Korea-Experte: "In Washington ist man ein wenig nervös"

Nordkorea-Experte Rüdiger Frank über die Annäherung zwischen Süd- und Nordkorea, internationale Vermittlung und Donald Trumps Image in Südostasien

Bert Eder

168 Postings

Cheerleadertruppe in Pjöngjang.

Foto: AP /Wong Maye-E

Das nordkoreanische Eiskunstläuferpaar Ryom Tae Ok und Kim Ju Sik soll an den Olympischen Spielen teilnehmen.

Foto: AP/Matthias Schrader

STANDARD: Was erfahren politisch interessierte Nordkoreaner über Donald Trump?

Frank: Paradoxerweise weniger als wir im Westen. Das hat schon allein damit zu tun, dass in Nordkorea wegen des nicht vorhandenen Internets kaum jemand seine Tweets lesen kann. Amerikanische Präsidenten schätzt man dort sowieso nicht sehr, grundsätzlich. Aber es ist gut möglich, dass er in Nordkorea weniger unpopulär ist als in Österreich.

STANDARD: Die Verhandlungen an der Demarkationslinie wurden unterbrochen, weil die beiden Delegationen getrennt zu Mittag essen wollten. Warum kein gemeinsamer Imbiss mit Fototermin?

Frank: Vermutlich wollte man die Mittagspause nutzen, um interne Rücksprachen mit den jeweiligen Chefs zu führen. Die Verhandlungsführer sind ja nicht die eigentlichen Entscheidungsträger.

STANDARD: Südkoreas Wiedervereinigungsminister Chun Hae-Sung hat am Rande der Verhandlungen in Panmunjom vorgeschlagen, Athleten aus dem Norden und dem Süden könnten gemeinsam die Spiele eröffnen. Zuletzt war dies 2007 bei den Asiatischen Winterspielen in China der Fall, seit im Süden konservative Regierungen an der Macht sind, hat es das nicht mehr gegeben. Erleben wir eine Renaissance der "Sonnenscheinpolitik"? Warum diese plötzliche Gesprächsbereitschaft?

Frank: Wir sehen eine Wiederholung von Gesten, die letztlich nicht viel mehr als das sind: Symbole. Wenn es an die Substanz geht, also das Ende der Militärmanöver und einen Abzug der Amerikaner einerseits oder ein Ende des nordkoreanischen Atomprogramms andererseits, da ist auf beiden Seiten kaum Flexibilität vorhanden. Daran können auch die schönsten Bilder nichts ändern.

STANDARD: Russland hat die neuen Gespräche begrüßt und den olympischen Frieden im antiken Griechenland ins Spiel gebracht. Wie sehen Sie die Hoffnung auf internationale Vermittlung?

Frank: Die Russen sind nicht sehr froh über die amerikanische Militärpräsenz in der Region. Wenn es Nordkorea schafft, die Manöver zu verschieben oder gar ausfallen zu lassen, dann ist das im Interesse Moskaus, das übrigens auch andernorts – siehe Ukraine und Baltikum – solche Manöver ungern sieht. Korea ist niemals nur Selbstzweck. Eine Vermittlung durch Moskau wäre denkbar, aber sie wäre nicht uneigennützig. Entsprechend wenig werden die USA darauf eingehen.

STANDARD: US-Experten wie Harry J. Kazianis, Director of Defense Studies am Center for the National Interest, befürchteten noch vor einer Woche Cyberattacken des Nordens während der Spiele: Teilen Sie angesichts der heutigen Nachrichten diese Befürchtungen bzw. halten Sie einen Atom- oder Raketentest während der Spiele für möglich?

Frank: Natürlich ist das möglich. Die Gespräche müssen nur in einer Sackgasse enden, und das kann schnell passieren. Das können dann beide Seiten als Schuld der jeweiligen Gegenseite interpretieren und als Rechtfertigung für eine "angemessene Reaktion" interpretieren. Südkorea wird jedoch nichts machen, solange die Spiele nicht vorbei sind. Also bleibt Nordkorea, das entsprechend zuvorkommend behandelt werden wird. Seoul will auf keinen Fall einen Vorwand für Zwischenfälle liefern, und das weiß man in Pjöngjang sehr genau. Eine vorteilhafte Situation für Kim Jong-un, zumindest im Moment.

STANDARD: Laut US-Botschaft in Seoul sind heute die US-Botschafter aus Japan und China dort eingetroffen – besteht Hoffnung auf Verhandlungen unter US-Beteiligung?

Frank: Ich bin mir sicher, dass man in Washington ein wenig nervös ist. Man weiß, unter welchem Druck Südkorea steht, und ist besorgt, dass Nordkorea das ausnutzt und Ergebnisse durchsetzt, die der amerikanischen und japanischen Linie entgegenstehen. China wartet ab, will aber informiert sein. Es kann auch gut sein, dass die Amerikaner versuchen werden, die Gespräche zu übernehmen oder zu torpedieren, wenn sie sich zu weit von Sport und Familienzusammenführung entfernen.

STANDARD: Nordkoreas Cheerleadertruppe hat es im Süden zu einiger Berühmtheit gebracht. Ist bekannt, wie der Auswahlprozess für solche Auslandseinsätze abläuft? Es gibt ja kaum Deserteure unter den Sportlern, die ins Ausland dürfen.

Frank: Die Mitglieder sind in der Regel aus der oberen Mittelschicht und damit grundsätzlich als vertrauenswürdig eingestuft. Und da ihre Familien immer als De-facto-Geiseln in Nordkorea bleiben, sind spektakuläre Fluchtversuche eher unwahrscheinlich. (Bert Eder, 9.1.2018)