Foto: AP/US Navy

Seit 50 Jahren ankerte das Spionageschiff USS Pueblo in verschiedenen nordkoreanischen Häfen. Die Aufbringung des offiziell "Ager-2" ("Auxiliary General Environmental Research") benannten Fahrzeugs durch die nordkoreanische Marine und die elfmonatige Geiselhaft der 82-köpfigen Besatzung 1968 lösten eine Krise zwischen Washington und Pjöngjang aus, die fast in einem bewaffneten Konflikt geendet hätte.

Die 1944 gebaute USS Pueblo war eigentlich als Frachtschiff ausgelegt und wurde in den 1960er-Jahren für den Geheimdienst NSA umgebaut. Für den Einsatz vor der Küste Nordkoreas wurde sie mit zwei Browning-Maschinengewehren aus Armeebeständen nachgerüstet, die allerdings abgedeckt werden mussten, um keinen Verdacht zu erregen.

Der Wunsch Kapitän Lloyd Mark Buchers, angesichts der zahlreichen Codebücher und geheimen Landkarten an Bord einen Aktenvernichter zu installieren, wurde aus Budget- und Zeitgründen abgelehnt.

Das Schiff war mit damals hochmodernen Kommunikations- und Abhörsystemen ausgestattet.
Foto: AP/Eric Talmadge

Am 23. Jänner 1968 kreuzte die Pueblo vor der nordkoreanischen Hafenstadt Wonsan, um Nordkoreas Radar- und Funksysteme auszuspionieren. Auf dem Festland hatten zwei Tage zuvor 31 nordkoreanische Elitesoldaten erfolglos versucht, Südkoreas Präsidenten Park Chung-hee in seiner Residenz zu ermorden. Die Besatzung der Pueblo wurde allerdings nicht über diese Eskalation des Konflikts informiert. Da die UdSSR und die USA einander seit Jahren von internationalen Gewässern aus bespitzelten, ohne dass es zu Zwischenfällen gekommen wäre, ging man von keiner besonderen Gefährdung aus.

Als sich ein nordkoreanischer U-Boot-Zerstörer näherte und der Pueblo signalisierte, dass die Besatzung deren Herkunftsland bekanntgeben soll, wurde die US-Flagge gehisst. Bei der darauffolgenden Verfolgungsjagd hatten die Amerikaner keine Chance gegen das besser motorisierte nordkoreanische Boot, das später von drei Torpedobooten und zwei Mig-21-Kampfflugzeugen unterstützt wurde.

ABC-Fernsehbericht über die USS Pueblo.
KD

Kapitän Buchers Bitte um Luftunterstützung war erfolglos: Zwar kreuzte der atomgetriebene Flugzeugträger Enterprise in 940 Kilometern Entfernung und verfolgte über Funk das Geschehen, die vier einsatzbereiten F4-Kampfflugzeuge waren allerdings nur für den Luftkampf ausgerüstet, sie für Einsätze gegen Bodenziele zu beladen hätte mehrere Stunden gedauert.

Erst am 26. Jänner fand man die Pueblo auf Bildern eines Aufklärungsflugzeugs, das zwei Tage zuvor in großer Höhe Nordkorea überflogen hatte.
Foto: public domain

Mehr als zwei Stunden gelang es der Pueblo durch riskante Manöver zu verhindern, dass die Nordkoreaner an Bord gingen, während die Mannschaft Dokumente verbrannte. Als die Verfolger jedoch mit einem Artilleriegeschütz das Schiff trafen und einen Matrosen tödlich verletzten, gab Kapitän Bucher auf. Er und die Mannschaft wurden gefangen genommen und an Land gebracht.

In Washington läuteten die Alarmglocken: Präsident Lyndon B. Johnson ließ Vorschläge ausarbeiten, die von einem Kommandoeinsatz zur Befreiung der Pueblo-Besatzung bis zum Abwurf von Atombomben auf Nordkorea reichten, die Zeitung "The San Diego Union-Tribune" zählte auf ihrer Titelseite die Tage, die die Besatzung in Gefangenschaft verbracht hatte, und Autoaufkleber erinnerten an das verlorene Schiff.

Die Nordkoreaner versuchten, ihren Fang propagandistisch auszuschlachten. Fotos der Gefangenen wurden westlichen Medien zugespielt, um zu belegen, dass diese bei guter Gesundheit seien.

Für diesen nordkoreanischen Propagandafilm mussten die Matrosen ihre Gefangennahme nachspielen.
sas0875

Die Gefangenen machten sich zu Anfang einen Spaß daraus, vor der Kamera den Mittelfinger in die Höhe zu strecken. Ihren Bewachern erklärten sie, die Geste sei auf Hawaii gebräuchlich, um einander Glück zu wünschen.

Unbestätigten Meldungen zufolge hatten die Matrosen bei der Vorführung nordkoreanischer Propagandafilme über den Besuch eines Fußballteams in London und die Übergabe des Leichnams eines US-Amerikaners bemerkt, dass in beiden Streifen westliche Ausländer zu sehen waren, die einen Finger hochstreckten: die Bedeutung war den Nordkoreanern offenbar unbekannt.

Der dritte Gefangene von links in der vorderen Reihe zeigt den "hawaiianischen Glückwunsch".
Foto: AP Photo/US Navy

Erst als eine Bildunterschrift im "Time Magazine" andeutete, dass es sich um eine obszöne Geste handle, durchschauten die Bewacher das Spiel und bestraften die Mannschaft.

Insgesamt verbrachten die Männer 355 Tage in Gefangenschaft. Ohne ein umfassendes Geständnis, signalisierten die Nordkoreaner, sei an eine Freilassung nicht zu denken – und die USS Pueblo selbst sei eine Kriegstrophäe und könne deswegen nicht zurückgegeben werden. Das Schiff liegt noch heute in der Hauptstadt Pjöngjang am Kai und wird Touristen- und Schülergruppen gezeigt.

Der Kapitän der Pueblo, Lloyd Mark Bucher, entschloss sich nach einer Scheinhinrichtung und der Drohung, man werde seine Mannschaft vor seinen Augen töten, dazu, ein Geständnis zu verfassen.

Die Nordkoreaner bestanden auf einer handschriftlichen Version, um jegliche Zweifel an der Echtheit des Dokuments auszuschließen. Außerdem musste er sein Geständnis vom Blatt ablesen, dies wurde auf Band aufgezeichnet. Bucher schaffte es, die Formulierungen "we paean the DPRK" (Nordkorea) und "we paean their great leader Kim Il Sung" in das Dokument aufzunehmen, ohne dass seinen offenbar wenig sprachkundigen Bewachern auffiel, dass der Begriff, der sich in keinem Wörterbuch findet, als "pee on" ("pissen auf") ausgesprochen wird.

Eine Aufnahme des "Geständnisses". Das imaginäre Wort "paean" taucht zum ersten Mal bei Sekunde 26 auf.

Nachdem sich auch ein Vertreter der US-Regierung offiziell bei den Nordkoreanern entschuldigt hatte, kamen die Männer frei. In den USA wurde Kapitän Bucher vor ein Kriegsgericht gestellt, das ihm allerdings keine Schuld nachweisen konnte.

Am Dienstag meldete CNN, dass über 100 Besatzungsmitglieder und deren Angehörige vor einem US-Gericht Klage gegen Nordkorea eingebracht haben: sie wollen über 600 Millionen Dollar Entschädigung für die Zeit, die sie in Gefangenschaft verbrachten. Dass Pjöngjang auf die Vorwürfe reagiert ist unwahrscheinlich, eine Verurteilung Nordkoreas könnte den Klägern aber Ansprüche auf Unterstützung aus einem US-Fonds für Opfer von Terrorismus sichern. (Bert Eder, 9.2.2018)