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Mehrere Reisebüros haben Touren in die Sperrzone um den Katastrophenreaktor Tschernobyl im Programm, die sich zunehmender Nachfrage erfreuen.

imago/Klaus Martin Höfer

Es gibt Ereignisse, die prägen sich ein. Nine-Eleven zum Beispiel, der 11. September 2001, Tag des Anschlags auf das World Trade Center in New York. Oder Fukushima, die Havarie im gleichnamigen Atomkraftwerk (AKW) in Japan nach einem Erdbeben und anschließendem Tsunami im März 2011. Aber auch Tschernobyl.

Jetzt, gut drei Jahrzehnte nach der verheerenden Explosion des AKW nahe der gleichnamigen Stadt in der Ukraine, die 1986 noch Teil der Sowjetunion war, finden zunehmend Touristen den Weg dorthin. Waren es anfangs nur wenige Hundert pro Jahr, wurden es bald tausende, die "Sarkophag schauen" fuhren. Der Mantel aus Stahl und Beton wurde nachträglich über den explodierten Teil gestülpt, damit keine Radioaktivität mehr aus dem Inneren des Reaktors nach außen gelangt.

Bis zu 50.000 Besucher

Im Vorjahr hat die Zonenverwaltung rund 30.000 Besucher gezählt, heuer sollen es Prognosen zufolge an die 50.000 werden. Verschiedene Reiseagenturen haben Tschernobyl im Programm. Eine ist Chernobylwel.come aus Kiew. "Viele, die uns buchen, suchen etwas Besonderes. Und das, was wir bieten, ist tatsächlich nicht alltäglich", sagt Mária Koczová im Gespräch mit dem STANDARD. Auf der Visitenkarte der gebürtigen Slowakin steht Sales Magician – Verkaufsgenie.

Auf der weltgrößten Tourismusmesse ITB in Berlin war Chernobylwel.come mit einem eigenen Stand vertreten. "Die Tschernobyl-Tour bieten wir seit 2008 an", sagte Koczová. Das meiste Interesse gebe es aus Deutschland, den Niederlanden und Polen. Auch Skandinavier buchten gerne. Chernobylwel.come habe 2017 gut 7000 Touristen in die Sperrzone geführt.

Reaktortrip für hundert Euro

Angeboten werden Gruppentouren zu einem, zwei oder drei Tagen ab Kiew. Der Eintagestrip koste 99 Euro. Darin enthalten seien die Hin- und Rückfahrt zum rund 120 Kilometer nördlich gelegenen Reaktor, Essen, Trinken, Geigerzähler zum Messen der Strahlung und ein Dolmetsch. Bis zu 300 Meter zum Sarkophag sei es ungefährlich, sagt Koczová. Während eines Tages in Tschernobyl bekomme man eine Strahlendosis von nicht mehr als zwei Mikrosievert ab, jedenfalls weniger als bei einem Transatlantikflug.

Viele Besucher seien, als die Decke von Block vier am 26. April 1986 in die Luft flog, noch nicht geboren gewesen. Unmoralisches kann Koczová am Geschäft mit der Katastrophe von Tschernobyl nichts finden: "Wir zeigen, welche Auswirkungen menschliche Schwächen haben können." Man vermittle Gespräche mit Menschen, die in die Aufräumarbeiten nach der Katastrophe involviert waren. So könnten sich Besucher ein authentisches Bild davon machen, was damals vorgefallen ist.

Japan zieht nach

Sieben Jahre nach Fukushima versucht auch die japanische Regierung, wieder mehr Touristen in die Region zu locken. Seit der Atomkatastrophe am 11. März 2011 war der Zugang zum Gelände des havarierten AKW nur Experten, Politikern und Medienvertretern gestattet. Bald schon sollen auch normale Einzelbesucher Zugang bekommen. Bis 2020, wenn Tokio die Olympischen Sommerspiele ausrichtet, soll sich die Zahl der Fukushima-Touristen auf 20.000 verdoppeln. Das Interesse scheint gegeben, auch auf der ITB. Die Fukushima-Flyer beim Japan-Stand waren in kurzer Zeit vergriffen. (Günther Strobl aus Berlin, 13.3.2018)