Elon Musk hatte bereits viele Ideen und Träume. Seine Kritiker sagen ihm mehr Ankündigungen als Taten nach.

Foto: AP / Stephan Savoia

Washington – Für Elon Musk stand viel auf dem Spiel, als am Dienstag die Falcon Heavy in Florida von der Startrampe abheben sollte. Mit der Rakete will er vergessen lassen, was zuletzt alles an seinem Image kratzte, allem voran die ernüchternden Zahlen, mit denen der Autobauer Tesla aufwartete. Noch im Juli hatte Musk optimistisch verkündet, bis Dezember rund zwanzigtausend Model-3-Limousinen ausliefern zu wollen: jene Elektroautos, die Tesla den Weg in die Massenproduktion ebnen sollen. Tatsächlich waren es dann im vierten Jahresquartal gerade mal 2.425 – ein Klacks, wenn man es mit der Lawine an Vorbestellungen vergleicht.

Da war sie wieder, die Kluft zwischen luftigen Ankündigungen und eher mageren Ergebnissen. Da war Musk in den Augen seiner Kritiker wieder der Sprücheklopfer, der seine Visionen mit maximalem PR-Effekt an die große Glocke hängt, aber nur selten hält, was er verspricht. Mal träumt er von Kolonien auf dem Mars, mal von Vakuumröhren, durch die Züge in weniger als dreißig Minuten von Los Angeles nach San Francisco rasen. Alles nur Hype? Oder wichtige Denkanstöße eines Genies? Big Picture statt kleiner Karos?

Rakete als Handlungsbeweis

Schon um den Vorwurf der Schaumschlägerei zu entkräften, hängt jedenfalls umso mehr an seiner Rakete. Seit dem Apollo-Programm mit seinen Mondflügen hat Cape Canaveral keine mächtigere mehr gesehen. Zwar kann es auch die Falcon Heavy von der Größe her nicht mit der Saturn V aufnehmen, die einst die Mondastronauten ins All brachte. Doch sie kann fast dreimal mehr an Ladung aufnehmen als die Falcon 9, ihre Vorgängerin: siebzig Tonnen. "Ich liebe diese Rakete so sehr", schrieb Musk neulich in einem Tweet.

Musk hat weder Aeronautik studiert, noch hat er je die Erde in einem Raumschiff umkreist oder in einer Kommandozentrale der Nasa gesessen. Dass er Autodidakt ist, gibt er ohne Umschweife zu. Allerdings, fügt er bisweilen hinzu, ein Autodidakt mit Physikdiplom. Seit er als Kind im südafrikanischen Pretoria Science-Fiction-Romane verschlang, ist er besessen von der Erforschung des Universums.

Die Falcon Heavy hob am Dienstag ab und soll nach dem erfolgreichen Start auch Satelliten in den Weltraum entsenden können.
Foto: REUTERS/Skipper

Mit 17 wanderte er aus in die kanadische Heimat seiner Mutter, und von dort zog es ihn bald in die USA. An der prestigeträchtigen Universität Stanford brach er ein Studium ab, weil die Dotcom-Revolution rief. 1995 gründete Musk ein Unternehmen namens Zip 2, spezialisiert auf eine Mischung aus digitalen Landkarten und Gelben Seiten. Als er es verkaufte, steckte er den Millionenerlös in sein nächstes Start-up, einen Onlinebezahldienst. Als dann Paypal für 1,5 Milliarden Dollar an das Auktionshaus Ebay ging, hatte Musk finanziell gesehen den Sprung in die Spitzenliga des Silicon Valley geschafft. Den plötzlichen Reichtum nutzte er, um seiner eigentlichen Leidenschaft zu frönen, dem Bau von Weltraumraketen. 100 Millionen Dollar zweigte er als Startkapital ab, um die Space Exploration Technologies Corporation zu gründen, kurz: Space X.

Der Selbstbauer

Mit welchem Eifer er sich dem Kapitel widmete, bevor seine Ideen Gestalt annahmen, hat Kevin Hartz, einer der ersten Investoren bei Paypal, einmal anhand einer Episode aus einem Hard Rock Café geschildert. "Wir lungerten ein bisschen herum, und da war Elon, vertieft in ein obskures sowjetisches Raketenhandbuch, dessen Seiten nach Schimmel rochen und das aussah, als hätte er es sich bei Ebay besorgt."

Musk, schreibt wiederum dessen Biograf Ashlee Vance, habe mit kühlem Kalkül eine Marktlücke erkannt. Die Etablierten hätten zu teure Produkte angeboten, "sie bauten für jeden Start einen Ferrari, wo es auch ein Honda getan hätte". Musk wollte das ändern. In Hawthorne im Ballungsraum von Los Angeles gründete er eine Fabrik, die auf dem Prinzip beruht, selber herzustellen, was sich selber herstellen lässt. Möglichst billig. Anfangs ging alles schief. Beim ersten Versuch im März 2006 versagte nach nur 34 Sekunden das Triebwerk der Falcon 1. Auch der zweite Versuch schlug fehl. Beim dritten trennten sich die erste und zweite Stufe nicht wie geplant, sodass der Flug in einem Feuerball endete. Erst beim vierten Anlauf wurde der Leidenschaftliche für seine Ausdauer belohnt.

Wäre auch dieser gescheitert, verriet Musk später dem Fernsehmagazin "60 Minutes", hätte er aufgeben müssen, für einen fünften Versuch hätte ihm das Geld gefehlt. Vance hat es anders beschrieben. In seinem Buch zitiert er Musk mit den Worten, seine Mentalität sei die eines Samurai. Er würde sich eher ins Schwert stürzen, als ein Scheitern einzugestehen. (Frank Herrmann, 6.2.2018)