"Beeile dich nicht, sonst versäumst du alles!" Peter Mayle

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Als es der Autor in der Region bereits zu bescheidenem Ruhm gebracht hatte, zogen seine Frau Jennie und er von Ménerbes auf der Nordseite des Luberon hierher, denn drüben hatten sie immer wieder ungebetene Besucher.

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In Lourmarin sind Dienstag und Freitag Markttage, an denen die lokalen Produzenten ihre Lebensmittel verkaufen.

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Der Brite Peter Mayle hatte sich vor sechs Jahren sein eigenes Stück Provence auf elf Hektar gesichert.

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Irgendwo auf der Landstraße von Lourmarin nach Vaugines zweigt ein Privatweg ab. Man fährt eine Weile durch ein Wäldchen bergab, kommt zu einer Wiese und hält vor einem großen Haus plus Nebengebäude im provenzalischen Stil mit Fensterläden und Ziegeldach. Hier lebte Peter Mayle, Autor des Bestsellers "Mein Jahr in der Provence", der im Jänner 78-jährig verstorben ist.

Der Brite hatte sich vor sechs Jahren sein eigenes Stück Provence auf elf Hektar gesichert und erfreute sich der Isolation: "Wir haben hier keine Nachbarn, keine Häuser ringsum. Dafür kommen uns Wildschweine besuchen und trinken Wasser aus dem Teich", erzählte er bei dem Besuch wenige Wochen vor seinem Tod. Tatsächlich blickt man in ein Tal voller Wälder, das in der Ferne, Richtung Aix-en-Provence, von einer Hügelkette abgeschlossen wird.

Mayle, der in England zuvor als Werbefachmann gearbeitet hat, liebte diese abgeschiedenen Mulde. Als er es in der Region bereits zu bescheidenem Ruhm gebracht hatte, zogen seine Frau Jennie und er von Ménerbes auf der Nordseite des Luberon hierher, denn drüben hatten sie immer wieder ungebetene Besucher: "Wildfremde Menschen läuteten an und riefen: 'Da sind Sie ja!'"

Eine Liebesgeschichte

Das 1989 erschienene Buch "Mein Jahr in der Provence" ist ein amüsanter Reise- und Erlebnisbericht über das erste Jahr, das die Mayles in der Provence verbrachten: was sie alles mit den Handwerkern und den Nachbarn mitmachen mussten, wie sie mit dem Mistral und dem lokalen Essen zurechtkamen. Das Buch erreichte eine Millionenauflage und wurde in viele Sprachen übersetzt. Mayles Roman "Ein guter Jahrgang", in dem es um eine Liebesgeschichte in der Midlifecrisis geht, wurde auch ein Bestseller. Ridley Scott verfilmte den Stoff 2006 mit Russell Crowe und Marion Cotillard in den Hauptrollen. "Mein Jahr in der Provence" verschaffte nicht nur dem Autor größere Bekanntheit, sondern auch dem Luberon.

Der Luberon ist ein nördlich von Marseille und südöstlich von Avignon gelegener, mit Eichen- und Pinienwäldern bedeckter Gebirgszug und Naturpark. Zwischen die höchsten Erhebungen hat der Fluss Aigue in beharrlicher Kleinarbeit ein Tal hineingeschlagen. Wie kam Peter Mayle auf diese Gegend? "Wir lebten davor in Devon. Wunderschön, aber das Wetter! Wenn es heute nicht regnet, tut es das bestimmt morgen! In der Provence hatten wir diesen Sommer zwei, drei Monate lang keinen einzigen Regentag." Und der Mistral, über den Mayle schreibt, dass er Mensch und Tier verrückt mache und bei Gewaltverbrechen als mildernder Umstand anerkannt werde? "Der Mistral fegt vom Rhônetal südwärts und biegt förmlich in den Luberon ab. Er kann einen ganz schön 'fada' machen." Fada ist okzitanisch für gaga. "Aber er wäscht den Himmel rein und macht das Licht noch intensiver."

Alltagsbeobachtungen

Mayle liebte die Märkte des Luberon. In Lourmarin sind Dienstag und Freitag Markttage, an denen die lokalen Produzenten ihre Lebensmittel verkaufen. "Ich bin ein genauer Beobachter menschlichen Verhaltens. Wenn ich eine Stunde über einen Markt schlendere oder im Café herumsitze, garantiere ich Ihnen, dass mir Dinge auffallen, die mich zum Schreiben bringen", sagte Mayle über seine Begabung, mit Alltagsbeobachtungen zu unterhalten. Albert Camus hatte gewiss andere Fähigkeiten.

Der Literaturnobelpreisträger von 1957 ließ sich lange vor Mayle in Lourmarin nieder. Vom Preisgeld kaufte sich der Schriftsteller und Philosoph im selben Jahr ein Haus und verbrachte dort so viel Zeit wie möglich. Die Association Camus vor Ort pflegt bis heute sein Erbe durch Konferenzen, Ausstellungen und Lesungen. In Camus' Wohnhaus lebt seine Tochter Catherine, es ist nicht öffentlich zugänglich. Cathy Mifsud, Fremdenführerin in Lourmarin, erzählt: "Er liebte das einfache Leben. Er machte morgendliche Runden, ging zur Post, kaufte sich seine Gauloises. Die Pariser Kulturschickeria ging ihm auf die Nerven. Da sah er lieber dem Dorfschmied bei der Arbeit zu und unterhielt sich mit ihm. Oder schaute sich im Café die Fußballspiele an, er war ein großer Kenner. Spieler des örtlichen Vereins trugen beim Begräbnis seinen Sarg." Auf dem zypressenbestandenen Friedhof befindet sich Camus' Grab.

Die Gemeinde mit nur rund 1.100 Einwohnern zieht immer wieder Künstler an. "Wir haben hier nicht weniger als 16 Galerien", sagt Guillaume Toutain, der so wie Mayle früher in der Werbung tätig war. Er zog von Paris her, betreibt eine Frühstückspension am Ortsrand, und jedes Jahr im Oktober organisiert er das Festival Lourmarin des Arts. "Es ist vor allem eine kleine Leistungsschau der Künstler, die in der Region leben und arbeiten. Einige fahren natürlich auf der Tourismusschiene und machen irgendetwas aus Lavendel, aber beileibe nicht alle. Es gibt auch urbane Street-Art, Performances und Art brut."

Schmerzende Leere

Wie Peter Mayle ist auch Guillaume Toutain wegen des vorteilhaften Klimas gekommen: "Wenn die Sonne einmal nicht scheint, hat der Provenzale ein Problem", sagt er. "Das Blau des Himmels ist hier so dicht und optimistisch! Mein Vater stammt aus der Normandie, wo sich alle Augenblicke dramatische Wolkenformationen abwechseln, und wenn er mich besucht, sagt er immer: 'Diese Leere schmerzt. Wie hält man das aus?'"

Auch historisch hat Lourmarin eine Tradition als Rückzugsort, wie der aus Hannover stammende Horst Deuker ausführt, der früher der Ortspfarrer war: "Ab Mitte des 14. Jahrhunderts herrschte in diesem Landstrich für hundert Jahre eine kleine Eiszeit – um die Mitte des 15. Jahrhunderts war der Luberon eine entvölkerte Gegend. Der hiesige Grundherr, der Baron de la Tour d'Aigue, siedelte daher 10.000 Waldenser hier an."

Morgen reicht auch

Die Waldenser lebten nach urchristlichen Prinzipien, was sie in Konflikt mit der katholischen Kirche brachte. In abgelegenen Gebieten wie dem Luberon hingegen waren sie vergleichsweise sicher. Nach und nach ging die Bewegung im Protestantismus auf, und tatsächlich ist die evangelische Kirche in Lourmarin ein mächtiger Bau, die katholische dagegen eher bescheiden.

Beide kann man sich anschauen, man muss aber nicht. Oder wie es Peter Mayle, der stets einen guten Ratschlag für Besucher des Luberon parat hatte, kurz vor seinem Tod formulierte: "Beeile dich nicht, sonst versäumst du alles! Die Touristen sagen immer: 'Wir müssen uns heute noch dies und das ansehen.' Der Provenzale entgegnet: 'Wozu, das könnt ihr doch auch morgen noch machen!'" (Harald Sager, RONDO, 9.2.2018)