Lokalpolitikerin Elaine Pantling aus Leicester schlüpft in ein zeitgenössisches Kostüm und mimt die Suffragette Alice Hawkins.

Foto: REUTERS/Darren Staples

Helen Pankhurst (re.), Urenkelin der legendären Suffragette Emmeline Pankhurst, und ihre Tochter Helen.

Foto: AFP / Andrew Cowie

Ein reines Geschichtsbuch wollte Helen Pankhurst nicht schreiben. Als Trägerin eines großen Namens fühlt sich die Spezialistin für Entwicklungshilfe dem Anliegen ihrer Vorfahrinnen verpflichtet: Urgroßmutter Emmeline und Großmutter Sylvia Pankhurst trugen maßgeblich zur Durchsetzung des Frauenwahlrechts auf der Insel bei.

Und so ist auch das pünktlich zum 100. Jahrestag des entsprechenden Gesetzes erschienene Buch "Deeds Not Words" ("Taten statt Worte") mindestens so sehr ein Aufruf zu weiteren Kampagnen wie auch ein herkömmliches Sachbuch geworden. Den Titel hat sich die Autorin (53) bei ihren Vorfahrinnen ausgeborgt: Der Slogan beschrieb die Militanz der sogenannten "suffragettes", die mit gewalttätigen Aktionen auf ihr Anliegen aufmerksam machten, dafür eingesperrt, zwangsernährt und sogar getötet wurden.

Zweite Premierministerin

Nach Manchester, wo die Pankhursts einst ihre Kampagne planten, reist am heutigen Jahrestag – dem 6. Februar – die britische Premierministerin Theresa May, lebendes Symbol dafür, wie weit Frauen es in Großbritannien heute gebracht haben. Nach Margaret Thatcher (1979 bis 1990) ist May bereits die zweite Konservative in diesem Amt. Ausdrücklich spricht Helen Pankhurst von der Amtsinhaberin (61) als "Feministin": May hat sich, ganz anders als Thatcher, konsequent für ihre Geschlechtsgenossinnen eingesetzt und dazu beigetragen, dass Frauen mittlerweile 208 der 650 Unterhausabgeordneten (32 Prozent) stellen.

Freilich ist dies stärker der Labour Party zu verdanken als den Tories; ganz an die Spitze der größten Oppositionspartei haben es Frauen – abgesehen von Übergangsphasen – bisher aber nicht geschafft. Andere Institutionen haben sich ebenso zögerlich für die Bevölkerungsmehrheit geöffnet. Speaker des Unterhauses war bis zum Jahr 2000 acht Jahre lang Betty Boothroyd; dem britischen Supreme Court steht seit vergangenem Herbst Brenda Hale vor, die anglikanische Staatskirche verfügt seit 2015 über Bischöfinnen wie Rachel Treweek, die von Amts wegen auch Mitglieder des Oberhauses sind.

Jahrzehntelanger Kampf um Rechte

Sie alle stehen auf den Schultern jener Frauen, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts auf ihre Rechte pochten. Mehr als 50 Jahre lang dauerte der Kampf britischer Feministinnen für das Recht, ihre Parlamentarier mitzubestimmen. Tausende von Petitionen blieben unbeantwortet, im Gegenteil: Vom britischen Establishment, an deren Spitze mit Königin Victoria (1837 bis 1901) immerhin eine Frau stand, mussten sich die Aktivistinnen als "Geisteskranke und Kriminelle" beschimpfen lassen.

Daraus zogen unterschiedliche Gruppen unterschiedliche Konsequenzen: Während sich die Suffragetten der direkten Aktion verschrieben, blieben die Suffragisten bei gewaltlosen Kampagnen. Eines aber verband sämtliche Schattierungen von Frauenrechtlerinnen, weiß Pankhurst: "Sie waren sehr geschickt im Marketing und wussten die Medien für sich einzuspannen."

Zynisches Wahlkalül

Dass es im Mutterland des britischen Empire so lang dauerte, während Exkolonien wie Kanada und Australien längst Frauen an die Wahlurne ließen, war auch einem zynischen Wahlkalkül geschuldet. Die liberale Partei widerstand lange Zeit allen Reformen aus Angst, an Bedeutung zu verlieren.

Umgekehrt mauserten sich die zunächst skeptischen Konservativen zu Befürwortern des Frauenwahlrechts. Beide Seiten behielten recht: Britinnen haben über die Jahre stärker für die politische Rechte votiert als Briten. 1930 zählten mehr als eine Million Frauen zu den Mitgliedern der Tories; hochtoupierte ältere Damen mit klaren Ansichten ("the blue-rinse brigade") zählen bis heute zu den Stützen der Regierungspartei.

Späte Wende zu Ende des Weltkriegs

Die Wende brachte der Erste Weltkrieg: Endlich sah das Establishment ein, dass es riesigen Bevölkerungsgruppen nicht länger die Bestimmung versagen konnte. Und so erhielten am 6. Februar 1918 nicht nur alle Männer über 21 Jahre das Stimmrecht, sondern auch Frauen mit Grundbesitz über 30 Jahre – damals rund 40 Prozent der weiblichen Bevölkerung. 1919 zog erstmals eine Frau ins Unterhaus ein. Erst neun Jahre später wurden die Geschlechter endgültig gleichgestellt – jedenfalls was das Wahlrecht angeht.

Zu tun bleibt genug, wie sich anlässlich der "MeToo"-Kampagne herausgestellt hat. Ob sie der vorhergegangenen Feministengeneration danken und sie doch eher zum Teufel wünschen würde, wurde Helen Pankhurst kürzlich gefragt. "Beides", antwortet die schmale Frau und lächelt: "Jetzt müssen die Jüngeren ran." (Sebastian Borger, 6.2.2018)