Der Theewaterskloof Dam, der einst größte Wasserspeicher Kapstadts, ist mittlerweile fast ausgetrocknet.

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Einwohner Kapstadts warteten Dienstagnacht auf eine zusätzliche Trinkwasserration.

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Wien – Im Bademantel, Schlapfen an den Füßen, müde nach einem Arbeitstag: Hunderte Menschen standen Dienstagnacht bis weit nach Mitternacht in Kapstadt um Wasser an. Es ist ein Vorgeschmack, was in den kommenden Monaten droht. Denn die 3,7 Millionen Einwohner der südafrikanischen Stadt leiden an einer der schlimmsten Dürreperioden seit 100 Jahren. Kapstadt könnte damit die erste Metropole sein, die bald auf dem Trockenen sitzt – laut Experten aber wohl nicht die letzte.

Die klimatischen Bedingungen der Provinz Westkap mit ihren rund 5,8 Millionen Bewohnern verändern sich hin zu extremer Trockenheit. Der größte Wasserspeicher Kapstadts, Theewaterskloof Dam, ist fast leer. Seit Mitte Dezember steht der Wasserstand in den Vorratsanlagen nur noch bei rund einem Drittel, bei 13,5 Prozent werden die Wasserhähne versiegen.

25 Liter "Notration" pro Tag

Dieser "Tag null" wird für den 11. Mai prognostiziert. Danach müssten sich die Menschen ihr Wasser unter Aufsicht von Militär und Polizei an rund 200 Stellen abholen. Die Ration soll 25 Liter pro Person betragen – diese Menge empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation als Untergrenze für die Sicherung von Gesundheit und Hygiene. Zum Vergleich: Laut Umweltministerium liegt der Verbrauch eines Österreichers bei rund 135 Litern pro Tag.

Andere Regionen der Welt werden ebenfalls trockener. Nach Berechnungen des Weltklimarats wird die globale Temperatur in diesem Jahrhundert um zwei bis 4,5 Grad Celsius ansteigen – je nach Entwicklung des Treibhausgasausstoßes. Extreme Wetterereignisse werden die Wasserknappheit in Zukunft verstärken, prognostiziert auch der Jakob Zscheischler, der als Wissenschafter im Bereich Land-Klima Dynamik arbeitet.

Risiken durch bessere Vorhersagen minimieren

In Hinsicht auf ein neues mittleres Klima mit höheren Mitteltemperaturen werden laut Zscheischler vor allem im östlichen Nordamerika und in Teilen Asiens wie etwa China verstärkt gleichzeitige Dürren und Hitzewellen auftreten. Gemeinsam mit der ETH-Klimawissenschafterin Sonia Seneviratne hat er die Wahrscheinlichkeiten für ein gemeinsames Auftreten von Hitze und Trockenheit berechnet. Die Ergebnisse wurden im Vorjahr in der Fachzeitschrift Science Advances veröffentlicht.

Dass Dürren besonders in Sommermonaten auftreten, liegt zwar nahe. Aber bislang haben Forscher diese beiden Extreme meist separat untersucht. "Für Risikoabschätzungen kann das fatal sein", sagt Zscheischler dem STANDARD. Er nennt ein positives Beispiel: Nach der Hitzewelle im Sommer 2003 wurden die Vorhersageinstrumente und die Informationsweitergabe in manchen Ländern stark verbessert, sodass etwa die Hitzewelle 2006 in Frankreich viel weniger Menschenleben forderte.

Dürreschäden in Europa

"In Zentraleuropa sieht es im Moment nicht so aus, als würde Wassermangel generell ein Problem werden", sagt Zscheischler. Insgesamt beträgt der jährliche Wasserbedarf in Österreich rund 2,5 km³. Das entspricht nach Informationen des Umweltministeriums drei Prozent der zur Verfügung stehenden Wassermenge.

Aber vor allem in Südeuropa wird es immer wichtiger werden, mit dem verfügbaren Wasser gut zu haushalten, sagt der Klimawissenschafter. In Zukunft werden dort die Niederschläge noch weiter zurückgehen. Das Anbauen von trocken- und hitzeresistenten Pflanzensorten sei eine wichtige Anpassungsmaßnahme.

Dazu rät auch Klaus Haslinger, Meteorologe von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik. Wassermangel sei in Österreich zwar kein Problem, aber zu Ernteausfällen und Dürreschäden kam es schon in den vergangenen Jahren. "Ein Umdenken in der Landwirtschaft hinsichtlich der angebauten Feldfrüchte ist sicherlich notwendig", sagt er.

Europäer werden Wasserknappheit vor allem indirekt zu spüren bekommen. Denn die EU-Wirtschaft hängt von der Verfügbarkeit von Wasser in anderen Teilen der Erde ab: 40 Prozent des Verbrauchs sind durch den Import von Produkten ausgelagert, heißt es vonseiten der European Geosciences Union (EGU). In Ländern, in denen etwa Sojabohnen, Zuckerrohr, Reis und Baumwolle produziert werden, herrsche bereits heute oft große Wasserknappheit.

Friedensforscherin warnt vor verkürzter Darstellung

Ernteausfälle durch Dürren können dort zu Arbeitslosigkeit, erhöhtem Armuts- und Hungerrisiko führen und möglicherweise Migrationsbewegungen hervorrufen. "Bei der Suche nach Kausalketten ist große Vorsicht geboten. Es lassen sich eigentlich keine Verallgemeinerungen à la 'Dürre führt zu Konflikt XY' treffen", sagt Friedensforscherin Christiane Fröhlich dem STANDARD.

Sie forscht unter anderem zu Fluchtursachen im Kontext ökologischer Krisen. Sie betont, dass nicht nur eine Dürre zu Ernteausfall und in Folge eventuell zu Agrarkrisen führen kann. Sozioökonomische Rahmenbedingungen, zum Beispiel Planwirtschaft und Bewirtschaftungsformen oder die Marginalisierung von Kleinbauern würden die Lebensbedingungen und -grundlagen im Agrarsektor ebenfalls beeinflussen – oftmals sogar stärker.

Einer ihrer Schwerpunkte ist Syrien, wo vor dem Ausbruch des Krieges eine mehrjährige Dürre herrschte, die Ernteausfälle und Binnenmigration hervorrief. Das habe Syrien zu einer Art "Paradebeispiel" für einen "angeblichen Klimakrieg" gemacht, so Fröhlich. Doch das sei eine verkürzte Darstellung und unterstütze die Vorstellung einer "Flut von Klimaflüchtlingen", mit denen in Zukunft zu rechnen sei.

Das könne Abschottungspolitik oder nicht zielgerichtete Gegenmaßnahmen nach sich ziehen, warnt Fröhlich: "Denn wenn ich davon ausgehe, dass vor allem die globalen Erderwärmung hinter einer Dürre steckt, und nicht sozioökonomische und politische Entscheidungen, dann sind meine Lösungsansätze anders ausgerichtet." (Julia Schilly, 9.2.2018)