Wien – In technischer Hinsicht gilt für den Ersten Weltkrieg: Mit dem Pferd hinein, mit dem Auto heraus. Geht es spezifisch um Österreich, hat die Regel eine Ausnahme: Das Habsburgerreich fuhr sozusagen mit wehenden Fahnen im Automobil in den Weltuntergang. Beim Attentat von Sarajewo saß Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand in einem Gräf-&-Stift-Doppel-Phaeton. Der Wagen stammte aus dem Privatbesitz von Oberstleutnant Graf Harrach und ist heute im Heeresgeschichtlichen Museum Wien zu besichtigen.

Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo (1914).
Foto: dpa

Kaiser Franz Joseph verfügte zu der Zeit über zwei Leibwagen, einen Austro Daimler und zusätzlich ein Gräf-&-Stift-Modell 28/32. Auch das Auto des letzten Kaisers, Karl, ein Gräf & Stift Typ 40/45, ist bestens dokumentiert, bis hin zum fünften Pedal, dem "Kracherl" für die Öffnung des Auspuffs zwecks Leistungssteigerung.

Der Wagen steht heute in der Kaiserlichen Wagenburg Schönbrunn, wohin er 2001 in einem Festakt heimkehrte. Um 210.000 Schweizer Franken hatten ÖAF, Gräf & Stift und MAN ihn ersteigert, zurück auf heimischem Boden flossen weitere 1,6 Millionen Schilling in die Restaurierung.

Kaiser Karl beim Frontbesuch (1917).
Foto: Verein zur Förderung der historischen Fahrzeuge der Österreichischen Automobilfabriken

Ein Lichtbild zeigt Kaiser Karl darin 1917 beim Frontbesuch, eine berührende Episode überliefert Anton Kuh im "letzten Hofauto", sie spielt eine Woche vor Karls Abdankung und Victor Adlers Tod, nachzulesen in Kuhs Österreichischem Lesebuch.

Und dann ist das Wissen um die Politiker-Mobilisierung in Österreich schlagartig perdu, "Kaiser fährt ab, Kanzler fährt vor" hat da eine bedauernswerte dokumentarische Schieflage. Das mag zusammenhängen mit dem minderen Glamourfaktor der Demokratie, weniger mit dem (uninteressanteren) technischen Objekt.

Macron in der DS7.
Foto: DS

Am Beispiel der Queen zeigt sich: Jeder Bentley oder Rolls-Royce, der im Fuhrpark des britischen Königshauses landet, findet global Medienecho. Dagegen verblassen selbst Frankreichs Präsident Macron und seine Inaugurationsfahrt im DS7 oder Sebastian Kurz und das Geilomobil. Für das Phänomen insgesamt gilt natürlich das Verdikt von Karl Kraus: Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten.

Sebastian Kurz am Geilomobil.
Foto: JVP Wien

Wie eingangs angedeutet, vollzieht sich in den Jahren nach dem Krieg parallel zur Politik auch eine "Demokratisierung" des Automobils. Bis zur Massenmobilität ist es zwar noch ein Weilchen hin, verbrennungsmotorisch betriebene Gerätschaft wird nun aber vom elitären zum Alltagsphänomen. Die weltweite Autoproduktion liegt 1900 bei 9500 Stück, 1915 ist es schon eine Million, und in den 20ern geht's auf die zehn Mille zu.

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Verladung der Akten des Vertrags von Saint-Germain in Karl Renners Auto in Paris (1919).
Foto: Picturedesk

Wo waren wir? Anfänge der Republik Österreich. Bei der schnellen Suche fällt uns ein Bild in die Hände, das den Sozialdemokraten Karl Renner am 2. September 1919 in Paris zeigt. Die Szene dokumentiert die Verpackung der Akten von Saint-Germain unter Aufsicht alliierter Offiziere in das Auto von Staatskanzler Renner vor dem Eingang des Hotels Henri IV. "Le reste c'est l'Autriche", hatte der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau höhnisch verfügt – "Der Rest ist Österreich". Man sieht hier also quasi live, wie Österreich der Rest gegeben wird.

Fiat und Renner

Am 10. September 1919 signierte Renner als Leiter der deutschösterreichischen Delegation gedemütigt den Vertrag, am 21. Oktober wurde dieser von der konstituierenden Nationalversammlung ratifiziert. Beim Auto handelt es sich wohl um einen Fiat Baujahr 1915.

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Karl Renner 1945.
Foto: Picturedesk

Renner begegnen wir auch nach dem nächsten Desaster, im Kontext mit den Nationalratswahlen vom 25. November '45 (Ergebnis: Figls Dreiparteienkabinett) – er war zunächst auf Initiative Stalins zur Bildung einer provisorischen Regierung "eingeladen" worden, am 20. 12. wählte ihn die Bundesversammlung zum ersten Bundespräsidenten der Zweiten Republik.

Der spätere Kaiser Karl bei der Alpenfahrt (1912).
Foto: Archiv Martin Pfundner

Der Sowjetdiktator war Packard-Fan, 1936 hatte er einen von Kumpel F. D. Roosevelt geschenkt bekommen, und gemäß dem von C. G. Jung entdeckten Phänomen der Synchronizität ist das Auto, in dem wir Renner sehen, ebenfalls ein Fahrzeug des US-Herstellers mit der Schwanen-Kühlerfigur, vermutetes Baujahr: 1937/38.

Rückkehr des Kaiserautos (2001).
Foto: APA

Aus den 1920er-Jahren fanden wir noch ein Bild mit Ignaz Seipel (Bundeskanzler 1922-1924 und 1926-1929) und Wilhelm Miklas (Bundespräsident 1928-1938; beide von der Christlichsozialen Partei) auf einer Bergstraße – das Fahrzeug ist ein Mathis, eine längst untergegangene Automarke aus Straßburg. (Andreas Stockinger, 14.1.2018)

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Seipel und Miklas (1920er-Jahre).
Foto: Picturedesk