Straßennamen: Regierung löscht Erinnerung an Kommunismus in Polen

Mit Jänner wurden auf Anordnung der polnischen PiS-Regierung zahlreiche Straßen umbenannt – Städte kündigen Klagen an

Bert Eder

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Den schönsten Blick über Warschau, sagen viele Hauptstadtbewohner, habe man von der Terrasse im 30. Stock des Kulturpalastes – weil man diesen von dort nicht sehe.

Foto: APA/AFP/SAUL LOEB

Am liebsten würde Polens Regierung wohl den Kulturpalast, den Sowjetdiktator Josef Stalin nach dem Zweiten Weltkrieg mitten in Warschau errichten ließ, niederreißen. Das im Zuckerbäckerstil gehaltene Monument, das die Gegend um den Hauptbahnhof dominiert, ist allerdings so massiv angelegt, dass eine Sprengung auch die zahlreichen nach der Wende errichteten Wolkenkratzer beschädigen würde.

Seit mittlerweile einem Jahrzehnt bemüht sich die rechtskonservative PiS-Regierung, die zuständigen Gemeinden davon zu überzeugen, Straßen, die an die Zeit des Kommunismus erinnern, umzubenennen. Da die Kommunen wenig Begeisterung zeigten und viele die Frist bis 13. September ignorierten, weil solche Änderungen neue Verkehrsschilder, Stadtpläne und Adressverzeichnisse erfordern, wurden die neuen Straßennamen nun per 1. Jänner angeordnet.

Auch Widerstandskämpfer betroffen

Die Säuberungskampagne trifft allerdings nicht nur Mitläufer des kommunistischen Regimes: Auch Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung, denen eine Nähe zu kommunistischem Gedankengut vorgeworfen wird, sind von der "Dekommunisierung" betroffen.

So heißt die nach der Widerstandsgruppe Armia Ludowa (dt.: Volksarmee) benannte Straße künftig wie viele andere Verkehrswege in Polen "Lech-Kaczyński-Straße", und so wurde der Name des kommunistischen jüdischen Aufständischen Józef Lewartowski in der nach ihm benannten Straße am Rand des ehemaligen Warschauer Ghettos durch den des Ghettokämpfers Marek Edelman ersetzt.

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Um etwas Vielfalt in die Umbenennung zu bringen, organisierte die Regierung einen Wettbewerb für Schulkinder: Wer nach Kommunisten benannte Straßen fand und einen Vorschlag für die Umbenennung machte, wurde ins Warschauer Parlament eingeladen.

In Danzig kam es zu Protesten, weil die nach Jarosław Dąbrowski benannte Straße künftig "Margaret-Thatcher-Straße" heißen soll. Dąbrowski kämpfte im 19. Jahrhundert in der polnischen Unabhängigkeitsbewegung gegen die russische Besatzung und war später in der Pariser Kommune aktiv.

Auch in der Industriestadt Kattowitz, die ebenfalls eine Kaczyński-Straße bekommt, gab es Widerstand gegen die Änderungen: So sei etwa die Umbenennung des bisher nach dem Schriftsteller und Parlamentsabgeordneten Wilhelm Szewczyk benannten Verkehrswegs ohne Rücksprache mit der Bevölkerung erfolgt, kritisierten die Demonstranten.

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Doch die Regierung will auch den Geschichtsunterricht an Polens Schulen auf ihre Linie bringen: Künftig solle dort "die richtige polnische Geschichte" gelehrt werden, erklärte Präsident Andrzej Duda, "in der wir sehen, wer ein Verräter war und wer ein Held".

In Warschau, wo 47 Straßen umbenannt wurden, hat die von der oppositionellen Bürgerplattform kontrollierte Stadtregierung angekündigt, alle Fälle vor Gericht bringen zu wollen. Da die polnische Justiz seit der PiS-Machtübernahme vor drei Jahren auf Regierungskurs gebracht wurde, dürften die Klagen aber erfolglos bleiben. (Bert Eder, 2.1.2017)

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