Dieser Bauch zieht Blicke an. Leicht gebräunt und straff lugt er unter dem kurzen Sweatshirt hervor. Dazu trägt Doutzen Kroes eine Levi's 501 und rote Boots mit Absatz. Das holländische Model sitzt im Hinterzimmer eines Fitnessstudios in München. Sport wird sie heute nicht mehr machen.

Kroes tut dafür, was sie mindestens genauso gut kann. Die 33-Jährige, blond, knapp 1,80 Meter groß, eine athletische Schönheit, hat soeben ihre Sportkollektion – Leggings, Sportoberteile und Hoodies – für Hunkemöller vorgestellt. Vor zwei Jahren beerbte Kroes bei dem holländischen Unternehmen Sylvie Meis, die stets braungebrannte ehemalige Frau eines Fußballspielers. Der Bruch war nicht allzu groß. Denn Kroes ist keine sperrige Schönheit, keines dieser speziellen Gewächse, die die Modewelt mit abstehenden Ohren oder hohlen Wangen beeindrucken. Ihre leichten Kurven lassen an die Supermodels der 1990er-Jahre erinnern, ihre symmetrische Schönheit auch. Kroes, blaue Augen, volle Lippen, elastischer Körper, ist vielseitig, kommerziell verwertbar, eine Goldgrube.

Arme in die Hüfte: Doutzen Kroes 2013 während der CFDA Vogue Fashion Fund Awards.
Foto: Charles Sykes/Invision/AP

Leicht verständliche Schönheit

Doutzens Geheimnis: Sie ist eines dieser Models, deren Schönheit jeder versteht. Würde das Leben von Barbie verfilmt werden, könnte Kroes auf der Besetzungscouch Platz nehmen. Künstlich wirkt sie dennoch nicht. Das mag auch damit zu tun haben, dass sie sich in Interviews bodenständig gibt: "Als Teenager musste ich zwölf Kilometer mit dem Fahrrad zur Schule fahren, nachmittags dieselbe Strecke zurück." Ein Fitnessstudio? Habe sie damals sicher nicht von innen gesehen, "nie – mals".

Wenn Kroes über ihre ersten Schritte im Modelbusiness redet, klingt das, als spräche sie von fernen Zeiten. Dabei liegen die Anfänge der 33-jährigen gerade einmal 15 Jahre zurück, in der Mode ist das eine halbe Ewigkeit. Heute zählt das Modeln zu den Traumjobs unzähliger junger Mädchen. Kroes hingegen startete vergleichsweise unvorbereitet: "Als ich das erste Mal mit einer Liste an Fotografen nach New York kam, wusste ich mit deren Namen nichts anzufangen. Heute kennen sich die Mädchen sehr gut aus, das ist eine völlig andere Welt", meint sie. Damals habe es eine überschaubare Gruppe von dreißig Models gegeben, die alle Shows gemacht haben: "Wir sind zusammen gereist, haben backstage Bücher gelesen und sind herumgehangen." Was sich sonst noch verändert hat? "Früher hat man nach den Show-Engagements auch Aufträge für Kampagnen bekommen." Heute gebe es im Model-Business keine Regeln mehr. "Die Models machen eine Show und sind sofort wieder draußen. Jobs bekommt man, wenn man Follower auf Instagram hat."

Doutzens Geheimnis: Sie ist eines dieser Models, deren Schönheit jeder versteht.
Foto: Wire Image / Antonio de Moraes Barros Filho

Mehr als die längsten Beine

Tatsächlich geht es im Modelbusiness schon lange nicht mehr um die höchsten Wangenknochen und die längsten Beine. Die aktuelle Währung der Modelagenturen: die Anzahl der Instagram-Follower. Und so gibt neben Töchtern berühmter Models (Cindy Crawfords 16-jährige Tochter Kaia Gerber legte im letzten Jahr einen Raketenstart hin) die Generation Insta-Girls den Ton an. Ihr Markenzeichen: Sie sind massenkompatibel. Models wie Kendall Jenner (22), 87,2 Millionen Follower auf Instagram, oder Gigi Hadid, ebenfalls Anfang 20, mehr als 38 Millionen Instagram-Fans, sind rund zehn Jahre jünger als Doutzen Kroes, sind die Heroinnen dieser Bewegung.

Sie funktionieren als eigenständige Marken, das ist dank Social Media leichter als zuvor. Wie sehr die Lifestyle-Unternehmen diesen Models vertrauen, spiegelt das Model-Ranking von "Forbes" wider: Kendall Jenner war im letzten Jahr mit einem Verdienst von 22 Millionen Dollar das bestbezahlte Model weltweit – und stieß die 37-jährige Gisele Bündchen, die die Modelriege seit 2002 anführte, erstmals vom Thron. Längst macht die Generation der "Insta-Models" ihr Geld nicht mehr allein mit Mode und Beautyprodukten: Neben Verträgen mit Estée Lauder und Adidas verdient Jenner Geld mit der Reality-Show der Kardashians und der Modelinie Kendall + Kylie, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester führt.

Von abgedreht bis einfach schön – diese Models sind im Gespräch: Instagram-Star Kendall Jenner, Hunkemöller-Model Doutzen Kroes, Aktivistin Adwoa Aboah, Crawford-Spross Kaia Gerber, die heiße Newcomerin Slick Woods mit der Zahnlücke, Transgender-Model Teddy Quinlian, Gigi Hadid mit fast 40 Millionen Followern auf Instagram, Plus-Size-Abräumerin Ashley Graham, der österreichische Victoria's-Secret-Engel Nadine Leopold und das intersexuelle Model Hanne Gaby Odiele (von links und von oben).
Fotos: Reuters / Stefano Rellandini, Hunkemöller, Reuters / Gonalo Fuentes, Fenty / Puma, AP Photos / Francois Mori, APA / AFP / Miguel Medina, Invision AP / Evan Agostini, APA / AFP / Fred Dufour, Reuters / Andrew Kelly

Instagram hat aber auch neue Model-Typen zutage befördert. Aktivistinnen und edgy Außenseiterinnen sind das Ding der vergangenen Saisonen. Wer abgedrehte Geschichten verkaufen kann, noch besser! Adwoa Aboah, 1,73 Meter klein, Sommersprossen, abgeschorene Haare, hat bereits einen Entzug hinter sich, sie hat die Onlineplattform "Gurls Talk", auf der es um Sexualität und Körperbilder geht, gegründet: Im Dezember landete sie auf dem ersten Cover des neuen britischen "Vogue"-Chefredakteurs Edward Enningful. Hanne Gaby Odiele, bislang nur ein ätherisches Model aus Belgien, machte im letzten Jahr ihre Intersexualität öffentlich. Und Theodora Quinlivan (genannt Teddy), die 2015 von Louis-Vuitton-Designer Nicolas Ghesqières entdeckt wurde, hat sich Ende letzten Jahres als Transgender-Model geoutet – seither verzeichnet sie auf Instagram ordentliche Zuwächse.

Doutzens Geheimnis

Dagegen wirkt eine wie Doutzen Kroes richtiggehend durchschnittlich. Im Fitnessstudio von München ginge die Holländerin mit den vergleichsweise bescheidenen 5,6 Millionen Fans auf Instagram noch immer als das schön-sportliche Mädchen von nebenan durch, wenn nicht wenige Meter weiter ein Bodyguard im schwarzen Anzug seine Blicke kreisen lassen würde.

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Doutzen Kroes in ihrer Wahlheimat New York.
Foto: Getty Images / Dimitrios Kambouris (for Tiffany & Co)

Denn Doutzen Kroes gehört heute mit ihren 33 Jahren zu den wohlhabendsten Models weltweit. Eine solche Karriere war nicht unbedingt absehbar. Mit 18 schickt sie Urlaubsbilder an eine holländische Model-Agentur, drei Jahre später sackt sie einen Exklusivvertrag mit dem Kosmetikkonzern l'Oréal ein und steht das erste Mal mit rosafarbenen Engelsflügeln auf dem Laufsteg des Unterwäscheunternehmens Victoria's Secret. In dem Tempo ging es weiter. Für solche Jobs absolviert sie ihr wöchentliches Fitnessprogramm: "Zweimal 1,5 Stunden Pilates, einmal in der Woche zwei Stunden Fitnessstudio." Man muss die 33-Jährige, mittlerweile Mutter von zwei Kindern, keiner genaueren Musterung unterziehen, um ihr abzunehmen, dass sie regelmäßig Sport macht. Das meistbewunderte Körperteil auf ihrem Instagram-Account? "Mein Bauch", grinst Kroes, "ganz besonders seit meinen beiden Schwangerschaften."

Sie sind kein Geheimnis. Doutzen Kroes zeigt ihren Instagram-Followern regelmäßig ihre Familie, Ehemann Sunnery James, Tochter Myllena, Söhnchen Phyllon, so etwas erzeugt Nähe zu den Fans. Manchmal fühle sie sich unter Druck, mehr Bilder von sich selbst zu posten. Das mache schließlich jeder, erklärt das Model. "Aber", schiebt Kroes hinterher, "ich möchte meinen Kindern nicht vorleben, die ganze Zeit Selfies zu machen."

Dabei ist die Vermarktung der kleinen Familie längst im Gange. Für das "Vogue"-Magazin hat Peter Lindbergh in den Südstaaten eine Serie mit Kroes, dem Ehemann und den Kindern fotografiert. Vielleicht heißen die nächsten Supermodels ja Myllena und Phyllon. (Anne Feldkamp, 16.2.2018)

Damals lief sie noch als beflügelter Engel über den Laufsteg: Model Doutzen Kroes während der Victoria's Secret Show 2014
Foto: Joel Ryan/Invision/AP