Von seinen bescheidenen Anfängen vor fast zehn Jahren hat sich Chrome zum Dominator im Web entwickelt.

Foto: Getty

Anfang der 2000er-Jahre war das Web an seinem absoluten Tiefpunkt angekommen: Microsoft hatte mit dem Internet Explorer praktisch die Alleinherrschaft in der Onlinewelt übernommen, andere Browser spielten zu diesem Zeitpunkt keine Rolle mehr. Wer damals das Web uneingeschränkt nutzen wollte, musste schon zum Internet Explorer 6 greifen.

Kehrtwende

Doch es folgte, was einst nur wenige für möglich hielten: Mit dem Firefox trat ein neuer Herausforderer auf die Bühne, der Microsoft nach und nach Marktanteile abknabbern konnte. Spätestens mit dem ersten Auftreten von Google Chrome im Herbst 2008 war dann die alles erstickende Dominanz des Internet Explorers endgültig gebrochen.

Zehn Jahre später werden nun aber Befürchtungen lauter, dass sich die Geschichte wiederholen könnte. Der Grund dafür: Immer mehr Webseiten werden spezifisch für Googles Chrome optimiert oder können gar nur mit diesem genutzt werden. So spricht denn auch "The Verge"-Autor Tom Warren in einem aktuellen Kommentar davon, dass Chrome der neue Internet Explorer 6 sei.

Zahlen

Und tatsächlich kann die wachsende Dominanz von Chrome Sorgen bereiten. Allen Bemühungen der Konkurrenz zum Trotz hat es der Google-Browser aktuell weltweit gesehen bereits auf mehr als 60 Prozent Marktanteil geschafft. Vor allem aber ist der Abstand zur Nummer zwei mittlerweile eklatant, hier liegen derzeit der Internet Explorer und Firefox mit rund 13 Prozent fast gleichauf. Und genau das ist es, was offenbar Webentwickler zum Teil dazu veranlasst, ihre Seiten nur mehr für den Chrome zu optimieren.

Besonders unerfreulich: Eines dieser Unternehmen ist Google selbst. Viele Webversionen neuer – oder neugestalteter – Services des Unternehmens funktionieren zunächst nur mit Chrome. Das war anfänglich beim Gmail-Client Inbox so oder auch bei der Webversion des Messengers Allo, Google Earth im Browser ist aktuell noch immer auf Chrome beschränkt – auch wenn das Unternehmen verspricht, am Support für andere Browser zu arbeiten. Dazu kommt, dass mittlerweile einige bekannte Dienste ihre Seiten als "optimiert für Chrome" ausweisen – allen voran Groupon oder Airbnb.

Unterschiede

Eine unerfreuliche Entwicklung – und doch scheint der Vergleich mit dem Internet Explorer 6 einigermaßen überzogen, blendet er doch viele Details der damaligen Entwicklung aus. So hatte Microsoft nach der Veröffentlichung des IE6 die Browserentwicklung weitgehend eingestellt, da man diesen ohnehin nur als Vehikel begriff, um die Nutzer bei Windows zu halten. Zudem setzte Microsoft auf zahlreiche proprietäre Entwicklungen, die dazu führten, dass sich der Internet Explorer oftmals nicht an offene Webstandards hielt, was es für Mitbewerber noch einmal schwieriger machte.

Im Gegensatz dazu verläuft die Weiterentwicklung des Webs derzeit so rasant wie nie zuvor. Vor allem aber: All diese Entwicklungen finden in Übereinstimmung – und Kooperation – aller wichtigen Browserhersteller statt.

Alleingänge der Vergangenheit

Genau genommen war die Zahl an technologischen Alleingängen oder gar proprietären Technologien noch nie so gering wie jetzt: Hatte Google einst den eigenen Native Client gepusht, wurde dieser nun zugunsten von WebAssembly aufgegeben. Dasselbe gilt für die eigenen Chrome Apps, die durch die browserübergreifenden Progressive Web Apps abgelöst werden sollen. Auch Adobes Flash spielt eine immer geringer werdende Rolle, und selbst bei Videocodecs scheinen sich die meisten Hersteller – mit Ausnahme von Apple – mittlerweile auf eine gemeinsame Richtung (AV1) geeinigt zu haben – noch dazu eine, die komplett freie Software ist.

Appell

An dem Problem, dass Webentwickler sich zunehmend weniger um Browser abseits von Chrome scheren, ändert all dies freilich nichts. Denn auch wenn die Unterschiede zwischen der Standard-Unterstützung einzelner Browser immer geringer werden, so verbleiben doch einzelne Spezifika, die bedeuten, dass man auch in Zukunft nicht darum herumkommen wird, seine Seite mit unterschiedlichsten Browsern zu testen. Insofern gilt es auch an die Webentwickler zu appellieren, sich einen Ratschlag des Chrome-Teams zu Herzen zu nehmen: Die dort beschäftigten Entwickler fordern nämlich mittlerweile zum Teil öffentlich dazu auf, keine Seiten nur für Chrome zu bauen. Jetzt müssten sie dieses Wissen nur mehr im eigenen Konzern verbreiten... (Andreas Proschofsky, 12.1.2018)