Unerhörte Liebe im Kalten Krieg: Noch sind die Putzfrau Elisa (Sally Hawkins) und der im unterirdischen US-Labor gefangene Amphibienmann (Doug Jones) getrennt.

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Golden-Globe-Sieger: Guillermo del Toro.

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STANDARD: "The Shape of Water" wird von der internationalen Kritik als Ihr bester Film seit vielen Jahren gefeiert. Was halten Sie von dieser Einschätzung?

Del Toro: Ich würde schon sagen, dass er mir gelungen ist. Wobei man als Filmemacher natürlich einen speziellen Blick auf seine eigene Arbeit hat. Im Nachhinein geht es darum, welche Beziehung man zu einem Film entwickelt hat. Die kann sich im Laufe der Jahre auch ändern. Man lehnt sich ja nicht zurück und schaut sich den fertigen Film an, sondern man hat die ganze Produktion miterlebt und verantwortet.

STANDARD: Aber es gibt doch sicher eine Erwartungshaltung?

Del Toro: Die entscheidende Frage ist, ob das Risiko belohnt wird. Manchmal hat man eine Menge riskiert, und wenn man dann mit dem Ergebnis glücklich ist, genügt einem das als Belohnung. Und bei solchen Filmen, wie ich sie drehe, gibt es den programmierten Erfolg ohnehin nicht. Es kann sogar anders laufen: Man liefert einen Film ab, den das Publikum mag, den man aber selbst nicht leiden kann. Im konkreten Fall kann ich aber sagen: The Shape of Water sieht exakt so aus, wie ich es wollte.

STANDARD: Das klingt beruhigend, weil Sie ja für lange Vorarbeiten bekannt sind.

Del Toro: An The Shape of Water habe ich im Dezember 2011 zu schreiben begonnen, aber ohne Auftrag. Ein Jahr später habe ich mit Setdesignern und bildenden Künstlern erste Ideen für die Kreatur und die Ausstattung gesammelt. Nach zwei Jahren Vorfinanzierung aus eigener Tasche hat es dann geklappt. Was sie mir bei Century Fox einzig nicht durchgehen ließen, war die Idee, dass ich den Film in Schwarzweiß drehe. Da gab’s keinen Verhandlungsspielraum.

Einsame Verbündete im Kampf gegen die Macht: Elisa (Sally Hawkins) und Kollegin Zelda (Octavia Spencer).
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STANDARD: Eine märchenhafte Liebesgeschichte zu filmen mutet dieser Tage anachronistisch an.

Del Toro: Wir leben in einer Welt, die von Zynismus bestimmt wird und in der ein intelligenter Diskurs nahezu unmöglich geworden ist. Es war noch nie so einfach wie heute, seinem Hass freien Lauf zu lassen. Wenn du heute von Liebe und Gefühlen redest, klingst du wie ein Idiot. Deshalb war es mir wichtig, vom Gegenteil zu erzählen: von der Menschlichkeit. Wir haben im privaten Leben und in der Öffentlichkeit ein großes Problem damit, Emotionen zu zeigen. Da fehlt der Mut.

STANDARD: Ihr Film spielt im Amerika der Nachkriegszeit, die Politik ist die des Kalten Krieges. Hatten Sie angesichts des politischen Umbruchs nicht das Bedürfnis, den politischen Aspekt stärker zu betonen?

Del Toro: Keineswegs. Schauen Sie, ich bin Mexikaner, und ich sage Ihnen ehrlich: Ich habe diesen Zustand kommen gesehen, weil ich ihn als Einwanderer und Außenseiter jeden Tag erlebt habe. Für mich ist The Shape of Water also kein Film nur über das Jahr 1962, sondern über das Hier und Heute. Ein politischer Film muss nicht von Politik handeln.

STANDARD: Sondern wovon?

Del Toro: Zum Beispiel von jenem Hass, der aus der Angst entsteht. Nehmen wir zum Beispiel den Bösewicht, den Michael Shannon spielt: In einem Film aus den Fünfzigern wäre er wahrscheinlich noch der Held gewesen, der das Monster besiegt. Bei mir ist er von Blindheit gezeichnet, weil er nur das glaubt, was er in seiner kleinen Welt zu sehen meint. In Wahrheit sieht er nichts. Die Kreatur ist womöglich eine göttliche Gestalt, für ihn nur ein schmutziges Ding aus dem Sumpf. Die höchste Kunst der Menschlichkeit besteht darin, den anderen wahrzunehmen. Wenn ich Sie anschaue, erkenne ich damit Ihre Existenz an. Ideologien und Religionen verhindern das. Dann sind Sie der Jude, der Mexikaner oder eben das Monster.

"In Wahrheit sieht er nichts": Michael Shannon als CIA-Agent Strickland.
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STANDARD: Ihr Film steckt voller historischer Referenzen, vor allem auf das Kino selbst: Musicals, Wasserballettfilme mit Esther Williams, es gibt diesen riesigen Kinosaal, in den sich später das Wasser ergießt.

Del Toro: Das mag Sie überraschen, aber der Film, den ich mir zur Vorbereitung am öftesten angesehen habe, war The Salesman (1969) von den Maysles-Brüdern, ein Dokumentarfilm im Direct-Cinema-Stil. Einer der besten Filme über die amerikanische Desillusionierung. Und ganz viele Arbeiten von Douglas Sirk. Ich habe mir keinen einzigen Monsterfilm angesehen, sondern Klassiker von Stanley Donen und die Tanzfilme mit Fred Astaire wie Top Hat oder Minnellis An American in Paris.

STANDARD: In Ihren Filmen spielt Sexualität stets eine große Rolle. In "The Shape of Water" sieht man, wie sich Elisa morgens in der Badewanne befriedigt. Das ist ja nicht gerade ein Bild, das man mit "Die Schöne und das Biest" verbindet.

Del Toro: Von Beauty and the Beast gibt es zwei Versionen: Da ist die puritanische, die die Sexualität komplett ausklammert. Also vielleicht haben die beiden, wenn das Biest ein Prinz geworden ist, irgendwann mal Sex. Und dann gibt es die eher perverse Vorstellung. Beides hat mich hier nicht interessiert. Der Sex in The Shape of Water verleiht der Liebesgeschichte höchstens ein Prickeln.

FoxSearchlight

STANDARD: Vieles an dem Film erinnert selbst an eine Art von Fluss, etwa die langsamen Kamerafahrten oder Sally Hawkins’ beinahe grazilen Körperbewegungen.

Del Toro: Ich habe die Rolle für Sally Hawkins geschrieben, ebenso die des Bösewichts für Michael Shannon. Sally, die im Film ja stumm ist, habe ich geraten, sich die Stummfilme von Harold Lloyd, Buster Keaton und Charlie Chaplin anzusehen. Es ist etwas völlig anderes, im Kino nur mit dem Körper und den Augen zu sprechen.

STANDARD: Es gibt einige Parallelen zu Ihrem während der Franco-Diktatur spielenden "Pan's Labyrinth", in dem ebenfalls Doug Jones das fremde Wesen spielt.

Del Toro: Das Mädchen aus Pan's Labyrinth könnte tatsächlich Elisa in The Shape of Water sein. Ich sehe Devil’s Backbone, der ja Geister- und Bürgerkriegsfilm in einem ist, Pan's Labyrinth und The Shape of Water tatsächlich als lose Trilogie.

Außenseiter unter sich: Richard Jenkins als Nachbar Giles und Doug Jones als Amphibienmann.
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STANDARD: Bringt die Außenseiterrolle, die Sie in Hollywood einnehmen, nicht auch Vorteile mit sich?

Del Toro: Es ist wichtig zu wissen, was man nicht will. Ich mache einen Film und dann den nächsten. Das kann ein Blockbuster sein, ein Independentfilm, eine europäische Produktion oder meinetwegen Laientheater. Das ist mir egal. Es gibt weltweit vier Regisseure, die auf das Marketing eines Films mit einem Budget von über 50 Millionen Dollar Einfluss haben. Das habe ich aus Crimson Peak gelernt, da wäre es besser besser gewesen, ich hätte weniger Budget gehabt. Hätte ich The Shape of Water für 70 Millionen gedreht, hätte ich die Kontrolle abgeben müssen und Sie hätten ein Horrormonsterspektakel gesehen. (Michael Pekler, 9.2.2018)