Luxus, eigentlich sogar schon hoher Lebensstandard, führt die Erde immer näher an den Abgrund. Mit den derzeitigen Versorgungssystemen sei allenfalls die Deckung der Grundbedürfnisse mit nachhaltigem Wirtschaften erreichbar, haben nun Wissenschafter vorgerechnet.

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Leeds – Der sogenannte Earth Overshoot Day, also jener Tag, an dem die natürlich verfügbaren Ressourcen eines Jahres aufgebraucht sind, rückt jedes Jahr ein kleines Stück nach vorne. 2017 war dieser Tag für Österreich bereits am 11. April. Global gesehen überschritten wir die Grenze im Vorjahr nach den Berechnungen der NGO Global Footprint Network am 2. August. Nun haben Forscher unter der Leitung der University of Leeds den ökologischen Fußabdruck für insgesamt 151 Länder bestimmt und sind dabei zu einem beunruhigenden Schluss gekommen: Kein Land der Welt schafft es derzeit, die Grundbedürfnisse seiner Bürger zu erfüllen und dabei den Ressourcenverbrauch auf einem nachhaltigen Niveau zu halten.

"Wir haben die Beziehungen zwischen der Nachhaltigkeit der Ressourcennutzung und der Erreichung sozialer Ziele international untersucht", sagt Daniel O’Neill vom Sustainability Research Institute in Leeds, Hauptautor der im Fachmagazin "Nature Sustainability" erschienenen Studie. "Dabei haben wir festgestellt, dass Grundbedürfnisse wie Ernährung, Sanitärversorgung und die Beseitigung extremer Armut höchstwahrscheinlich in allen Ländern erreicht werden können, ohne globale Umweltgrenzen zu überschreiten."

Dies gilt jedoch nicht für andere soziale Ziele, die über die Grundversorgung hinausgehen – etwa Sekundarschulbildung und hohe Lebenszufriedenheit. Um diese Ziele in allen Ländern zu erreichen, könnte ein Ressourcenverbrauch erforderlich sein, der dem zwei- bis sechsfachen des nachhaltigen Niveaus entspricht.

Globales Ungleichgewicht

"Im Allgemeinen gilt: Je höher der soziale Standard eines Landes ist, desto mehr planetare Grenzen überschreitet es und umgekehrt", sagt Koautor William Lamb vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC). "Obwohl reiche Länder wie die USA, Großbritannien und Deutschland die Grundbedürfnisse ihrer Bürger befriedigen, tun sie dies auf einem Niveau der Ressourcennutzung, das weit über das hinausgeht, was global nachhaltig ist. Im Gegensatz dazu erfüllen Länder, die Ressourcen auf einem nachhaltigen Niveau verwenden, wie etwa Sri Lanka, nicht die Grundbedürfnisse ihrer Bürger."

Die Studie stützt sich auf eine Untersuchung des Stockholmer Resilience Center, in der neun Umweltprozesse identifiziert wurden, die den Planeten regulieren. Darauf aufbauend haben die Forscher in der Untersuchung "planetare Grenzen" für jedes Land ermittelt, die – wenn sie dauerhaft überschritten werden – zu katastrophalen Umweltveränderungen führen könnten. Diese planetaren Grenzen nehmen zum Beispiel die Bereiche Klimawandel, Landnutzungsänderungen und Süßwassernutzung in den Blick.

Sieben planetare Grenzen und elf soziale Ziele

Anhand ihres Anteils an der Weltbevölkerung haben die Autoren insgesamt sieben planetare Grenzen auf jedes Land verteilt. Diese haben sie anschließend – nach Abzug der Effekte des internationalen Handels – mit dem jeweiligen nationalen Ressourcenverbrauch verglichen. Darüber hinaus wurden Länder anhand von elf sozialen Zielen bewertet, die bereits in früheren Untersuchungen festgelegt wurden. Zu den Zielen zählen unter anderem eine hohe Lebenserwartung, der Zugang zu Energie sowie demokratische Mitbestimmung.

Die Studie hat die jeweilige Ressourcennutzung der Länder – verglichen mit den planetaren Grenzen – dann in einer Karte mit den sozialen Indikatoren in Beziehung gesetzt. Die Kartierung zeigt, dass kein Land der Welt es schafft, gleichzeitig bei nachhaltiger Ressourcennutzung und sozialen Errungenschaften gut abzuschneiden. Auf einer Website haben die beteiligten Forscher die Daten zum jeweiligen Ressourcenverbrauch der Länder sowie zu Fortschritten beim menschlichen Wohlergehen zur Verfügung gestellt.

Radikale Veränderungen nötig

"Unsere Ergebnisse legen nahe, dass einige der Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen, etwa die Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen, durch die Verfolgung anderer Ziele unterlaufen werden könnten – vor allem durch solche, die auf Wachstum oder hohes menschliches Wohlbefinden ausgerichtet sind", meinen die Wissenschafter. Demnach seien radikale Veränderungen nötig, wenn alle Menschen innerhalb der Grenzen unseres Planeten gut leben sollen.

Dazu gehöre auch, dass wohlhabende Länder nicht mehr nur einzig das Streben nach wirtschaftlichem Wachstum im Blick haben, dass die Energieversorgung schnell von fossilen Brennstoffen auf Erneuerbare umgestellt und die Ungleichheit deutlich verringert wird. "Versorgungssysteme – wie beispielsweise unsere physische Infrastruktur – müssen grundlegend umgebaut werden, damit die Grundbedürfnisse der Menschen auf einem viel niedrigeren Niveau der Ressourcennutzung erfüllt werden können", sagt Julia Steinberger von der School of Earth and Environment in Leeds. (red, 7.2.2018)