George Kern möchte die Marke breiter aufstellen und den Fokus nicht nur auf die Fliegeruhren richten.

Foto: Breitling

Die Flügel hat er Breitling bereits gestutzt: Sie sind weitgehend aus dem Logo verschwunden.

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Die schlichten Modelle der Navitimer-8-Kollektion sollen Breitling neue Kunden bringen.

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Inspiration für neue Modelle bzw. Neuauflagen können sich die Designer aus dem umfangreichen Archiv der Marke holen.

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Bei Breitling gab es in den letzten Monaten ein Streichkonzert. Partys? Gestrichen! Hostessen? Gestrichen! Flügel? Gestrichen! Verantwortlich dafür ist der Neue am Dirigentenpult der 1884 gegründeten Marke: George Kern. Ein erfolgreicher Uhrenmanager und so etwas wie ein Wunderwuzzi der Uhrenbranche.

Rückblende: Im Juli 2017 wurde bekannt, dass George Kern Richemont, den zweitgrößten Luxuskonzern der Welt, verlässt und als Miteigentümer zu Breitling geht. Eine Mehrheit an der Uhrenmarke hatte sich zuvor der britische Private-Equity-Investor CVC gesichert. Man suchte nach einer Topkraft und stieß bei Kern auf offene Ohren. Was viele verwunderte, war er doch erst zum mächtigen Boss aller Richemont-Uhrenmarken wie Jaeger-LeCoultre oder A. Lange & Söhne aufgestiegen. Dieser Job war eigens für ihn geschaffen worden. Doch der Reiz des Unternehmertums war größer.

Reich der Mitte erobern

Vor allem sah er das Potenzial der tendenziell unterbewerteten, vergleichsweise kleinen Marke, deren Jahresumsatz auf etwa 390 Mio. Euro geschätzt wird: gobal bekannt, lange Tradition, leicht angestaubt. Bekannt für seinen Geschäftssinn, erkannte Kern, dass man, optimiere man die Distribution, die Bruttomarge von 45 auf 65 Prozent heben könne.

Das heißt, mehr Monobrand-Boutiquen, weniger Händler. Diese Boutiquen würden künftig Lounges heißen und an Lofts erinnern, erklärte er bei einer Roadshow in Zürich. Die erste dieser Lounges wird in Schanghai eröffnet werden. Das ist kein Zufall, Kern plant, das Reich der Mitte zu erobern. Denn in China war die Marke bis dato kaum präsent. In den USA etwa ist sie die viertgrößte Marke. In Österreich wird Breitling nur von Rolex in die Schranken gewiesen, was die Bekanntheit betrifft.

Dickes B

"Leute kaufen Uhren wegen der Marke, der Marke und der Marke", sagt Kern dazu. Also ging er daran, den, Pardon, Kern der Marke freizulegen und ihr die Flügel zu stutzen. Sprich, weniger Fokus auf die Fliegerei, weg mit den Flügeln im Logo. So steht nun das alte Breitling-B, bereits zu sehen auf der Superocean Heritage, allein da und unterstreicht den Willen des neuen Managements, die Marke zu entrümpeln. "Zu viel Auswahl ist keine Auswahl", so das Motto.

Und weil sich die erwähnte Superocean Heritage, eine Wiederauflage der Taucheruhr aus dem Jahre 1957, zu einem Bestseller entwickelt hatte, setzt man bei der ersten neuen Kollektion voll auf den Retrotrend.

Masse = Erfolg

Aus dem umfangreichen Archiv brachte Kern die Navitimer 8 mit. Sie basiert auf einem historischen Modell und kommt – anders als die bisher bekannten Navitimer – ganz ohne Rechenschieber aus. Aficionados wird an dieser Stelle das Herz bluten. Aber der gebürtige Deutsche beruhigt: Es wird die legendäre Navitimer weiterhin auch mit Rechenschieber geben.

Den wirtschaftlichen Erfolg mache die Masse aus, sagt Kern. Dieser muss man etwas anbieten, ein gefälliges, robustes Produkt, nicht zu klein, nicht zu groß – das spiegelt sich im Design der Navitimer-8-Kollektion wider: Es ist stromlinienförmig, ohne Ecken und Kanten.

Man möchte zudem mehr Frauenuhren anbieten und sich in den drei klassischen Uhrenwelten – Wasser, Luft, Land – klar positionieren. Ein einschlägiges Onlineangebot wird folgen: ein Verkaufskanal, auf den die Marke nicht verzichten kann. Schließlich sitzt Kern der Erfolgsdruck im Nacken. Seine Partner sind nicht dafür bekannt, einen langen Geduldsfaden zu haben: Die wollen so schnell wie möglich ihre Investitionen (rund 680 Mio. Euro soll CVC Breitling wert gewesen sein) wieder hereinspielen. (Markus Böhm, 18.4.2018)

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