Paavo Järvi: "Als Dirigent bist du wie ein Regisseur, der gleichzeitig auch Schauspieler ist."

Foto: apa

Wien – Jene Damen und Herren, die das Dirigierfach auf hohem Niveau zelebrieren, sind rar und begehrt. Man ist somit heute da, morgen dort, und auch für Übermorgen gibt es Pläne – da staunt wohl auch Paavo Järvi: Der Russe Kirill Petrenko, Generalmusikdirektor der Bayrischen Staatsoper, zaubert ab 2019 bei den Berliner Philharmonikern. Sir Simon Rattle, dem Petrenko in Berlin folgt, geht zum London Symphony Orchestra. Rattle ist damit nicht unweit der Lettin Mirga Gražinytė-Tyla tätig. Sie steht an der Spitze des City of Birmingham Symphony Orchestra, bei dem einst Rattles Karriere begann. Auch hierzulande Bewegung: Der Maestro der Symphoniker, Philippe Jordan (auch Musikchef in Paris), wird Musikdirektor der Wiener Staatsoper. Sein Nachfolger bei den Symphonikern wird Andrés Orozco-Estrada. Er wiederum fungiert auch als Leiter des HR-Sinfonieorchesters, wodurch er Nachfolger von Paavo Järvi wurde.

Zu viel im Flieger

Järvi selbst, wie gesagt, mag ob der Aufzählung, die sich locker fortsetzen ließe, etwas staunen. Flexibilität, was Orchesterengagements anbelangt, sind dem viel reisenden Esten allerdings nicht fremd. In den letzten Monaten hat er seine Qualitäten auch in Wien als Chef der Deutsche Kammerphilharmonie Bremen aufleuchten lassen. Ebendies tat er mit dem NHK Symphony Orchestra. Und auch mit dem Estonian Festival Orchestra, das "sehr international besetzt ist", aber Estland, das 2018 offiziell 100. Geburtstag feiert, repräsentieren soll, reüssierte Järvi. Alle drei Ensembles betreut er in leitender Funktion: "Im Moment ist das perfekt für mich. Ich schätze die Abwechslung. Wenn ich eine Saison plane, versuche ich aber, das Repertoire sinnvoll zu bündeln." Also: Wenn Bruckner in Tokio ansteht, dann wird Bruckner möglichst in zeitlicher Nähe etwa auch in Berlin angesetzt.

Stress ist natürlich da und bedeutet für Järvi "zu viel Flugzeug", und auch das Erarbeiten neuen Repertoires: "Ich will und muss Neues lernen. Aber die Zeit, sich dafür zurückzuziehen, ist beschränkt, das würde ich gerne ändern. Natürlich bereite ich mich gründlich vor, etwas mehr Rückzug wäre jedoch günstig." Allerdings ist Järvi kein oberflächlicher Luftmasseur. Bei seinen Orchestern setzt er auf Kontinuität mit dann exzellentem Ergebnis: Seine Aufnahmen aller Beethoven-Symphonien mit der Kammerphilharmonie Bremen waren preisgekrönte Exempel ausdifferenzierten, lebendigen Musizierens.

"Manche Dirigenten motiviert die Erstbegegnung, manche brauchen Kontinuität. Ich gehöre wohl zur zweiten Gruppe, ich muss die Dinge öfters dirigieren, deswegen bleibe ich lange bei Orchestern." Es gilt, zu verfeinern und zu vertiefen: "Manche Ideen funktionieren eben nur im Kopf", sie bedürfen der Überprüfung durch die Realität des Orchestralen, durch die Konzertsituation, der etwas Spezielles anhaftet: "Ich versuche im Konzert immer weniger zu denken. Zu viel Kontrolle kann den Instinkt behindern. Das Musizieren muss frei sein, ich denke mir: Lass sie spielen, gehe mit den Musikern! Es gibt dann intuitive Entscheidungen, an die man vorher nicht gedacht hat. Manchmal sind sie überraschend gut. Natürlich ist dieser Zugang auch gefährlich, wenn dich die Musiker nicht gut kennen." Das Dirigieren sei eben ein Balanceakt zwischen Kontrolle und Freiheit. "Als Dirigent bist du ein Regisseur, der gleichzeitig auch Schauspieler ist. Eine Seite von dir muss mit Logik rangehen, eine andere fühlend involviert sein."

Fast Angst vor Nachrichten

Reichlich Emotion kommt auch auf, wenn Järvi morgens, wo auch immer, die Vorgänge der Welt rezipiert: "Manchmal habe ich fast Angst, in der Früh Nachrichten zu schauen, es wirkt doch alles eher surreal. So kompliziert und unklar war die Weltlage noch nie, keine Ahnung, was passieren wird. Wer hätte gedacht, dass nach dem Kalten Krieg wieder so viele Gegensätze aufgebaut würden. Und die Lage in den USA ist auch nicht gerade beruhigend." Järvi schließt jedoch nicht gänzlich aus, dass die Welt in den nächsten Monaten und Jahren noch steht. Jedenfalls hat er vor, mit einem weiteren (seinem) Orchester nach Wien zu kommen. Er wird ab 2019 Chef des Zürcher Tonhalle-Orchesters. (Ljubiša Tošić, 2.4.2018)