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Trauer und Entsetzen an der Marjory Stoneman Douglas Highschool in Parkland im US-Bundesstaat Florida.

Foto: APA / AFP / Getty Images / Mark Wilson

Worüber in den Stunden danach fast alle sprechen, die sich in Parkland vor ein Mikrofon stellen, das ist dieser merkwürdige Feueralarm. Kurz vor Unterrichtsschluss, nachmittags gegen halb drei, gingen in der Marjory Stoneman Douglas High School die Sirenen los. Merkwürdig, weil es an diesem Tag bereits das zweite Mal war. Stunden zuvor hatte die Schulleitung schon einmal üben lassen, wie man sich im Falle eines Brandes zu verhalten hat. Wozu die Wiederholung? Was zunächst keiner wissen konnte: Diesmal war es ein bewaffneter Eindringling, der den Alarm auslöste.

Mit dem Trick wollte Nikolas C. Schüler und Lehrer offenbar dazu bringen, ihre Klassenzimmer zu verlassen. Er wollte sie auf die Flure locken, wo er Rauchbomben zündete, bevor er losballerte. C. habe eine Gasmaske getragen, er habe auf seine Opfer geschossen, als die überrascht und orientierungslos durch den Nebel irrten, gibt der Senator Bill Nelson wieder, was ihm die Ermittler des FBI anvertraut hatten.

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Das FBI am Tatort.
Foto: imago/ZUMA Press / Ian Witlen / Rmv

Tödliche Schüsse

Die ersten Schüsse, schildert einer, der es aus der Ferne erlebte, hätten geklungen, als wollte jemand prall mit Luft gefüllte Tüten zum Platzen bringen. Andere glaubten anfangs an Feuerwerkskörper. Es sind Beschreibungen, wie man sie häufig nach einem "mass-shooting" hört. Als klar wurde, dass es sich bei dem Feueralarm um eine tödliche Falle handelte, rannten viele zurück in die Unterrichtsräume, wo sie sich zu verstecken versuchten, in Schränken, unter Tischen, einige mit Smartphone in der Hand, um per SMS Kontakt zur Außenwelt zu halten.

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Für die Spezialeinheiten der Polizei, die die Schule mit ihren 3200 Schülern nach und nach räumten, war zu dem Zeitpunkt im Prinzip jeder verdächtig.
Foto: ZUMA Press / imago/Mike Stocker

Die ersten Bilder vom Ort des Geschehens, am späten Mittwochnachmittag ausgestrahlt von den Nachrichtensendern, zeigten in Endlosschleife alle das Gleiche. Teenager, die im Gänsemarsch nach draußen laufen, die Hände erhoben oder hinter dem Nacken verschränkt. Für die Spezialeinheiten der Polizei, die die Schule mit ihren 3.200 Schülern nach und nach räumten, war zu dem Zeitpunkt im Prinzip jeder verdächtig.

Auch Schütze entkam zunächst

Im Pulk der anderen entkam zunächst auch der Schütze, bevor ihn Fahnder in einer Nachbarstadt stellten. Und allmählich fügten sich die Informationsbruchstücke zu einem Täterprofil, wie es den Amerikanern mittlerweile nur allzu vertraut ist. Ein Einzelgänger, kontaktarm, vernarrt in Waffen. Auf seiner Instagram-Seite präsentierte sich C. mit dunklen Stirnbändern, mal mit einer Pistole, mal mit Messern, die optisch wie die Verlängerung seiner Finger wirken sollten, als wären es Klauen.

Wie schon Adam Lanza, der verstörte Junge, der im Dezember 2012 im idyllischen Neuengland-Städtchen Newtown zwanzig Erstklässler einer Grundschule erschoss, bediente er sich einer AR-15, eines halbautomatischen Gewehrs. 17 Tote und 15 Verletzte, so lautete am Donnerstag die Opferbilanz.

Mathelehrer: Verdächtiger war Sicherheitsrisiko

Bis vor ein paar Monaten lernte C. selber an der High School, die er nun ins Visier nahm. Er wurde der Schule verwiesen, aus Gründen, zu denen die Schulverwaltung zunächst nichts Definitives sagen wollte, womöglich auch, weil sie Warnungen nicht ernst genug genommen hatte. Nikolas C., sagte dessen ehemaliger Mathelehrer Jim Gard dem "Miami Herald", habe Mitschüler bedroht. Der Junge dürfe das Schulgelände nicht mehr mit einem Rucksack betreten, sei dem Lehrerkollegium voriges Jahr per E-Mail mitgeteilt worden. Offenbar habe man vermutet oder sogar gewusst, dass er in seinem Rucksack Munition versteckte.

Am Donnerstag wurde bekannt, dass C. der Rassistenvereinigung und Miliz "Republic of Florida" (ROF) nahegestanden haben soll. Das sagte ein Sprecher der Gruppierung am Donnerstag der Bürgerrechtsorganisation ADL (Anti-Defamation League). Ein ROF-Sprecher bestätigte, dass, C. an Übungen teilgenommen hatte.

Die ROF-Milizen bezeichnen sich als "bewaffnete Kräfte der Übergangsregierung der Republik von Florida" und als weiße Bürgerrechtsbewegung. Sie kämpfen für einen rein weißen Staat ohne andere Ethnien, der kein Teil der USA ist. Auf der Website der ROF wird die Frage "Seid Ihr gewalttätig?" beantwortet mit "Kurze Antwort: Ja".

Eifersucht als mögliches Tatmotiv

Ein früherer Klassenkamerad namens Joshua Charo beschreibt C. als großen Schweiger, der, wenn er mal den Mund aufmachte, mit seinen Schießkünsten prahlte. "Er schwärmte davon, wie er mit seiner Luftpistole Jagd auf Ratten macht, und überhaupt, wie gern er auf Dinge zielt."

Die 17-jährige Victoria Olvera wiederum erzählte der Nachrichtenagentur AP, C. sei von der Schule geflogen, weil er sich mit dem neuen Freund seiner Ex-Freundin geprügelt habe. Eifersucht als Tatmotiv? Es ist einer der Erklärungsversuche, die nunmehr die Runde machen. Dazu würde passen, dass der Teenager seinen Mordfeldzug ausgerechnet für den Valentinstag plante. Vorläufig sind es Theorien, nicht mehr.

Eines der blutigsten Massaker an einer Schule

Fest steht: Es ist in der Geschichte der USA eines der blutigsten Massaker, das mit Schusswaffen an einer Schule verübt wurde. Gleich hinter Newtown und noch vor Littleton, dem Schauplatz des Amoklaufs an der Columbine High School, der die Nation 1999 noch so schockierte. Heute spricht Bill Bratton, einst Polizeichef in New York und Los Angeles, resigniert von der neuen Normalität. "Normal ist auch, dass wir nach zwei Tagen zur Tagesordnung übergehen. Es scheint ja das ewig Gleiche zu sein. Das ist das Leben, wie wir es heute leben."

Und wieder trifft es eine Wohngegend, von der hinterher alle sagen, dass man sich eine derartige Tragödie gerade dort niemals vorstellen konnte. Es gebe kaum einen besseren Ort, um eine Familie zu gründen, melden sich Lokalpatrioten zu Wort. Gerade die hohe Qualität der Schulen habe Leute mit Kindern nach Parkland gezogen. Die Kleinstadt mit ihren knapp dreißigtausend Einwohnern, im Westen an die Everglades-Sümpfe grenzend, steht für wohlhabendes Mittelschichtenmilieu.

Akkurat gemähte Rasenflächen, überall schmale Kanäle, etliche Häuser verfügen über einen Bootssteg. Erst neulich wurde Parkland zu einer der sichersten Gemeinden Floridas gekürt. Die Kriminalitätsrate, hatten die Betreiber der Datensammlung "Neighborhood Scout" ermittelt, sei niedriger als in 85 Prozent aller amerikanischen Gemeinden. Statistisch gesehen.

Diskussion um Waffengesetz

Dem Massaker, wie allen anderen zuvor, folgten Forderungen nach einer Verschärfung der Waffengesetze. Laut US-Senator Bernie Sanders handelt es sich um den 44. Schusswaffenzwischenfall in US-Schulen allein in diesem Jahr. Auf Instagram äußerte er die Hoffnung, dass diesmal ein Umdenken stattfinde. Doch wie um die Diskussion im Keim zu ersticken, twitterte US-Präsident Donald Trump, dass der Amokschütze wohl psychisch gestört sei. Trump forderte dazu auf, "solche Fälle den Behörden zu melden".

Trump versprach, für mehr Sicherheit an den Schulen zu sorgen. Kinder müssten das Signal bekommen, dass sie nie allein seien, erklärte der Präsident. Es müsse in den USA auch ein Klima geschaffen werden, in dem die Würde des Lebens hochgehalten werde. Schärfere Waffengesetze, die die oppositionellen Demokraten fordern, erwähnte er nicht.

Der Vorsitzende des Repräsentantenhauses, der Republikaner Paul Ryan, sagte dagegen, sollte es Gesetzeslücken geben, die psychisch Kranken Waffenkäufe ermöglichten, müssten diese geschlossen werden. Der Kongress hatte im vergangenen Jahr eine Regelung gestrichen, die für psychisch beeinträchtigte Waffenkäufer erweiterte Überprüfungen vorsah. Die Republikaner argumentierten damals, die Vorschrift beschneide die Waffenbesitzrechte psychisch Kranker.

150 Massaker mit vier oder mehr Toten

Die Zeitrechnung der Amokläufe mit Schusswaffen in der Öffentlichkeit begann in den USA am 1. August 1966, als ein Student der Universität von Texas von der Aussichtsplattform eines Uhrturms 17 Menschen erschoss. Seither sind in den USA 150 Massaker mit vier oder mehr Toten verübt worden. Das geht aus einer Analyse der Washington Post hervor (siehe Grafik).

1.077 Menschen wurden seit 1966 bei diesen Bluttaten umgebracht. Die meisten Massaker wurden in Büros, Geschäften und Lokalen verübt. (Frank Herrmann aus Washington, 15.2.2018)