Das Ärgernis der sozialen Selektion mit zehn Jahren

Die schulische Auslese von zehnjährigen Kindern ist eine soziale Selektion. Aus einem Systemeffekt ist längst ein Systemdefekt geworden. Eine Entgegnung auf Georg Cavallars Kommentar

Karl Heinz Gruber

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Was Kindern tagtäglich zugemutet wird, ist auch Lehrern zuzumuten: zu lernen. Strukturreformen in der Bildung erfordern Lehrerfortbildung. Sogar elitäre englische Privatschulen sind dabei erfolgreich über ihren Schatten gesprungen.

Foto: Christian Fischer

Es entbehrt nicht einer gewissen Tragikomik, dass gerade jetzt, da tausende Familien mit Viertklässlern unter dem Stress der AHS-Anmeldung leiden, ein AHS-Professor daran Anstoß nimmt, dass ich in einem Kommentar die "Wirkungen und unerwünschten Nebenwirkungen" der zu früh erfolgenden schulischen Auslese aufgezeigt habe.

Georg Cavallar stört, dass ich für die soziale Auslese am Ende der Volksschule den Begriff "Selektion" verwende und der Lehrerschaft zumute, im Falle einer Reform der Sekundarstufe I etwas dazulernen zu müssen.

Die Berliner Bildungsforscherin Helga Thomas ist berühmt geworden, weil sie vor Jahrzehnten dem Deutschen Bildungsrat die Ergebnisse der bildungssoziologischen Forschung so zusammenfasste: Je früher schulische Auslese erfolgt, desto stärker bewirkt sie soziale Selektion. Schuld daran seien nicht einzelne Lehrerinnen und Lehrer, es handle sich um einen Systemeffekt. Daran hat sich seither nichts geändert.

Ich habe in meinem Kommentar auf die alle drei Jahre erstellten österreichischen Nationalen Bildungsberichte verwiesen, in denen die psychometrische Unverlässlichkeit der Auslese mit zehn Jahren und die damit einhergehende soziale Segregation klar nachgewiesen werden.

Herr Cavallar wischt diese Tatsache mit dem Sätzchen "Das mag schon sein" einfach vom Tisch und meint, man könne empirische Daten unterschiedlich interpretieren. Bisher hat es allerdings niemand gewagt, diese Befunde "umzuinterpretieren", und es war erst recht niemand dazu imstande, sie zu widerlegen; sie werden, auf gut Österreichisch, "nicht einmal ignoriert".

Damit nicht genug. Herr Cavallar versteigt sich zur Behauptung, Selektion sei ein "polemischer" Begriff, indem er darauf hinweist, dass es in den NS-Vernichtungslagern bei der Ankunft Selektion gegeben hat. Das Infame an diesem Versuch, mich braun anzupatzen, ist der Umstand, dass Cavallar weiß, dass der Begriff Selektion seit jeher in vielen Wissenschaften (Biologie, Soziologie, Bildungsforschung bis hin zur "Zweigelt Selektion") als ideologiefreier Terminus technicus verwendet wird und dass die Selektion in den NS-Vernichtungslagern mit der Ermordung der Selektierten endete, die schulische Selektion in Österreich hingegen den Übertritt der Selektierten ins Gymnasium zur Folge hat.

Auch Lehrer können lernen

Wer weiß, wie die Einser und Zweier in den Zeugnissen von Viertklässlern zustande kommen, die als Voraussetzung für die Anmeldung an einer AHS gelten (Lehrerinnen und "bildungsnahe" Eltern wissen es), wundert sich nicht über deren begrenzte Eignung als Prädiktoren von zukünftigem gymnasialen Schulerfolg. Die soziale Selektion beim AHS-Übertritt erfolgt weitgehend als Selbstauslese durch die elterlichen Bildungsambitionen.

Außerdem befürchtet Herr Cavallar im Falle einer Gesamtschulreform eine "völlige Überforderung" der Lehrkräfte. Wüsste er, wie in anderen europäischen Ländern Schulreformen erfolgten, wüsste er auch, dass die Strukturreformen durchwegs begleitet waren von Reformen der Lehrerbildung, von Lehrerfortbildung, mit der die Lehrerschaft für den aufwendigeren Unterricht einer heterogeneren Schülerschaft "umgeschult" wurde, und von der Entwicklung von differenzierenden Lernmaterialien. Ja, Gymnasiallehrern wurde zugemutet, mit ehemaligen Hauptschullehrern zu kooperieren und – horribile dictu – etwas dazuzulernen.

Während meiner sechs einjährigen Aufenthalte an der Universität Oxford habe ich erlebt, wie sich das lehrerbildende Oxforder Education Department von einer konservativen Kaderschmiede für den Lehrernachwuchs elitärer Privatschulen zu einer modernen, sozial sensibilisierten Lehrerbildungsstätte für das öffentliche Schulwesen gewandelt hat.

Apropos englische Privatschulen: Herr Cavallar behauptet, in England hätte eine Massenflucht aus dem öffentlichen Gesamtschulwesen in den privaten Sektor stattgefunden. Big mistake.

Die Quote der Privatschüler an der gesamten Schulpopulation liegt in England seit fünfzig Jahren, also während der Expansion des Gesamtschulsektors, bei etwa sieben Prozent. Englische Privatschulen sind allerdings aufgrund einer Reihe von Umständen (die diabolisch hohen Schulgebühren; ihres Status als "wohltätige", steuerbegünstigte Stiftungen; die vom öffentlichen Schulsystem abweichende Stufengliederung ...) ein für den internationalen Vergleich ungeeignetes Unikat. (Karl Heinz Gruber, 6.2.2018)

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