Die Lichtgestalt des deutschen Hochleistungsschlagers gastiert mehrere Tage hintereinander in der Wiener Stadthalle. Mit Präzision und Kondition entführt Helene Fischer ihr Publikum aus dem Alltag. Das versucht derweil den Takt zu halten.

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Schlager heucheln Verständnis, ist so. Das schafft Nachfrage, denn Verständnis brauchen wir alle. Ob es echtes Verstehen oder nur vorgebliches ist, bleibt zweitrangig. Tatsächliche Problemlösung wird ja hoffentlich niemand erwarten, dabei begibt sich der Schlager sehr wohl aufs Terrain der Lebenshilfe. Es geht immer um alles. Die Welt ist groß, und wir sind klein. Schlager stehen uns beim Nestbau unter diesen Umständen beiseite. Und niemand ist dabei so erfolgreich wie Helene Fischer.

Nach Tagen der Unsicherheit und zwei abgesagten Konzertterminen in Wien steht seit Donnerstagnachmittag fest: Die deutsche Sängerin wird am Freitag das erste von drei in der Wiener Stadthalle angesetzten Konzerte bestreiten.

Helene Fischer macht uns mit ihrer Musik "Mut zum Gefühl", tröstet uns mit "Keiner ist fehlerfrei" oder verheißt uns eine "Reise ins Licht".

Seufzerbrücken aus der Realität

Solche kleinen Seufzerbrücken aus der Realität kennzeichnen das Fach. Immer schon. Doch dieses "immer" wurde langsam zum Problem. Denn das Genre prägten mehrheitlich Künstler, die ihrem älter werdenden Publikum in Jahren in nichts nachstanden. Bis Helene Fischer auftauchte.

Die wollte mit Schlager zuerst nichts zu tun haben, wollte Popmusik machen, doch ihr Manager positionierte sie anders. Uwe Kanthak hatte vor Fischer schon mit Rex Gildo oder Nino de Angelo gearbeitet und gilt als großer Netzwerker im Volksmusik- und Schlagerfach. Er erkannte die Nachfrage nach frischem Blut. Zwölf Jahre und rund zwölf Millionen verkaufte Alben später weiß die deutschsprachige Welt, er hatte recht. Helene Fischer wurde zum Superstar des deutschen Schlagers.

Metalriffs und Technobeats

Fischer hat den Schlager reformiert. Sie befreite ihn vom Image der Erbschleichermusik, indem sie ihn formal erweiterte. Sie reichert ihn mit Charakteristika aus der Popmusik an, rockt, rappt und turnt zu Metalriffs oder lächelt zu Technobeats. Das hat das Fach verjüngt, hat ihm ein neues Publikum beschert, ohne das alte zu sehr zu vergraulen.

Wirkten Schlagerkonzerte oft wie Seniorenturnen, bei dem versucht wurde, im Sitzen paschend den Takt zu finden, injizierte Fischer ihren Shows Glamour. Dabei tut sie einiges, damit trotz Glitzerbombasts keine zu große Distanz zwischen ihr und dem Publikum entsteht.

Sie beschwört das Wirgefühl in ihren Shows. Es ist immer unser Abend. Ob solcher Zutraulichkeit geht schon zu Beginn ihrer Konzerte so manche Träne auf Reisen. Dann gibt sie Vollgas. Dabei wirkt die 33-Jährige immer wie frisch vom Friseur. Wenn sie im einarmigen Liegestütz singt, machen sich die kurzen Sätze ihrer Texte bezahlt.

Disziplin!

Ihre Disziplin erinnert an jene der Turner des früheren Ostblocks, an gestählte Menschmaschinen, die nach einem geschraubten Dreifachsalto rückwärts millimetergenau landen. Lächelnd? Aber sicher. Atemlos? Nicht sie.

Fischers Landepunkt ist das Herz ihres Publikums. Das erobert sie mit gefühligen Phrasen: "Lieb' mich!" Oder: "Ich brauch' das Gefühl." Und: "Es gibt ihn aber doch." Oder über das Prinzip Hoffnung: "Das letzte Wort hat die Liebe." Vorgetragen werden derlei Wanderungen am Schmalzfass im familiären Ikea-Du. Das suggeriert Seelsorge auf Augenhöhe.

Die funktioniert im Auto, im Urlaub oder zu Hause beim Feierabend-Hedonismus. Es ist der Soundtrack zur Büroparty ebenso wie der zu Stulle und Bier, bevor einen die Nachrichten oder der Zeiger der Waage wieder auf den Boden der Realität holen. Fischer ist dabei so verlässlich wie präzise. Mit gestähltem Körper und einer verletzlichen Seele ist sie ein Cyborg der Herzen.

Aus dem kalten Sibirien

Dazu passt ihr makelloses Image. Allein der Name: deutscher, reiner geht es kaum. Und erst die Vita! Geboren wurde sie 1984 im kalten Sibirien als Jelena Petrowna Fischer. Als Kind ist sie mit ihren Eltern nach Deutschland gezogen, wo sie einen Abschluss als Musicaldarstellerin machte, staatlich anerkannt, natürlich.

2004 sandte ihre Mutter Demoaufnahmen an den Musikmanager Uwe Kanthak, der Rest war überlegte Planung und konsequente Ausführung. Während ein Andreas Gabalier sich ob seiner gesellschaftspolitischen Äußerungen angreifbar macht, bleibt Fischer reine Oberfläche. Was sie denkt, weiß vielleicht ihr Lebensgefährte Florian Silbereisen.

Keine Ironie, keine Spontanität

Stellungnahmen zu Reizthemen könnten den Radius der Projektionsfläche Fischer einschränken und Teile ihres Publikums vergraulen. Das ist nicht vorgesehen. Immerhin fallen bei ihren Touren Beträge im Grenzbereich von zwei- und dreistelligen Millionen ab. Da ist kein Platz für Spontanität oder Ironie.

Der Philosoph und Musiktheoretiker Theodor Adorno nannte Schlager einmal ein "kommerzielles Werkzeug der Massenverdummung". Was Helene Fischer darüber denkt, weiß man nicht. Ihr Lächeln jedenfalls, das wirkt unerschütterlich. (Karl Fluch, 15.2.2018)