reizen weitet. Daraus hat er die Methode der Pupillometrie entwickelt, eine objektive Methode der forensischen Diagnostik. Weil Grünberger die Wissenschaft hinter den Beobachtungen stets wichtig war, kann man also von einem psychophysiologischen Marker sprechen, von einem "objektivierbaren Maß für die Seele". Wenn Grünberger über Emotionen, Reize und deren Kontrolle spricht, kann es vorkommen, dass er die Darstellung einer Amplitude in seinem Buch sucht und sie stolz als die Quintessenz seiner geduldigen Arbeit präsentiert. Sie ist sein Vermächtnis.

Woher er die Kraft nimmt? "Wenn man Dinge tun will, aber nicht machen sollte, ist der Glaube ein guter Ersatz", erklärt er, der täglich in die Synagoge geht, aber auch in anderen Religionen diese Möglichkeit sieht. Auch der Gedanke, dass sich Fehler wiedergutmachen lassen, ist tröstlich. Von den acht Milliarden Menschen auf der Erde schafft es der überwiegende Teil ganz gut, sich an die Regeln zu halten. Jene, die sich schwertun, will er unterstützen. Solange er noch kann.

Unlängst habe ihn eine Studentin gefragt, was seine Frau Judith dazu sagt, dass er noch jeden Tag arbeitet. Als er sie in den 1950er-Jahren kennenlernte, wollte sie "mit ihrer Mutti eigentlich nach Israel emigrieren". Wien war nur Zwischenstation. Aber dann lernte sie ihn in einem Restaurant kennen, verliebte sich und irgendwann fragte sie ihn: "Liebst du mich eigentlich?" Grünberger antwortete: "Kein Zweifel, dass ich dich liebe, aber erst die Zeit wird zeigen, wie sehr." Dass ihm seine Frau jeden Morgen, bevor er das Haus verlässt, ein koscheres Jausenbrot schmiert, ist zumindest der sichere Beweis dafür, wie sehr sie ihn liebt. (Karin Pollack, 1.1.2018)

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