Burschenschaften: Der Antisemitismus berühmter Gothen

Die Burschenschaft "Gothia" würdigt alte Mitglieder, ohne ein Wort über deren NS-Nähe zu verlieren. Und ein junger Gothe macht gerade Karriere

Klaus Taschwer

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Im Zentrum der Macht angekommen: Aktuell sitzen 16 Burschenschaftler (hier vor dem Äußeren Burgtor) für die FPÖ im Parlament. Ein Mitglied der akademischen Burschenschaft Gothia ist neuer Kommunikationschef im Innenministerium.

Foto: APA/GEORG HOCHMUTH

Auf diese Weise wurde im nationalsozialistischen Wien dem "berühmten Gothen" Georg von Schönerer gehuldigt.

Historisches Postkartenmotiv, gemeinfrei

Michael Fahlbusch, Ingo Haar, Alexander Pinwinkler (Hg.), "Handbuch der völkischen Wissenschaften". Zwei Bände, zweite stark erweiterte Auflage. € 249,00 / 2289 Seiten. De Gruyter, Oldenbourg 2017.

Wien – Es ist zwar nur eine Kleinigkeit, die aber doch recht viel über schlagende Burschenschaften aussagt. Vor mittlerweile fünf Jahren machte DER STANDARD auf bedenkliche Online-Auftritte einiger Wiener Burschenschaften aufmerksam. Konkret lautete einer der Vorwürfe, dass die akademische Burschenschaft Gothia einige ihrer verstorbenen Mitglieder in der Rubrik "berühmte Gothen" anführte, ohne deren Antisemitismus und nationalsozialistischen Verstrickungen auch nur zu erwähnen, geschweige denn, dazu Stellung zu nehmen.

Die Kritik bezog sich konkret auf den radikalen Antisemiten und Hitler-Inspirator Georg von Schönerer, auf Mirko Jelusich, Feuilletonchef der "Deutsch-Österreichischen Tageszeitung" (kurz DÖTZ, ab 1926 bis zum Verbot 1933 offiziell "Hauptblatt der NSDAP – Hitlerbewegung") und nach dem "Anschluss" kurz Burgtheaterdirektor, sowie auf den deutschnationalen Historiker Heinrich Srbik, Mitglied antisemitischer Netzwerke, der NSDAP und von 1938 bis 1945 unter anderem Präsident der Akademie der Wissenschaften.

Die Reaktion der Burschenschaft

Für die akademische Burschenschaft antwortete Christian Neschwara, der Obmann ihres Altherrenverbandes, per E-Mail. Der Professor für Rechts- und Verfassungsgeschichte an der Uni Wien berief sich in einer ersten Reaktion zunächst darauf, dass man den Abschnitt über die großen Gothen anlässlich der Neugestaltung des Online-Auftritts ohnehin überarbeiten würde.

Irgendwann später verfasste der korporierte Rechtshistoriker dann aber auch noch eine schriftliche Erwiderung, die er auf seiner Uni-Homepage publizierte. Neschwara gestand in dem undatierten, "nicht veröffentlichten", aber doch abrufbaren Text immerhin ein, dass Schönerers Rolle als Antisemit "unbestritten" sei: "Er hatte deswegen auch schon in der alten Gothia keinen allgemeinen Zuspruch gefunden."

Hetze ohne Hetzblatt?

Im Fall von DÖTZ-Redakteur Jelusich freilich kann Neschwara in seiner Polemik nicht nachvollziehen, wie es jenem "möglich gewesen sein soll, ohne dieses NS-Hetzblatt in NS-Sinn zu wirken", da dieses ja schon im Juli 1933 verboten wurde. Nationalsozialistische und antisemitische Hetze vor dem Juli 1933 in diesem "Hauptblatt der NSDAP", das im Stil mit dem "Stürmer" mithalten konnte, scheint für den Rechtshistoriker im Umkehrschluss also entweder undenkbar oder unbedenklich. (Ein paar einschlägige Textproben aus der DÖTZ finden sich in diesem Text.)

Srbik wiederum wird in Neschwaras Text überhaupt zu einer Art Widerstandskämpfer hochstilisiert ("die erste Adresse der deutschen Widerstandsbewegung in Österreich"), der als "verkappter" Parteibeauftragter Schlimmeres von der Akademie abwendete. Ihn als Antisemiten zu verunglimpfen, sei "nahezu ehrenrührig", so Neschwara, der den STANDARD-Redakteur in seiner Polemik zwar origineller Weise dazu aufforderte, Geschichte zu lernen, aber es weiter nicht der Mühe wert befand, ihm diese Aufforderung auch zu übermitteln.

Unveränderte Homepage

Der Redakteur stieß deshalb erst kürzlich im Netz auf diesen Text und warf danach gleich auch einen Blick auf die Homepage der Gothia. Die Seite mit den "berühmten Gothen" blieb allem Anschein nach seit fünf Jahren unverändert. (Immerhin kommt man mittlerweile, wenn man auf die Namen klickt, auf die Wikipedia-Einträge, die dann ein vollständigeres Bild vom Antisemitismus und den Nazi-Aktivitäten der verstorbenen Alten Herren zeichnen.)

Trotz Neschwaras halböffentlicher Konzession, dass Georg von Schönerer "unbestrittener Antisemit" war, ist man bei seiner akademischen Burschenschaft weiter ohne jede Einschränkung stolz auf den "berühmte Gothen". Der radikale Antisemit und von den Nazis gefeierte "Künder und Wegbereiter des Großdeutschen Reichs" (so der Titel einer NS-Ausstellung, die Ende 1942 im Wiener Messepalast stattfand, siehe Abbildung) mag zwar laut Neschwaras Stellungnahme "in der alten Gothia keinen allgemeinen Zuspruch gefunden haben". Die heutige Gothia hält das Hitler-Idol auf ihrer Homepage nun aber doch wieder in allen Ehren.

Konsultationen in Lexika

Diese akademische Burschenschaft gilt für das rechtsextreme Online-Lexikon Metapedia, dessen Artikel geschichtsrevisionistische und das NS-Regime verharmlosende Züge aufweisen, neben der Olympia und der Teutonia als eine der drei "ungebeugt völkischen" Burschenschaften Wiens. Das ist weniger harmlos, als es klingt. Auch wenn rechte Kreise zuletzt bemüht waren, "völkisch" einfach vom "Volk" herzuleiten, so hat der Begriff doch einschlägige Konnotationen, wie man auch im Duden nachlesen kann: Im Nationalsozialismus war der Begriff besonders beliebt und verband dort Volks- stets mit Rassenzugehörigkeit.

Noch sehr viel mehr über diese rassistischen und natürlich auch antisemitischen Bedeutungen des Begriffs und über seine Vordenker findet man seit kurzem im zweibändigen "Handbuch der völkischen Wissenschaft", das vor wenigen Wochen in zweiter, stark erweiterter Auflage erschien, auf über 2000 Seiten. Dort konnte sich der Redakteur, der ja Geschichte lernen sollte, en passant ein noch besseres Bild vom Wirken Heinrich Srbiks machen, der insbesondere von rechten Intellektuellen wegen seiner eindrucksvollen Metternich-Biografie mitunter sogar als größter österreichischer Historiker des 20. Jahrhunderts gefeiert wird.

Wer war Heinrich Srbik?

Der Srbik-Eintrag stammt von der Historikerin Martina Pesditschek, die in den vergangenen Jahren intensive Quellenrecherchen zu ihrem Fachkollegen angestellt und über ihn ausführlich publiziert hat. Sie charakterisiert Srbik als "kühl kalkulierenden, niemals vertrauenswürdigen Machtmenschen und durchaus typischen Nationalsozialisten", auch wenn er "gegenüber linksgerichteten und/oder jüdischen Studenten und Kollegen eine nach außen hin peinlich korrekte Attitüde an den Tag legte". (Das deckt sich auch mit den Recherchen des Redakteurs, der Srbik als führendes Mitglied der geheimen antisemitischen Professorenclique Bärenhöhle "enttarnte".)

Für Neschwaras These, dass Srbik die "erste Adresse der deutschen Widerstandsbewegung in Österreich" gewesen sei, findet sich im Beitrag der Srbik-Expertin Pesditschek kein Hinweis, was nicht ausschließt, dass er sich gegen Ende des NS-Regimes gegen dieses stellte. Pesditschek belegt freilich, dass Srbik seinen Freund Arthur Seyß-Inquart auch noch besuchte, als dieser bereits (also ab Mai 1940) Reichskommissar für die besetzten Niederlande war, wo Seyß-Inquart dann die Deportationen von über 100.000 Juden in Vernichtungslager verantwortete.

Zwei aktuelle Nachbemerkungen

"Wir werden mit aller Entschlossenheit gegen alle Formen des Antisemitismus ankämpfen, gegen den noch immer bestehenden, aber auch gegen den neu importierten", sagte der neue Bundeskanzler Sebastian Kurz in seiner Regierungserklärung. Einige der einflussreicheren Antisemiten in der österreichischen Geschichte auf einer Homepage als "berühmten Gothen" zu würdigen, ohne ein einziges Wort über deren Antisemitismus zu verlieren, mag eine Kleinigkeit sein, fällt aber wohl unter "immer noch bestehenden" Antisemitismus schlagender Burschenschaften. Zur Erinnerung: 16 ihrer Vertreter sitzen seit kurzem für die FPÖ im Parlament.

Noch eine letzte Nachbemerkung: Ihr echtes Heim hat die Gothia mitten im achten Wiener Gemeindebezirk. Die Adresse Schlösselgasse 12 findet sich nicht nur im Impressum ihrer Homepage, sondern auch im Impressum von unzensuriert.at, einer 2009 gegründeten FPÖ-nahen Medienplattform, deren Website offiziell von der 1848 Medienvielfalt Verlags GmbH betrieben wird. Diese Medienplattform kam erst dieser Tage wieder in die Schlagzeilen, weil Alexander Höferl, einer der führenden Köpfe von unzensuriert.at, zum neuen Kommunikationschef im Innenministerium bestellt wurde.

Und: Alexander Höferl ist Mitglied der akademischen Burschenschaft Gothia. Wenn auch noch kein berühmtes. (Klaus Taschwer, 30. 12. 2017)

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