Mit dem Slogan "neue Chance für unsere Beziehungen" begrüßten chinesische Medien die Ankunft Emmanuel Macrons und seiner Ehefrau Brigitte in China.

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Bisher trippelte der braune Hengst bei offiziellen Anlässen zu Blasmusik über das Pariser Kopfsteinpflaster. Nun kam ihm die seltene Ehre zu, in Begleitung eines Veterinärs und eines Pflegers per Spezialflugzeug nach China zu fliegen: Vésuve ist ein Geschenk Emmanuel Macrons an den chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping. Der soll sich 2014 in Paris fasziniert von der berittenen Republikanergarde geäußert haben.

Macron revanchiert sich mit dem achtjährigen Wallach für den Panda, den China wiederum unlängst den Franzosen geliehen hat. China-Kenner in Paris verweisen auf den passenden Umstand, dass "Makelong" auf Mandarin so viel bedeute wie "das Pferd, das den Drachen besiegt". Die Art, wie sich Macron dem ehemaligen Kaiserreich nähert, ist allerdings rundum friedfertig. Seine "Pferde-Diplomatie" ist Teil seines Ansatzes, "mit allen zu reden", wie es der Staatschef ausdrückt. Und zwar unterschiedslos, ob es sich um eine "Freundin" wie die deutsche Kanzlerin Angela Merkel oder einen Despoten wie Syriens Präsidenten Bashar al-Assad handelt.

Paris und die Seidenstraße

Am Montag startete Macron seinen dreitägigen Besuch – seine erste als gewählter Präsident – mit dem Besuch der ehemaligen Kaiserstadt Xian. In der Hauptstadt Peking wird Macron am Dienstag von Xi mit militärischen Ehren empfangen. Anlässlich seiner China-Reise listen Pariser Blätter die jüngsten Menschenrechtsverstöße Pekings auf: die Verurteilung des Bloggers Wu Gang, die Inhaftierung des Tibeters Tashi Wangchuk, die Repressalien gegen die Frau von Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo. Macron weiß natürlich darum, und er beteuert auch, dass er die Dinge beim Namen nenne. Doch ihm geht es natürlich eher um die erwarteten Aufträge für den Flugzeugbauer Airbus, die zivile Atomindustrie oder die Supermarktkette Auchan. 50 Unternehmenschefs begleiteten Macron. Die Pariser Regierung signalisierte mit der Anfahrt über die Provinzmetropole ihr neu erwachtes Interesse, sich an Xis Seidenstraßen-Offensive aktiv mit konkreten Projekten zu beteiligen.

Die Seidenstraße dürfe keine Einbahnstraße sein, sagte Macron dann vor Akademikern und Geschäftsleuten in Xian, einem der Ausgangspunkte des ursprünglichen Handelsnetzes. Der amtlichen Webseite china.org.cn sagte Macron in einem Exklusivinterview: "Frankreich ist bereit, eine führende Rolle dabei zu spielen."

Mit seiner Seidenstraßen-Initiative will sich China über Handelskorridore und Infrastrukturinvestitionen mit 65 Ländern von Zentralasien bis nach Europa vernetzen. Doch viele Europäer zeigen sich über Pekings wachsenden Einfluss, den es etwa auf von seinen Investitionen immer abhängiger werdende Staaten wie Griechenland, Portugal oder die ost- und südosteuropäischen Länder ausübt, skeptisch bis alarmiert. Macron sieht das nicht als Problem, zumindest nicht mehr.

Seine neue Werbeoffensive um China können dessen Bürgerinnen und Bürger auch in Mandarin nachlesen. Auf Seite 198 seiner pünktlich für den Besuch ins Chinesische übersetzten Autobiografie "Revolution" formuliert Macron seine neue Haltung gegenüber der Volksrepublik.

"Chance statt Gefahr"

Noch vor einem Jahr hatte er im Amt als Wirtschaftsminister vor dem ökonomischen Einfall Chinas nach Europa gewarnt und die EU zur Verschärfung von Anti-Dumping-Regeln aufgefordert. Jetzt gilt als neue Devise, die er in seinem Buch beschreibt: "Wir müssen unsere Ansichten zu China ändern. Wenn wir unsere Vorurteile fallenlassen, neue Akzente setzen, wird uns China nicht als Gefahr erscheinen, sondern als eine Chance." Macron offeriert Zusammenarbeit auf allen Gebieten und erinnert dabei an Charles de Gaulle: "Frankreich war 1964 das erste westliche Land, das die Volksrepublik anerkannte. Das wird uns Chinas Führung niemals vergessen." Die "Global Times" griff den Vergleich am Montag auf: Macron hätte das Zeug, in die Fußstapfen de Gaulles zu steigen.

Peking erwartet sich viel vom ersten Staatsbesuch Macrons. Nachdem der Glanz der "goldenen Zeiten", die China mit London vor dem Brexit vereinbarte, zusehends abblättert und die zur Wunschpartnerin erklärte Angela Merkel innenpolitische Schwächen zeigt, kommt Macron als "Vertreter Europas" wie gerufen.

Frankreichs Spagat in China offenbart aber die zunehmende Hilflosigkeit der Europäer gegenüber der Wirtschaftsmacht, in die täglich 450 Millionen Euro aus der EU abfließen, wie die Brüsseler Kommission kürzlich errechnete. Da scheint es gar nicht so sicher, dass der Drache dem Pferd unterliegt. (Stefan Brändle aus Paris, Johnny Erling aus Peking, 8.1.2018)